»Was im Netz ist, wird wahrgenommen«
STANDARD: Seit fünf Jahren kämpfen Sie um einen neuen Tiefspeicher. Denn die Lagerkapazitäten werden 2012 erschöpft sein. Die Kulturministerin konnte aber kein Sonderbudget aushandeln. Müssen Sie die Bücher ab dann am Minoritenplatz stapeln - vor dem Fenster von Claudia Schmied?
Rachinger: Nein, wir haben uns für ein, zwei Jahre Luft schaffen können durch ein umfangreiches Digitalisierungsprojekt: Die historischen Zeitungen werden schneller gescannt, als wir es vorhatten. Sie kommen daher nicht mehr in die Ausleihe - und können in einem Dachbodenmagazin gelagert werden. Dieses ist zwar nicht klimatisiert, aber unsere Restauratoren haben keine Einwände geäußert. Wir werden uns auch weiterhin für den Tiefspeicher am Heldenplatz einsetzen. Aber wenn ich mir die Budgetsituation anschaue, schätze ich die Chancen gering ein, dass wir das Projekt rasch realisieren können.
STANDARD: Wenn schon nicht am Minoritenplatz: Einen Lagerplatz werden Sie brauchen.
Rachinger: Wir sind auf der Suche nach Alternativen. Gibt es geeignete Gebäude im Besitz der Bundesimmobilien-Gesellschaft? Wie schauen die Lagerangebote der Privatwirtschaft aus? Diese Fragen wollen wir bis zum Spätsommer geklärt haben.
STANDARD: Laut einer Studie ist der Tiefspeicher die kostengünstigste und umweltverträglichste Lösung: Die Errichtungskosten sind zwar höher als bei einem Hochspeicher am Stadtrand, die Transport- und Klimatisierungskosten aber weit geringer. Ein angemietetes Lager kann daher gar nicht sinnvoll sein.
Rachinger: Ein Ersatzlager wird sicher hohe Kosten verursachen. Und es fehlt die Nachhaltigkeit. Es ist kein empfehlenswertes Projekt. Aber ich habe gelernt, dass die Politik nicht immer nachhaltig denkt.
STANDARD: Da ja die digitalisierten Bestände physisch nicht mehr unbedingt benötigt werden: Könnte man sie nicht im Regierungsbunker in St. Johann lagern?
Rachinger: Nein, selbst ein ausgezeichnetes Digitalisat kann das Original nur beschränkt ersetzen. Ich denke an die Buchforschung, die Einbandkunde oder die Provenienzforschung. Die ÖNB als wissenschaftliche Bibliothek muss garantieren, dass die Originale rasch der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden.
STANDARD: Ist es überhaupt noch sinnvoll, alles zu sammeln, was gedruckt erscheint? Es gibt doch ohnedies von fast jedem Buch die digitalen Daten.
Rachinger: Ich meine: Ja! Es muss pro Land zumindest eine Bibliothek geben, die von den gedruckten Werken ein Exemplar sammelt. Das muss nicht jede Landes- oder Universitätsbibliothek machen. Das ist die Aufgabe einer Nationalbibliothek. Das handhabt man weltweit so - und sollte auch nicht infrage gestellt werden.
STANDARD: Obwohl Sie sich vorgenommen haben, auch alle digitalen Inhalte dauerhaft zu sammeln. Wie weit sind Sie mit dem Projekt?.....
Lesen Sie mehr unter www.derstandard.at
Quelle: Der Standard, 27.05.2010


