Zur Navigation springen
Zum Inhalt springen

Es folgt der Seiteninhalt

Es folgt der Seiteninhalt
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: Ein sicherer "Besitzstand"
Seite zurück Liste
Hintergrundbericht

Kinostart für Friedensschlag

Regisseur Gerardo Milsztein

Nach einer beeindruckenden Preview-Tour durch Deutschland mit unzähligen spannenden Gesprächen und tollem Feedback startet FRIEDENSSCHLAG heute bundesweit in den Kinos. Interview mit Regisseur Gerardo Milsztein.

2002 gründeten Rupert Voss und Werner Makella in Taufkirchen bei München die Work and Box Company als Projekt zur Betreuung gewaltauffälliger männlicher Jugendlicher und junger Männer – für viele der Teilnehmer die letzte Alternative zum Knast. Ihre Methodik des Projekts basiert auf der individuellen Auseinandersetzung mit jedem Einzelnen, auf dem Verstehen der männlichen Psyche als Voraussetzung dafür, alte Verhaltensmuster aufzulösen und neue Handlungsfreiheit zu gewinnen. Work and Box: das sind die zwei wesentlichen Bausteine des Projektjahres: Die Vorbereitung der Jugendlichen auf die Aufnahme einer Ausbildung oder einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt – einschließlich der aktiven Vermittlung in entsprechende Stelle – und das Boxen.

Der Boxkampf, mit dem sich fast alle Teilnehmer lange schwer tun, ist Handlungsfaden und zugleich Auslöser für die persönliche Entwicklung der Protagonisten. Beim Boxen erleben sie einen Prozess der Transformation. Sie beginnen damit, Kontakt zu sich selbst herzustellen, sie lernen die eigenen seelischen Verletzungen - den Kern - zu erkennen, und beginnen, mit sich und ihrer Geschichte Frieden zu schließen. Im Ring ist jeder Einzelne gezwungen, sich ehrlich und unverstellt zu zeigen. Trauer und Freude, stille Gewissheit, Verzweiflung und Hoffnung liegen nahe beieinander.

Ebenso ungewöhnlich wie die Methodik ist der Erfolg der „Work and Box Company“: Fast alle Teilnehmer stehen das Projektjahr durch, mehr als 80 Prozent der Jugendlichen finden im Anschluss an das Maßnahmenjahr eine Ausbildung oder Arbeitsstelle. Für die meisten zum ersten Mal in ihrem Leben, werden die jungen Männer mit einem positiven Vaterbild und echter Autorität konfrontiert. Im »Jahr der Entscheidung« zeigt sich, ob sie ihre letzte Chance Boxtraining André Kurz und Eftal annehmen, falsche Selbstbilder abstreifen und sich mit der Realität und damit ihrer eigenen Geschichte versöhnen. Ausweichen, kontern, attackieren, Verteidigung oder Rückzug?

Regisseur Gerardo Milsztein erzählt mit unbedingtem Respekt und großer Nähe zu seinen Protagonisten, authentisch und auf Augenhöhe. Wir erleben schier aus- weglose Situationen – und erkennen, dass es immer noch Lösungswege gibt. Was sich in jeder Projektbeschreibung wie ein frommer Wunsch liest, macht FRIEDENSSCHLAG auf ungemein packende und emotionale Weise erlebbar: Um jeden einzelnen dieser von der Gesellschaft meist schon aufgegebenen jungen Männer lohnt es zu kämpfen. Es gibt einen Weg zurück ins Leben.

Interview mit Regisseur Gerardo Milsztein

Wie ist Friedensschlag entstanden, was stand am Anfang Ihres Filmprojekts?

Gerardo Milsztein: Als ich mit dem Filmemachen angefangen habe, habe ich mich gefragt, wie ich das mit gesellschaftlichen und sozialen Fragen verbinden kann. Und mein Wunsch war immer groß, einen künstlerischen Weg zu finden, um mit meiner eigenen Erfahrung, dem eigenen Schmerz in Kontakt zu kom- men. Konkreter wurde das, als ich Ende der 90er Jahre bei einem Vortrag über Jugendgewalt war, den Thomas Krug vom Landratsamt München am Gymnasium meines ältesten Sohns hielt. Das hat mich interessiert, wir sind in Kontakt geblieben und haben zusammen zwei kleine Filme für Schulen gemacht.
Und irgendwann bekomme ich einen Anruf: Hallo, hier Rupert Voss, ich habe Ihre Telefonnummer von Thomas Krug bekommen, wir sind gerade dabei, ein Projekt zu gründen... Ich habe mich dann mit Rupert Voss und Werner Makella getroffen, und wir haben uns sofort verstanden. Ein Jahr später haben sie sich wieder gemeldet und gesagt: Vor zwei Monaten haben wir mit der Work and Box Company angefangen, nächstes Wochenende machen wir eine Bergtour mit den Jungs, hast du Lust mitzukommen? – Ich bin dann mit einem Kollegen zur Bergtour mitgegangen, wir haben gedreht – und danach wusste ich, dass ich einen Film darüber machen wollte.

