14.02.2014

Autor*in

Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Best Practice

Kongressradio - ein neuer Kommunikationsweg für den Kulturbereich

Fachleute wie interessierte Laien leiden immer häufiger an einer Reizüberflutung durch neue gesellschaftliche Themen, technologische Entwicklungen und politische Wandlungsprozesse. Hier setzt Das Kongressradio an. Es bringt Vorträge von fachspezifischen Kongressen in eine gebündelte, anschauliche und hörbare Form: in kurzen Interviews, Beiträgen und Reportagen, die mit bildreicher Sprache komplexe Inhalte veranschaulichen.
Frühjahr und Herbst sind Tagungssaison, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Verbände und Kulturbetriebe bieten meist mehrtägigen Raum für fachlichen Austausch. Jede interessante Veranstaltung zu besuchen, erweist sich aber oft als schwierig. Tagungsbegleitungen auf Twitter, Podcasts und Videomitschnitte, Livestreams und Online-Nachberichte versuchen hier Abhilfe zu schaffen. Vorträge und Diskussionen sollen so verfügbar bleiben. Eine Tagung vollständig als Video anzuschauen oder textlich nachzulesen, kann aber auch sehr zeitaufwendig sein. Zu oft fehlt es an verständlichen und kompakten Nachberichten für jene, die nicht dabei sein konnten.

Sprachliche und inhaltliche Übersetzung

Aus diesem Defizit entstand die Idee des Kongressradios: In Deutschland existieren tausende von Radiosendern doch keines, das sich explizit Kongressen, Symposien und Tagungen widmet. Dabei wäre es für die Förderer, Sponsoren, Wissenschaftler und Mitarbeiter wichtig, dies als Instrument für die eigene Arbeit und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu nutzen.

Denn auch hier wächst das Interesse an an Forschungen und fachlichen Veranstaltungen, bei denen es etwa um Kulturkonzeption geht, ohne dass potenzielle Besucher eingebunden werden. Der Vorgang der Übersetzung fachlicher Inhalte ist dabei nicht immer einfach etwas aus der Welt der Fachtermini auf eine so hörfreundliche Ebene zu bringen, dass es jeder Nicht-Wissenschaftler und auch der Experte interessant findet, weil es spannend erzählt ist. Das Ziel des Kongressradios, nicht nur Fachleuten eine Recherche-Plattform zu bieten, sondern auch die Asymmetrie zwischen Laien und Experten auszugleichen, hat damit auch eine politische Implikation. Denn bei der Vermittlung von Themen ist seitens der Wissenschafts-PR-Kritiker oft von Informationslawinen, Publikationshalden oder schlicht von nutzloser Forschung die Rede. Die logische Konsequenz seitens der Öffentlichkeit ist Überforderung und im schlimmsten Falle Desinteresse gegenüber den entsprechenden fachlichen Themen. Der Anspruch ist es deshalb, wissenschaftliche Arbeitsweisen einsehbar und begreifbar zu machen.

Werbung und Kommunikation

Denn die beste Werbung ist eine Empfehlung, die sich von Nutzer zu Nutzer viral verbreitet, weil etwas erzählt wird, das man mit anderen teilen möchte. Deshalb kommuniziert das Kongressradio fernab von PR-Darstellungsweisen. Oberste Prämisse ist, Inhalte ohne den Beigeschmack des Werblichen darzustellen, eine Berichterstattung, die aufgrund ihrer ungewöhnlichen Erzählweise für Themen nicht nur interessiert, sondern dabei auch sehr unterhaltend sein kann.

