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9. Januar 2009

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Privatisierung im Kulturbereich


Autor: Ivars Berzins
272 Seiten
Veröffentlichung: August 2007
Verlag: VDM Verlag Dr. Müller
Einband: Broschur
ISBN: 3836423170
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Verlagstext

Die Frage nach der Rolle der Kultur im Transformationsprozess in Lettland impliziert schon die Idee eines politischen Gebrauchs der Kultur. Man soll die parlamentarische Demokratie entwickeln. Derzeit vollzieht sich auch eine zeitgleiche Verwaltungsmodernisierung.Kultur war Medium und Austragungsort bei der Entwicklung von bürgerlichem Selbstbewusstsein und nationaler Identität sowie Kampfplatz um die politische Hegemonie in Lettland. Eine der größten politischen Herausforderungen des unabhängigen und demokratischen Lettland wird im 21. Jahrhundert dessen multinationale Gesellschaft sein. Deshalb ist es auch die wichtigste zukünftige Aufgabe der Gesellschaft, bei aller Verantwortlichkeit des Staates für die kulturpolitischen Ziele und kulturellen Angebote, zu beweisen, wie flexibel sie sich zwischen kultureller Identität und zukunftsorientierten Strategien bewegen kann.Das Buch eichtet sich an kulturpolitische Wissenschaftler, Kulturpolitiker und alle international interessierte Kulturmanager.

Rezension:

Eine Rezension von Mario Zetzsche, Riga

Das vorliegende Buch wurde als Dissertationsschrift des Autors Ivars Berzins, an der Philosophischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms – Universität in Münster unter Betreuung von Prof. Dr. Annette Zimmer 2005 verfasst. Der Autor erhielt für sein Werk die Bewertung summa cum laude. Zuerst ist festzuhalten, dass es sich hier um ein Fachbuch handelt, dass sich dem umfassenden Transformationsprozess Lettlands aus philosophischer Sicht nähert und dabei erstmals Einblick zur Veränderung der kulturpolitischen Teilhabe gibt. Die ständigen Umwälzungen in Lettland in Hinblick auf die aktuelle Globalisierung stellt eine doppelte Herausforderung im kulturpolitischen Transformationsprozess dar, der sich in diesem Buch gewidmet wird. Es wird eine Situation beschrieben, die einfach auf Grund der Entstehung des Werkes 2005 nicht mehr allen Aspekten des aktuellen Diskurses gerecht werden kann. Andererseits kann argumentiert werden, dass der Autor einige Prozesse vorweggenommen hat, die nun Beachtung finden. Dennoch wirkt das Buch auf Grund seines wissenschaftlichen Anspruches nüchtern, enthält wiederum brisante Thesen und Anmerkungen, die zum kritischen Hinterfragen anregen. Auch die Ableitungen zu Handlungsvorschlägen fallen sachlich sowie selbstkritisch aus und erzeugen damit einen gelungenen Einblick zur kulturellen Teilhabe in Lettland. Das Buch besetzt damit eine Lücke im Wissenschaftskontext der Kulturpolitik und ist eine Empfehlung für all jene Kulturwissenschaftler, Kulturpolitiker und Kulturmanager, die exemplarisch Einblick in den kulturpolitischen Transformationsprozess Lettlands erhalten wollen. Da das Buch den Wandel vom streng regulierten Staatsapparat hin zu einer zivilen Teilhabe bis zur Privatisierung des Kulturangebotes aufzeigt, ist es auch für jene geeignet, die am kulturökonomischen Wandel interessiert sind. Im ersten Teil erfolgen der Einblick zum Forschungsstand des Transformationsprozesses und ein historischer Einblick dessen in Lettland. Dabei werden dem Leser bedeutende Persönlichkeiten, Schriften und Gründungen von Kulturinstitutionen zur nationalen Findung Lettlands vorgestellt, die auf gründlicher Literaturrecherche und Auswertungen von Studien beruhen. Die Auswirkungen der Systemtransformationen auf die kulturelle Identitätsfindung werden hier schlüssig dargestellt. Der Leser erfährt u.a. dass das Werk Johann Gottfried Herders »Volksgeist« zu einer der Vorlagen der ersten nationalen Bewegung wurden. Das »Nationale Erwachen« über die erste Unabhängigkeit, als auch die Auswirkungen der Weltkriege sowie die »Singende Revolution« finden Berücksichtigung. Im weiteren Verlauf spielt die sowjetische Okkupation Lettlands bis zur erneuten Unabhängigkeitserklärung 1991 eine dominierende Rolle.