Wenn Sie vom eigenen Schmerz sprechen: Haben Sie einen besonderen eigenen Bezug zum Thema Ihres Films?

Gerardo Milsztein: Es ist nicht so, dass ich diesen Film machen wollte, weil ich eine verlorene Kindheit gehabt hätte. Im Gegenteil, ich wurde von meinen Eltern sehr geliebt. Es geht für mich um einen größeren Zusammenhang, um das Fortwirken in einer Familienlinie. Große oder kleine Dramen, die sich in der Familie abspielen, haben oft einen unbewussten Ursprung in der Vergangenheit dieser Familie. Bei mir zum Beispiel ist immer noch der Schmerz meiner Großeltern lebendig, die vor dem Zweiten Weltkrieg aus einem kleinen Shtetl in Polen nach Argentinien ausgewandert sind. Der Holocaust hat sie gezwungen, in Buenos Aires zu bleiben, und dort mussten sie erfahren, dass ihre ganze Familie ums Leben gekommen war. Das veränderte das Leben und das Gemüt meines Großvaters radikal. Ein extrem tiefer Gruppen-Schmerz, der mich immer noch begleitet, obwohl ich 30 Jahre später geboren bin.
Seit meiner Kindheit habe ich mich gefragt, wer ich bin. Bin ich der, der durch die Familiengeschichte bestimmt ist, oder kann ich mich jemals als frei von der Konditionierung meiner Herkunftsfamilie betrachten? Das war mir alles schon in dem Moment bewusst, als ich zum ersten Mal mit Werner und Rupert gesprochen habe und sie mir erklärt haben, wie sie vorgehen und wie sie auf systemischer Ebene arbeiten. Das waren alles Dinge, die ich selbst er- fahren hatte. Und die extrem filmisch für mich sind.
Dazu kommt, dass ich in Argentinien aufge- wachsen bin, während der Militärdiktatur. 20 Jahre lang habe ich Repression, sozialen Betrug, Mord, das Verschwinden von Menschen in meinem Land miterlebt. Ich habe gelernt, darüber zu reflektieren und mit diesem Schmerz aus meiner Jugend umzugehen, so gut ich kann. Es ist nicht leicht, mit den Traumata der Vergangenheit zurecht zu kommen, aus unseren oder aus früheren Generationen. Als Filmema- cher möchte ich das in meiner Arbeit aus- drücken. Für Friedensschlag bedeutet das: Weil ich weiß, wie sich Familiengeschichte in einem auswirkt und wie ohnmächtig man oft gegen diese Vergangenheit ist, ist der Film für mich auch ein Versuch, etwas für diese Jungs zu tun. Weil sie die Gewalt am eigenen Leib erleben und selbst ausüben, aber nicht über die Werkzeuge verfügen, um das zu verarbeiten.

War es schwer, die Finanzierung für Friedensschlag zu finden?

Gerardo Milsztein: Mit dem Material von dem ersten Recherche-Dreh bei der Bergtour und einem ersten Exposee bin ich erstmal auf die Suche nach Fernsehsendern gegangen. Ich hatte damals schon über 40 Filme als Kamera- mann gemacht, auch Kinofilme, aber es hat trotzdem nicht geklappt. In der Phase hatte ich den Plan: Bitte, Work and Box, kauft mir eine kleine Kamera, besorgt mir einen Schnittplatz, und ich mache das, alHobby. Ich wollte diesen Film unbedingt machen. Auch weil ich gesehen habe, dass in der Entwicklung der Protagonisten die Möglichkeit eines griechischen Dramas liegt. Da sind Jungs, die unglaublich hart drauf sind und die ... die zu Gold werden können. Das ist ein Transformationspro- zess, der da stattfinden kann, eine drama- tische Entwicklung wie in einem Spielfilm.
2005 habe ich Christian Baudissin vom BR getroffen und ihm vom Projekt erzählt. Er hat das Exposee gelesen, das Material gesehen und gesagt, ja, wir machen mit, aber such dir einen Produzenten. Schließ- lich waren es dann die Leute von Work and Box, die mich auf Boomtown Media hingewiesen haben. Nachdem ich Rhythm is it! gesehen hatte, wusste ich, dass ich mit Boomtown die besten Produzenten für meinen Film gefunden hatte.

