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29. Mai 2017

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Bücher

Buchrezension: Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften

Citizen Science, die Einbindung von nicht-professionellen Forschern in die akademische Arbeit, bietet auch für Kultureinrichtungen viele Potenziale. Bisher gibt es aber kaum allgemeingültige Methoden dafür. Der auf der gleichnamigen Tagung basierende Sammelband „Bürger Künste Wissenschaft“ zeigt, wie das Kulturmanagement durch die Organisation neuartiger Formate als Bindeglied zwischen der Wissenschaft und der nicht-professionalisierten Forschung fungieren kann.

Das Ende der Deutungshoheit

Der digitale Wandel hat enorme Auswirkungen auf den Umgang mit und die Verarbeitung von Wissen. Es zeichnet sich ab, dass althergebrachte Expertisen zunehmend ihre Deutungshoheit verlieren und sich für andere Kooperationen bzw. Herangehensweisen öffnen müssen. Obwohl gerade das Wissenschaftsfeld von diesen Tendenzen betroffen ist, sehen sich die Verantwortlichen in diesem Bereich nach wie vor gern als alleinige VertreterInnen forschungsgeleiteter Erkenntnis. Nur zögerlich setzt sich das Verständnis durch, dass die Einbindung unterschiedlicher Wissensbestände andere, vielleicht sogar innovativere Forschungsergebnisse möglichen machen könnte.

Die Überschneidungen zum Kulturbereich sind dabei sehr vielfältig – zum einen, weil (kultur-)wissenschaftliche Erkenntnisse auch in vielen Kultureinrichtungen in die Programmerstellung einfließen und sich die inhaltlich Verantwortlichen selbst als WissenschaftlerInnen definieren. Zum anderen aber auch, weil die Kultur sich ähnlich wie die universitäre Wissenschaft über Expertisen und Deutungshoheiten definiert und damit zugleich von ihrem Publikum absetzt.

Besonders deutlich zeigt sich diese konservative Haltung am Umgang der Wissenschaft mit dem Thema Citizen Science. Zunehmend breitet sich in vielen Gesellschaftsbereichen die Forderung aus, dass nicht-ausgebildete, aber thematisch interessierte (Hobby-)Forscher gezielter in wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Projekte eingebunden werden sollten. Doch anstatt dieser Bewegung zu folgen, reagieren viele Akteure mit Abgrenzung oder Skepsis. Somit agieren beide Seiten weiterhin fast unabhängig voneinander und mögliche Synergien gehen verloren. In diesem Spannungsfeld, das man beispielsweise auch aus der Öffnung der Kultur für Social Media und partizipative Formate kennt, bewegt sich der Sammelband „Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften“, den Kristin Oswald und René Smolarski im Jahr 2016 herausgegeben haben.

Aufbau und Zielgruppe des Sammelbandes

Das Buch hinterfragt die aktuellen Entwicklungen und präsentiert beispielhaft zukunftsweisende Ansätze für die Nutzung der Bürgerforschung. Da es sich um einen Konferenzband handelt, changieren die 13 Beiträge in den fünf Kapiteln des Buches (Einleitung, Grundlagen – Wissenschaft und Bürger, Bürgerwissen sichern, Bürgerwissen und Museum, Weiternutzung von Bürgerwissen) konzeptionell zwischen einführender Theorie und anwendbarer Praxisnähe. Bedauerlicherweise ist es dem Stil des einen oder anderen Artikels durchaus anzumerken, dass er aus einem Vortragsskript hervorgegangen ist, was der Lesefreude nicht gerade zuträglich ist. Trotzdem führt der Aufbau des Bandes dazu, dass zum Lesen des Werks kein Fachwissen über das Themenfeld benötigt wird und eine erste Auseinandersetzung mit Cititzen Science durch KulturmanagerInnen ohne weiteres möglich ist.

Zum besseren Verständnis der Ausgangsthematik liefern die ersten Texte eine solide Einführung in die wesentlichen Grundlagen. Anschließend werden Programme oder Projekte mit Vorbildcharakter vorgestellt, um aufzuzeigen, wie eine systematische Nutzung von Erkenntnissen nicht-professioneller ForscherInnen funktioniert bzw. welche Probleme sich in diesen Kontexten ergeben können.