Diese Voraussetzungen dienen dem Autor anschließend zur Bestimmung von Begrifflichkeiten und zur Analyse von verwaltungswissenschaftlichen Perspektiven. Hier wird dem Leser Einblick zu institutionellen Transformations- und Modernisierungsprozessen gegeben. Verschiedene Formen dieser Veränderungen werden hier dargestellt: das Public Sector Management, das rechtliche Umfeld und ein umfassendes Transparenzprinzip. Insbesondere die Dezentralisierung und Dekonzentration wird eingehend erläutert, da sie dem Autor als Grundlage für eine Privatisierung im Kulturbereich dient und insbesondere für Lettland mit seiner Konzentration auf die Hauptstadt Riga und seine Funktionsebenen sinnvoll erscheint. Interessant auch der Einblick zu Privatisierungstendenzen und zur Kulturindustrie, die jetzt in Lettland eine hochaktuelle Debatte darstellt.

Da die erneute nationale Selbstfindung des noch jungen Lettland in Zeiten der Übergangsphase von sozialistischem zum marktorientierten System eine immense Rolle spielte, wirft der Autor im zweiten Teil einen Blick zurück in das Kulturverständnis des sozialistischen Staatsgefüges. Die Problematik der vollständigen Pluralität der kulturellen Äußerungen nach der Aufgabe der Kontrollmechanismen der Sowjetunion in den 90er Jahren wird als »kollektiver Kulturschock« beschrieben, dem nach der Rehabilitierung die erneute gesellschaftliche Selbstfindung folgte. Darauf aufbauend werden verschiedene Konzepte und Modelle der Kulturpolitik diskutiert und auf die Reformen der 90er Jahre im Kulturbereich Lettlands bezogen. Der rote Faden der Privatisierungstendenzen findet auch hier Eingang, da er als einer der wichtigsten Indikatoren für den Transformationsprozess auch zur Identitätsbildung Lettlands beschrieben wird. Aber eben auch die Bedeutung des Dritten Sektors, dem aktuell keine aktive Rolle – weil nicht gefördert - bei der kulturellen Teilhabe attestiert wird, und verschiedene Finanzierungsinstrumente werden vorgestellt. Dem Kulturmanagement in Lettland wird bei der Professionalisierung und Eigenständigkeit des Kulturbetriebes eine Vorreiterfunktion zugewiesen. Spätestens wird hier ersichtlich, dass es dem Autor um eine umfassende Beteiligung der Gesellschaft an kulturellen Prozessen geht, um gemeinschaftliche Kulturwerte in Lettland zu erreichen.

Der zentrale Teil des Buches erfolgt im dritten Abschnitt. Hier findet eine Analyse der Kulturpolitik Lettlands statt#– unterteilt zwischen inhaltlicher Dimension und den Rahmenbedingungen. Der Autor untersucht dabei auch die vielfältigen Beziehungen zwischen den Sektoren und Tätigkeitsbereichen der Kulturbranche und attestiert unmissverständlich eine zentralistische Struktur der Kulturpolitik und Kulturproduktion in Lettland. Besonders interessant sind hier die Analysen zur Neuorientierung der Kulturpolitik Lettlands. So findet der Beitritt Lettlands zur UNESCO Konvention zum Schutz immateriellen Kulturgutes Eingang in die Arbeit, aber eben auch das Dilemma um die Sonderanforderungen von Künstlern bei der steuerlichen Stellung zum Erwerbseinkommen. Im Sinne der kollektiven Problembehandlung wird die Bedeutung einer multikulturellen Gesellschaft und der Hoch- und Breitenkultur hervorgehoben, die bisher unzureichend kulturpolitische Beachtung fand. Hilfreich zeigen hier Tabellen, die vor allem die starke Trennung der Kulturrezeption zwischen Letten und russischsprachigen Einwohnern Lettlands belegen.

Spannend dann abschließend die Zusammenfassung des diskutierten Transformationsprozesses und seine aktuelle Umsetzung. Man merkt auch, dass hier Lösungen gesucht wurden, die zur Situation in Lettland sinnvoll erscheinen und keine reinen Übertragungen von bestehenden Modellen darstellen. Es wird auch nicht versucht, die Dezentralisierung als Allheilmittel für die gegenwärtige unterentwickelten Regionen darzustellen. Allerdings sieht der Autor die Privatisierung – verstanden als kollektive Teilhabe an Entscheidungs- und Entstehungsprozessen sowie finanziellem Spielraum – als Lösung hin zu einer Wertegemeinschaft. Weiß man um die Diskussionskultur in Lettland, ist man fast erstaunt um die klaren Worte. Warum also keine lettische Ausgabe des Buches?

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