08.05.2019

Autor*in

Norbert Sievers
ist promovierter Diplom-Soziologe, Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. und und Geschäftsführer des Fonds Soziokultur. Schwerpunkte seiner Arbeit sind der Kulturpolitische Bundeskongress, Kulturpolitik und Kulturförderung in NRW, Soziokultur, Kulturpolitikforschung, Netzwerkarbeit sowie Verbandsarbeit.
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Kulturpolitischer Bundeskongress 2019 zu Heimat als kulturpolitische Herausforderung

Heimat ist ein schillernder und problematischer Begriff. Wer ihn aufruft, begibt sich in schwieriges Diskurswasser und wirkt schnell rückständig und provinziell. Welche Implikationen die verschiedenen Heimatbegriffe für die Kulturpolitik sowie die Teilhabeungerechtigkeit in ländlichen Gegenden und bei verschiedenen Besucher*innengruppen mit sich bringen, diskutiert der Kulturpolitische Bundeskongress unter dem Titel "Kultur.Macht.Heimaten" am 27. und 28. Juni 2019 in Berlin.
Politisch ist der Begriff "Heimat” belastet durch seine Instrumentalisierung im Nationalsozialismus und seine aktuelle Indienstnahme durch rechte Bewegungen und Parteien. Kulturpolitisch hat er - im Gegensatz zur gesellschaftlichen Debatte und zur medialen Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema - seit den 1970er Jahren programmatisch und faktisch bisher so gut wie keine Rolle gespielt. Obwohl es in BRD wie DDR sowie seit der Wiedervereinigung immer wieder Versuche gegeben hat, den Heimatbegriff neu zu interpretieren, hat sich das "schönste Wort für Zurückgebliebenheit" (Martin Walser) im Kontext einer auf Fortschritt, Offenheit und Vielfalt geeichten kulturpolitischen Debatte nicht durchsetzen können. Hier steht Heimat immer noch für Rückständigkeit, Brauchtumspflege, Konservativismus, Geschlossenheit und Homogenität (vor allem in der Provinz und in ländlichen Räumen). Dagegen wurde die Neue Kulturpolitik vor über vier Jahrzehnten programmtisch in Stellung gebracht. Nicht Heimatpolitik im traditionellen Sinne zu sein, sondern weltoffen, liberal und kosmopolitisch markiert deren programmatische Identität. 
 
Diese Diskurslage korrespondiert mit der Politiklage. Auch die Kulturpolitik der Kommuen, der Länder und des Bundes orientiert sich eher an kosmopolitischen Werten denn an kommunitaristischen Konzepten und widmet den Narrativen und Qualitäten, die mit dem Begriff Heimat verbunden werden, sowie der kulturellen Infrastruktur im ländlichen Raum nur wenig Aufmerksamkeit, geschweige denn finanzielle Mittel. In der Provinz, die in der Regel oft mit dem Begriff Heimat konnotiert wird, sollen die Menschen ihre Kultur selbst machen - auch wenn sich dies gegenwärtig zu ändern scheint. Doch das Ehrenamt in den Heimatvereinen, -museen, -stuben und Kirchenchören lässt nach und trifft die kulturellen Bedürfnisse der Menschen in ländlichen Räumen nur noch bedingt. Auch hier fragen Menschen nach neuen kulturellen Angeboten und Formaten, auch hier suchen Migrant*innen nach neuer Heimat und auch hier verändert die Digitalisierung Kommunikationsformen und Lebenswelten. Deshalb gibt es seit einigen Jahren ein neues Interesse an Kultur und Kulturförderung in ländlichen Räumen.
 
Heimat ist jedoch nicht nur eine Problemanzeige in der Kulturpolitik, sondern vielmehr eine neu aktualisierte Kategorie in der Gesellschaftspolitik. In der "Welt ohne Halt" (Ralf Dahrendorf) des 21. Jahrhunderts dient sie als Beruhigungsformel für die Verängstigten und als Botschaft an die verunsicherten Bürger*innen, dass man ihre Sorgen verstehe und sich kümmern werde. In Zeiten einer sich im Kontext der Globalisierung vollziehenden Entgrenzung aller Lebensverhältnisse und den damit verbundenen politischen Verwerfungen wird Heimat als politisches Mittel gegen identitäre Verunsicherungen und lebensweltliche Verlusterfahrungen ins Spiel gebracht, die den gegenwärtigen enormen Umwälzungen und Strukturveränderungen in der Gesellschaft geschuldet sind. Sie ist insoweit auch Identitätspolitik in einer sich verändernden Welt. Heimatministerien schießen wie Pilze aus dem Boden, obwohl sie den Beweis noch nicht angetreten haben, was sie angesichts der aktuellen Herausforderungen eigentlich bewegen können. Geht es um Kompensationsprogramme für strukturschwache Regionen und abgehängte Stadtteile, geht es darum, Lebenschancen und Lebensqualitäten zu verbessern? Oder geht es nur um Symbolpolitik, die über die realen Probleme hinwegtrösten will? Worin besteht das neue Interesse an Heimat im Kern? 
 
Heimat - Kampf um Kultur?
 