Museen als Anwendungsfeld für Citizen Science?


Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Feld der Museen, da diese sich als forschungsnahe Kultureinrichtungen aufgrund ihres Vermittlungsauftrags besonders für Citizen Science-Projekte zu eignen scheinen. Zunehmend geht es in Museen nicht mehr nur darum, die BesucherInnen frontal zu belehren, sondern sie – etwa unter den Schlagworten Audience Development oder Community Building – in neuartigen, partizipativen Formaten auch an der Interpretation oder Weiterentwicklung kulturhistorischen Wissens teilhaben zu lassen.

Dafür werden spezielle Experimentierräume oder Online-Plattformen (wie das im Buch vorgestellte Artigo) eingerichtet, die eine tiefgreifende und eigenständige Auseinandersetzung mit (digitalen) Objekten und ihren Wissensbezügen erlauben. Allerdings findet das dabei produzierte Wissen in der Regel keinen Rücklauf in die wissenschaftliche Arbeit. Nur selten kooperieren Forschungsmuseen so eng mit HobbyforscherInnen (etwa historischen oder archäologischen Vereinen), dass deren Arbeit berücksichtigt würde.

Dennoch müssen nach Meinung der HerausgeberInnen gerade die Kultur- und Geisteswissenschaften eine besondere Rolle im Citizen Science-Diskurs einnehmen, da sich diese Fachrichtungen mit den kulturellen Grundlagen der Lebenswelt und ihrer historischen Entwicklung beschäftigen. Dieser Logik folgend ergeben sich enorme Überschneidungen mit der Alltagswelt der Menschen und somit mit Themen, die für nicht-professionell ausgebildete Hobbyforscher von besonderem Interesse sind.

Fazit

Dem Sammelband gelingt es, die unterschiedlichen Aspekte der Ausgangsthematik auf interessante und zugängliche Weise zu durchleuchten. Empfehlenswert wäre allerdings ein abschließendes Resümee gewesen, um die einzelnen Facetten des Themas noch einmal systematisch aufzugreifen und zu möglichen Handlungsempfehlungen oder Strategien zu verdichten. Es mangelt in diesem Feld durchaus noch an Methoden oder Werkzeugen.

Umso bedeutungsvoller ist die Frage nach der zukunftsweisenden Institutionalisierung der Bürgerwissenschaften. Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes machen deutlich, dass bereits erste Schritte zur Professionalisierung dieses Feldes gemacht wurden. Gleichsam bedarf es notwendigerweise neuen (auch politisch geförderten) Programmen, durch die sich Infrastrukturen und Ressourcen für derartige Kontexte entwickeln können. Zwar handelt es sich hier originär um eine Aufgabe von Forschungsinstitutionen, aber angesichts der zunehmend bereichsübergreifenden Aufgaben von KulturmanagerInnen und KulturvermittlerInnen können die Konzeption und Durchführung von Citizen Science-Projekten auch eine Aufgabe des Kulturmanagements sein.

Das gilt nicht nur für den musealen Kontext. Gerade in der freien Kunst- und Kulturszene werden die BesucherInnen bereits sehr stark in die Produktion von Kunst integriert. Diese Ansätze der Soziokultur sind jenen des Citizen Science nicht unähnlich. Darauf aufbauend könnten sich AkteurInnen aus dem Kulturmanagement an der Produktion von offenen Forschungsräumen beteiligen, in der unterschiedliche Wissensträger mit ihren jeweiligen Expertisen zusammenkommen und sich mit bestimmten wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Themen beschäftigen. Dies würde auch dem veränderten Umgang mit Wissen in der digitalisierten Wissensgesellschaft entsprechen.

Das Buch ist im Open Access erschienen und kann auf der Verlagshomepage als EPUB und PDF kostenlos heruntergeladen werden.

Henning Mohr arbeitet als Projektkoordinator des BMBF-Modellprojekts INTRAFO („Intrapreneurship in Forschungsmuseen“) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum. Vorher hat er im DFG-Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft heute“ (TU Berlin, Institut für Soziologie) seine Dissertation über die Funktionalisierung künstlerischer Strategien für den Strukturwandel des Ruhrgebiets abgeschlossen.

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Henning Mohr
28.04.2017, Julia Jakob
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