Hatten Sie geplant, ein ganzes Projektjahr filmisch zu begleiten?

Gerardo Milsztein: Für mich war klar, dass ich diese 10 Monate brauche. Ich habe 60 Drehtage kalkuliert, damit ich mindestens ein bis zwei- mal in der Woche zum Projekt und zu den Jungs kommen kann. Es war klar, dass wir im vorhinein nicht wissen können, wann was passiert, dass das ein bisschen wie Lottospielen sein würde. Die Produzenten haben das verstanden, und ich habe meine 60 Drehtage bekommen. Ich hatte auch eine kleine HD-Kamera dabei, mit der ich spontaner und ganz alleine drehen konnte. Deswegen habe ich manche Situationen spontan „erwischt“, z.B. die entscheidende Szene mit Eftal. Ich bin morgens aufgestanden und hatte den starken Impuls, zu Work and Box zu gehen. Ich kam an, und plötzlich geht es los, Eftal fängt an zu schreien, Jürgen und Werner reagieren... Es war kein regulärer Drehtag, mein Tonmann war nicht dabei, und ich hatte nur die kleine Kamera mit einem Speicherchip von 30 Minuten. Aber so habe ich eine der Schlüsselszenen des Films erwischt.

Wie groß war Ihr Team, wie war die Aufgabenverteilung?

Gerardo Milsztein: Es gab meine Mitarbeiterin Gudrun Friedrich, die ich bei Work and Box kennengelernt hatte, als sie für einen eigenen Fernsehbeitrag recherchierte. Sie war mehr als eine Regieassistentin. Zusammen mit Boomtown war sie die organisatorisch- strukturierende Kraft. Sie hat viele gute Kontakte zu Behörden mitgebracht, z.B. zur Polizei, wodurch das Drehen im Knast möglich wurde. Wir haben uns auch in der Kommunikation mit den Jungs ergänzt und abgewechselt, ich mit der Kamera auf der Schulter und Gudrun mit ihrer „mütterlichen Energie“ gegenüber den Jungs.
Ganz entscheidend war mein Tonmann Robert Kellner. Für uns war klar, dass wir fürs Kino und mit manchmal 10 Protagonisten im Raum niemals mit zwei Tonspuren hinkommen würden, sondern dass wir einen 6-Kanal-Ton brauchen würden. Robert hat ein eigenes System ausgetüftelt, das beim Drehen eine große Freiheit ermöglicht und mit dem man am Ende Bild und Ton automatisch synchronisieren kann – was sehr wichtig ist bei der Menge an Material, die wir gedreht haben. Dazu kamen wechselnd Leute, mit denen ich schon lange zusammenarbeite, für die zweite Kamera oder Kameraassistenz, wie René Liebig oder Oliver Sachs. Und, ganz wichtig, Rafael Kucab war fast immer als Praktikant dabei. Rafael war selbst mal Teilnehmer bei Work and Box und hatte einen ganz eigenen Draht zu den Leuten dort.

Wie haben die Teilnehmer auf das Filmprojekt reagiert?

Gerardo Milsztein: Das Filmen war in diesem Jahr sozusagen ein integrierter Teil des Projekts. Ich habe bei der Vorstellung gesagt: „Ich will diesen Film machen, und ich weiß, dass das von allen Beteiligten viel Mut erfordert. Ich will das machen, weil ihr an einen Punkt gekommen seid, wo es so nicht mehr weitergeht für euch, und weil immer mehr Jungs da landen, wo ihr jetzt seid. Und der Film kann vielleicht dabei helfen, das zu verhindern.« Und dann habe ich gefragt, ob jemand etwas dagegen hat. Niemand hatte etwas dagegen. Man sieht das im Material: Sie haben von Anfang an mitgemacht, kaum einer hat in die Kamera geschaut.
Dass diese Nähe von Anfang da war, hat mich selbst erstaunt. Ich glaube, das liegt daran, dass die Jungs nicht scheu sind. Sie haben kein Problem, sich zu zeigen, wie sie sind. Die Qualität, die sie haben, ist Ehrlichkeit. Und ihre Anti-Qualität, so- zusagen, ist: Sie schauen in die falsche Richtung, in die dunkle Seite in sich. Das Ziel von Work and Box ist, dass sie sich drehen, dass sie die Perspektive wechseln. Auf dieser Ebene habe ich mit den Jungs gesprochen und ihnen gesagt: Du interessierst mich nicht, wie du dich zeigst, ich bin daran interessiert, wie du bist.