Es ist fraglich, ob Heimatpolitik als Symbolpolitik überhaupt eine Chance hat oder nicht vielmehr riskant ist. Denn Heimat ist als umkämpfte Metapher nicht nur ein mediales Diskursphänomen und Akademiethema, sondern hat für viele Menschen ‚gefühlt‘ und tatsächlich eine existentielle Bedeutung: für diejenigen, die in Deutschland eine neue Heimat suchen und ihre alte oft gerade erst verloren haben, und für diejenigen, die befürchten, dass das Land, in dem sie aufgewachsen sind, ihnen bald nicht mehr die gewohnte Heimat sein wird. Und selbst für diejenigen, die ihre Heimat nach dem 2. Weltkrieg verlassen mussten oder seit den 1960er Jahren als "Gastarbeiter" nach Westdeutschland kamen, ist die Ent- und Beheimatung immer noch ein Problem. Heimat ist insoweit eine eminent politische Kategorie und eine persönliche Angelegenheit gleichermaßen, die den gesellschaftlichen Diskurs an die Stelle führt, wo er schmerzhaft ist: an die Gräben, die die Gesellschaft politisch und kulturell tatsächlich oder vermeintlich immer mehr spalten. Diese verlaufen zwischen Zugewanderten und Einheimischen, zwischen abgehängten ländlichen Regionen und prosperierenden Metropolen, zwischen arm und reich, zwischen Modernisierungsverlierern und -gewinnern und zwischen "Hyperkultur" und "Kulturessentialismus" bzw. "Kommunitarismus" und "Kosmopolitismus", zwischen deren Lagern nach Auffassung des Kultursoziologen Andreas Reckwitz ein Kampf um die Kultur entbrannt ist. 
 
Diese Gemengelage wirbelt die politischen Positionen und Bewegungen durcheinander - und Kulturpolitik steckt mittendrin und ist auch Partei in diesem "Kulturkampf". Es geht ihr um die Freiheit der Künste, um die Vielfalt der Kulturen, um gute Arbeitsbedingungen für Künstler*innen, um kulturelle Bildung und das kulturelle Erbe in einer offenen Gesellschaft. Und es geht ihr um ein hochwertiges Kulturprogramm, dass auch überregional und international mithalten kann. Dagegen kann niemand ernsthaft etwas einwenden, wenn nicht immer konstatiert werden müsste, dass sie vor allem ein städtisches und nach wie vor status- und bildungsprivilgiertes Publikum erreicht. Offenbar ist es ihr nicht ausreichend gelungen, mehr Teilhabegerechtigkeit und Zugänglichkeit zu Kunst und Kultur zu verwirklichen - nicht um in jeder Region und für alle Bevölkerungsgruppen die gleichen oder gleich viele kulturelle Angebote offerieren zu können, aber um in ländlichen Räumen die kulturellen Potenziale zu wecken und eine Kulturpolitik für alle Klassen und Milieus zu sein. So ist sie bis heute mit dem Vorwurf konfrontiert, sozial unausgewogen zu sein. Es gilt, eine neue Balance zu finden zwischen den verschiedenen Lagern und Interessenlagen. Überlegungen dazu gibt es bereits. So sollen Bibliotheken, Heimatmuseen, Soziokulturelle Zentren etc. zu sogenannten "Dritten Orten" werden und die Vereinslandschaft in ländlichen Räumen neue Perspektiven bekommen. Wer will, kann darin ein Kompensationsangebot erkennen.
 
Bundeskongress "Kultur.Macht.Heimaten"
 
Sollte Kulturpolitik Heimat als Begriff und Zielkategorie in ihr programmatisches Porfolio aufnehmen? Kann sie insoweit Heimatpolitik sein, als es ihr darum geht, Menschen, die um ihre Heimat besorgt sind, zu erreichen, und diejenigen, die nach Heimat suchen, bei ihrer Be-Heimatung zu unterstützen? Was würde diese Doppelaufgabe bedeuten? Welcher Heimatbegriff könnte dabei Orientierung geben? Der 10. Kulturpolitische Bundeskongress will Antworten auf diese Fragen geben und Beispiele gelingender kultureller Heimatarbeit vorstellen. Das Programm deckt dabei in vier Panels und zwölf Diskussionsforen eine breite Palette an Disziplinen und Problemfeldern ab - vom soziologischen, kulturtheoretischen und -politischen Blick auf das neue Interesse an Heimat über die Erfahrungen kultureller Akteur*innen, infrastrukturelle Bedingungen der Kulturpolitik und kulturellen Aktivismus bis hin zu neuen regionalen, nationalen und internationalen Konzepten und Utopien. Das Spektrum deckt dabei eine große Bandbreite an künstlerische Sparten und Betriebsformen ab.
 
Der 10. Kulturpolitische Bundeskongress ist eine Kooperationsveranstaltung der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung. Er wird durch die Beauftragte der Bundesergierung für Kultur und Medien gefördert.
 
Kongressgebühr
 
Der 10. Kulturpolitische Bundeskongress zum Thema "Kultur.Macht.Heimaten" findet am 27. und 28. Juni 2019 im Hotel Aquino Tagungszentrum, Katholische Akademie, Berlin statt
 
Für die Teilnahme wird eine Gebühr erhoben, die Kongressunterlagen, Pausensnacks und Mittagsimbiss an beiden Tagen umfasst: 
  • Normaltarif: 150 Euro
  • Ermäßigter Tarif (KuPoGe-Mitglieder, Studenten): 100 Euro
  • Tageskarte: 75 Euro
  • Ermäßigte Tageskarte (KuPoGe-Mitglieder, Studenten): 50 Euro
 Anmeldeschluss ist der 14. Juni 2019. Zur Anmeldung: https://kupoge.de/anmeldung-kongress/
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