09.06.2015

Magazin Juni 2015

Ausgabe 102: Provinz

Westlich von Paris gibt es keine Menschen mehr, sondern nur Kühe und Atlantik, äußerte sich EU-Kommissar Günther Oettinger in einer Diskussionsrunde, die den Sinn und Unsinn von Kopfbahnhöfen zum Thema hatte. Man konnte die unzimperliche Einschätzung des Politikers heraushören: Paris ist Endstation und kein Durchgangsbahnhof. Denn außerhalb grassiert tiefste Provinz. Niemand will (mit dem Zug) dahin. Niemand lebt dort (außer Kühe). Abgesehen davon, dass diese Einschätzung völliger Unsinn ist was sagt uns das über unseren Umgang mit dem Thema Provinz? Will wirklich niemand dahin? Und wer beurteilt, wo die Provinz beginnt und wo sie endet?
 
Jemanden und seine Ansichten als provinziell abzutun, gleicht einem vernichtenden Urteil: Hinterwäldlerisch, rückständig, irrelevant und intolerant wären die dazugehörigen Adjektive. Wer solch ein Urteil fällt, der möchte sich in erster Linie abgrenzen und entlarvt sich selbst als selbstgefällig und hochmütig. Sicherlich: Die Provinz, verstanden als ländlicher Raum oder strukturschwache Region hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Überalterung, Abwanderung junger, qualifizierter Menschen, unter Umständen weniger interkultureller Austausch, leere Gemeindekassen.
 
Dabei geht es doch darum, was man aus dem Holz schnitzt, was einem mitgegeben wird. Das Beispiel des interkulturellen Austauschs zeigt es ganz deutlich: auch in Großstädten erwächst durch das pure Vorhandensein verschiedener Bevölkerungsgruppen kein lebendiges, buntes und solidarisches Gemeinschaftswesen einfach mal so. Die Menschen leben dort bisweilen gepflegt aneinander vorbei. Nicht das Phänomen bestimmt die Kultur, sondern Kultur entsteht auf jene Weise, in der die Menschen mit dem Phänomen umgehen.
 
Gerade in der Provinz bietet sich dafür genügend Raum für Kreativität und Experimente. Diese Ausgabe des Magazins nimmt Sie mit auf eine Reise durch vermeintlich provinzielle Orte und stellt Menschen und Projekte vor, die Kultur machen. Nicht nur für Kühe.

Inhaltsverzeichnis

SCHWERPUNKT: Provinz

AUßER DER REIHE
  • Die Bildende Kunst erobert die Provinz. Zu bemerkenswerten Ausstellungen in Niedersachsen. Von Gottfried Sello, Seite 12
THEMEN & HINTERGRÜNDE
  • Transformative Kulturentwicklungsprozesse abseits der Zentren. Von Local Heros, Netzwerken, Zwischenräumen und neuen Formen der Kulturförderung in Thüringen. Ein Beitrag von Patrick S. Föhl, Seite 4
KM IM GESPRÄCH
  • Kaiserliches Kulturerbe in der Provinz. Die Herausforderungen der Kleinstadt Goslar mit seinem riesigen Erbe, Seite 16
  • Vielleicht tiefste Provinz, aber dafür international. Museumsarbeit in einem der kleinsten Länder der Welt, Seite 35
KOMMENTAR
  • Ein Kunstfestival geht aufs Land. Seit 1993 organisiert das Festival der Regionen Kunst außerhalb der österreichischen Großstädte. Ein Beitrag von Gottfried Hattinger, Seite 19
  • Die neuen Chancen der Provinz. Ein Beitrag von Jan Kobel, Seite 22
  • Die Provinz als Ort der Konzentration. Anmerkungen zum Provinzlärm-Festival in Eckernförde. Ein Beitrag von Gerald Eckert, Seite 28
  • Mit besten Grüßen aus der geliebten Provinz. Ein Brief von Jens Ta55o Müller, Seite 30
  • So schlimm war ditt garnich Warum das Theater tiefste Provinz gut in der Provinz aufgehoben ist. Ein Beitrag von Andreas Dalibor, Seite 40
 
DER MONAT

KM KOLLOQUIUM
  • Reflexives Kulturmanagement. Der postgraduale Fernstudiengang Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen (MKN) an der Technischen Universität Kaiserslautern.
    Ein Beitrag von Thomas Heinze und Wolfgang Neuser, Seite 49

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