Das Kongressradio ist ein Beispiel eines outgesourcten Kommunikationsprozesses, eine Form von Co-Sourcing, basierend auf guter, flexibler und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Auftraggebern. Bei der Kongressplanung ändert sich ständig etwas. Ganze Vorträge brechen weg, neue kommen hinzu und jedes Thema muss genau recherchiert und vorbereitet werden. Gemeinsam muss auch überlegt werden, was für jede Tagung die beste Darstellungsform ist, um sie so gut wie möglich zusammengefasst abzubilden wie zum Beispiel durch Interviews mit den Rednern oder durch Beiträge, die mit Originaltönen aus den Vorträgen und ergänzenden Publikumskommentaren versehen werden. Outsourcing heißt auch etwas abzugeben, jemand anderem zuzutrauen, sich in einen spezialisierten Bereich so einzuarbeiten, dass der Spagat zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und Hörerfreundlichkeit gelingt.

Der Vorteil daran, hierfür keine Fachleute der jeweiligen Disziplin zu engagieren, ist der unvoreingenommene Blick des Journalisten, der durch Vorgespräche und Recherchen zwischen den Laien und den Fachleuten steht. Hierbei können auch Fragen aufkommen, die man sich vorher nicht gestellt hatte. Zugleich überrascht es, wenn die Redner im Moment des Interviews plötzlich spielerisch in der Lage sind, das Thema ihres 45minütigen Vortrags in fünf Minuten zusammenzufassen und dabei ihre Leidenschaft besser vermitteln, als es ein geschriebener Fachbeitrag kann.

Der Welten-Vermittler

Parallele Welten zusammenbringen und Brücken bauen: Auf kongressradio.de werden nicht nur einzelne Kongresse gebündelt nachhörbar sein, sondern als Podcast-Portal soll es den Dialog zwischen Wissenschaft, Kultur, Öffentlichkeit und Politik fördern, da alle Kongressradio-Podcasts hier zu finden sind: geordnet nach Veranstaltungen, Disziplinen und Themen. Denn wie wenig man auch als Experte oftmals über die Forschungsthemen anderer weiß, liegt weniger am mangelnden Interesse, als an der Begrenztheit der Möglichkeiten, sich darüber zu informieren.

Zu Kongressradio gehört auch ein auffälliges mobiles Radiostudio: Von hier aus wird auf den Kongressen moderiert und gesendet. Mischpult, Mikrofone, Computer, CD-Player und große Boxen machen es möglich, das mobile Studio an jedem Ort für eine Radio-Live-Sendung zu nutzen. Außerdem ist es ausgestattet mit allem nötigen Equipment für den Stream live vom Kongress und einer mobilen Schnittstation für die Produktion und zum Upload der Podcasts unmittelbar nach der Aufzeichnung.

Andreas Feddersen ist Inhaber des Kongressradio. Er studierte Musikwissenschaften und Romanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Medienkunst/ Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar. Parallel hat er in der PR-Abteilung der VW-Autostadt Wolfsburg gearbeitet, anschließend als Pressesprecher für die Stadt Jena. Von 2008 2013 war er Dozent an der Professur Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität. Konferenzen moderiert er seit 10 Jahren, u.a. für die Akademie der Künste Berlin, die Klassikstiftung Weimar und das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Aufbauend auf der Erfahrung seines Gründers, greift das Kongressradio ein Problem auf, mit dem viele Kulturbetriebe und Forschungseinrichtungen derzeit gleichermaßen konfrontiert werden: Zugänglichmachung von Ergebnissen, Öffnung für neue Einflüsse, Überwindung der Grenzen der Fachwelt und Anpassung an die Belange von Besuchern und Laien werden von der Öffentlichkeit gefordert und sind zunehmend auch die Voraussetzung für Gelder von Seiten der Politik. Das Kongressradio ist ein Weg, den fachlichen Austausch und Dialog mit der Erfahrung zu fördern, dass ein Fachmann, der im Interview begeistert von seinem Projekt erzählt, beim Hörer weitaus mehr Interesse und Emotionen weckt als ein seitenlanger Abdruck seines Vortrags bzw. Abstracts.

Weitere Informationen zum Thema:

KM Magazin 02/2014 zum Thema Outsourcing

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