Die Erfolgsquote der Work and Box Company ist ungewöhnlich hoch. Liegt das eher an der Methodik oder doch am Charisma der Macher?

Gerardo Milsztein: Ich denke, was diese Menschen haben, ist nicht nur Charisma, sondern Selbsterkenntnis. Das ist die Basis ihres Systems. In dem Moment, wo sie nicht mehr in die Falle der eigenen Konditionierungen tap- pen, können sie so arbeiten, wie sie es tun. Dahinter steht für mich ein sozusagen „spiritueller“ Ansatz, nicht im esoterischen Sinn, sondern im Sinn von: wirklich an den menschlichen Kern zu kommen. Und dazu gehört, sich seine eigenen Konditionierungen klar zu machen und Strategien zu entwickeln, damit die Jungs ihre Konditionierungen bewusst erleben. Das Ausrasten von Juan ist dafür ein gutes Beispiel. Es geht immer um den Versuch, jeden einzel- nen der Jungs an seine Grenze zu bringen, damit er sich selber sieht. Es gibt niemand, der von außen wertet und sagt: Du bist ein Arschloch, wenn du dich so verhältst ... Das ist die wirkliche Qualität von Work and Box: Sie geben den Jungs immer und in jedem Moment eine neue Chance. Sie sagen: Okay, du verhältst dich gerade wie ein Arschloch. Aber wir wissen, du bist mehr als das, was du gerade von dir gibst.

Friedensschlag hat einen überraschenden Effekt: Man hat plötzlich das Gefühl, dass das, was da verhandelt wird, nicht nur mit jungen Männern aus einem bestimmten sozialen Umfeld zu tun hat, sondern auch mit einem selbst. Diese Jungs zeigen uns etwas, das wir selbst auch haben, aber nur schwer als Teil von uns selbst zulassen: einen bestimmten Umgang mit unseren Ängsten, Aggressionen, Frustrationen, unserem Schmerz und unserer Gewalt. Wenn ich in der Reibung mit mir selbst nicht ehrlich bin, spalte ich die Aggression, die Gewalt etc. ab und „dämonisiere“ sie in diesen Jungs – weil die eben alles auf eine Art ausleben, die sehr vordergründig ist; eine rein kulturbedingte Eigenschaft. Diese Jungs werden dann für mich »böse«, und ich bin es nicht. Man muss aber ernsthaft fragen, wo Gewalt in unserer Geschichte und Gesellschaft, in unserem eigenen Leben, in uns selbst vorhanden ist. Und wenn ich wirklich anfange, damit umzugehen und zu akzeptieren das ich es auch in mir trage, ohne Abspaltung, dann kann sich etwas in mir verändern. Das ist etwas, was die Jungs uns zeigen. Sie zeigen im Grunde: Mann, du hast es auch! Deswegen, glau- be ich, sieht man den Film, und er berührt einen. Weil er vielleicht Punkte in der eigenen Verletzung berührt, mit denen man sich identifizieren kann.
In der filmischen Wirkung hat das damit zu tun, dass wir uns ständig an einer ästhetischen Grenze bewegen. Ist das jetzt echt oder ist es gespielt? Ich glaube, das ermöglicht es dem Zuschauer, ein bisschen Distanz und gleichzeitig Zeit zur Reflexion über sich selbst zu haben. Die persönliche Identifikation entsteht auch, weil man diese Jungs liebgewonnen hat und weil es eine filmische Identifikation gibt. Dann sind sie keine Feinde mehr, sondern Menschen, die leiden. Und wenn sie leiden, sind wir wieder auf der gleichen Augenhöhe – und in dem Moment sind wir wieder bei uns selbst. Ich weiß nicht, wie ich das genau ausdrücken soll. Aber ich bin sehr glückich, dass es aufgegangen ist.

15.04.2010, Dirk Heinze
Weiterführende Links: www.boomtownmedia.de, www.friedensschlag.de
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: Ein sicherer "Besitzstand"
Seite zurück Liste
Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Themenbereichen
[Film/Kino]

Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Sparten
[Film/Kino]