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19. Juli 2008

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Eröffnung des Literaturmuseums der Moderne, Marbach

Die Dauerausstellung im Literaturmuseum der Moderne zeigt zum ersten Mal in großem Umfang das, was von einem Jahrhundert wie dem 20. im Gedächtnis des Marbacher Literaturarchivs erhalten geblieben ist.

Unmengen von Papier, manches davon von unschätzbarem kulturellen Wert, wie die Manuskripte von Kafkas Proceß, Schwitters Anna Blume, Döblins Berlin Alexanderplatz, Hesses Steppenwolf, Kästners Emil und die Detektive, Rilkes Laurids Malte Brigge und Heideggers Sein und Zeit. Die Dauerausstellung trennt deutlich zwischen Literatur und Leben, zwischen den Baustellen der Phantasie und den Resten des gelebten Lebens.

Während sie in einem Raum (stilus) die Besucher auf spielerische Weise zum Lesen und Verstehen kurzer literarischer Texte einlädt, stellt sie im größten Ausstellungsraum (nexus) die originalen, einzigartigen Dinge des Archivs in den Vordergrund: kleine, oft unscheinbare und nicht immer leicht verständliche Dinge, die von ihren Betrachtern Zeit fordern, Aufmerksamkeit, Bereitschaft zur Anstrengung, Ruhe, Lust auch am Flanieren und Suchen, Stöbern und Denken. Im kleinsten Raum der Dauerausstellung (fluxus) wechseln die Exponate mehrmals jährlich. Hier präsentieren prominente Kuratoren ihre aktuelle persönliche Literatur: Lieblingsbücher, ungelesene Texte, Fundstücke aus dem eigenen Archiv.

Stilus stellt das Material der Literatur in den Mittelpunkt: Zeichen, Buchstaben, Wörter und Worte, Schreibstile, Sprech- und Denkformeln - das, was die Schön-heit der Literatur ausmachen kann und was jeder erkennt, wenn er es einmal weiß.

Im Mittelpunkt von nexus stehen die historischen, stillen und unbewegten Materialien des Archivs: über 1.300 Entstehungs- und Rezeptionszeugnisse der Literatur, Briefe, Dokumente und persönliche Gegenstände ihrer Autoren. Die Ausstellung atmet mit dem Archiv, die Exponatauswahl verändert sich im Rhythmus von dessen Erwerbungen und Entdeckungen.
In nexus sind verschiedene, sehr unterschiedliche Wege möglich: Die Besucher können flanieren, sich treiben lassen, einfach nur schauen, aber auch wenige Objekte aussuchen und konzentriert lesen oder nur Objekte eines Autors, einer Zeit oder mit bestimmten Eigenschaften ansehen. Es gibt einen einfachen Weg mit Kostbarkeiten, vier zwischen 20 und 45 Minuten lange, kreuz und quer leitende Audioführungen für unterschiedliche Besuchertypen (für Eilige, Schaulustige, Kinder, Leser) und unendlich viele Nebenwege durch die Papierschichten und historischen Ablagerungen des Archivs. Den einen »objektiv richtigen« Weg gibt es nicht, der Einsicht zuliebe, die gerade die Auseinandersetzung mit Literatur lehren kann: Konsequente, in sich stimmige Sichtweisen und Lesarten existieren in ästhetischen Systemen nebeneinander. Sie schließen sich nicht aus, sondern bereichern einander. Ein eigens für das neue Museum entwickeltes multimediales Museumsführungssystem (M3) hilft den Besuchern bei ihrer Entdeckungsreise durch dieses unterirdische, pragmatische Reich der Literatur. Der sich im Raum verortende M3 begleitet die Besucher durch alle Räume der Ausstellung, besitzt in jedem Raum eine spezifische Funktion, ist Navigations-, Informations-, Dokumentations- und Führungssystem, Bestandsverzeichnis aller Exponate und Schlüssel zu allen audiovisuellen Exponaten und interaktiven Installationen. Der Katalog zur Dauerausstellung ist ein Begleitbuch, das in seiner Art neu ist - neu nicht zuletzt für Marbach: Sechs Essays oder »Denkbilder« umkreisen anfangs den Gedanken der Geburt eines Literaturmuseums aus dem Geist des Archivs. Sie legen keine »Linie« fest, riskieren den Widerspruch um des Vergnügens willen, eine subjektive Meinung zu haben und ein bestreitbares Argument zu formulieren. Daran schließen sich 35 »Schaustücke« an: Autopsien eines Archivstücks aus nexus. Jedes Objekt ruft nach seiner Beschreibung, jedes Exponat will seine eigene Geschichte. Mit Beiträgen von Marcel Beyer, Adolf Endler, Robert Gernhardt, Durs Grünbein, Christoph Hein, Dieter Henrich, Brigitte Kronauer, Günter Kunert, Sibylle Lewitscharoff, Jürgen Manthey, Martin Mosebach, Lothar Müller, Ernst Osterkamp, Beat Wyss und vielen anderen.

Marbacher Katalog 60: Denkbilder und Schaustücke. Das Literaturmuseum der Moderne. Herausgegeben vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. 260 Seiten, zahlreiche farbige Abb. Broschiert. Euro 2o,-. ISBN-10: 3-937384-19-7 / ISBN-13: 978-3-937384-19-1. Marbach a. N.: Deutsche Schillergesellschaft, 2006.
06.06.2006
Quelle: Pressemitteilung vom 1. Juni 2006
Weiterführende Links: http://www.dla-marbach.de
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