01.06.2017

Themenreihe Festivalmanagement

Autor*in

Katja Gartz
Best Practice für das Festivalmanagement

Mehr als eine Seebühne: Die Bregenzer Festspiele

Die Bregenzer Festspiele sind ein auch managerial Gesamtkunstwerk. Mit populärer Oper und einem innovativen Programm an mehreren Spielorten erreichen sie bereits ein breites Publikum. Geführt von einer Doppelspitze und mit einem gekonnten Finanzierungsmanagement sind sie weiterhin auf Erfolgskurs.
Zwei riesige Hände ragen aus dem Bodensee empor. Zwischen ihnen wirbeln überdimensionale Spielkarten durch die Luft. Ab 19. Juli kommt richtig Bewegung in die Opernkulisse der Bregenzer Festspiele, wenn sechs Wochen lang Carmen den See bespielt.

Seit Oktober arbeiten die Festspieltechniker von 37 Firmen, darunter Ingenieurbüros, Stahlbaufirmen und Tauchunternehmen, auf Hochtouren. Vorlage ist der Entwurf der Bühnenbildnerin Es Devlin aus London, die für Popstars wie Lenny Kravitz, U2, Beyoncé und renommierte Opernhäuser tätig ist. Das Bühnenbild ist bis zu 24 Meter hoch, allein die beiden Hände wiegen zusammen rund 44 Tonnen. Sieben Millionen kostet die Kulisse inklusive ihres Abbaus im Herbst 2018.
 
Der Vorverkauf ist gut angelaufen und wie in den vergangenen Jahren werden Tausende Besucher die Festspiele besuchen. Ich möchte die unglaubliche Vielfalt der Festspiele erhalten und stärken, sagt die Intendantin Elisabeth Sobotka.
 
Zeitgemäße Strukturen als Erfolgsgarant
 
Geführt werden die Bregenzer Festspiele als GmbH mit der 2002 geründeten Bregenzer Festspiele Privatstiftung als Gesellschafter. Zu den Stiftern zählt der Verein Freunde der Bregenzer Festspiele. Die Geschäftsführung setzt sich aus der Intendantin und dem kaufmännischen Direktor Michael Diem zusammen.
 
Das Jahresbudget der Festspiele beläuft sich auf 20 Millionen Euro. Davon sind sieben Millionen Euro Subventionen und rund eine Million Euro Sponsoren- und Spendengelder. Subventionsgeber sind zu 40 Prozent die Republik Österreich, zu 35 Prozent das Land Vorarlberg und zu 25 Prozent die Stadt Bregenz. Zu den Hauptsponsoren gehören die BMW Group, Casinos Austria und die Hypo Landesbank Vorarlberg.
 
Über die Hälfte ihres Jahresbudgets erwirtschaften die Festspiele selbst. Verglichen mit ähnlichen Festivals ist das eine beachtliche Leistung. Nach ihrem Sprecher Axel Renner sind die Einnahmen auf hohem Niveau stabil. Das Besondere an den Bregenzer Festspielen sind die privatwirtschaftliche Struktur, eine Doppelspitze mit zwei Geschäftsführern, künstlerisch und kaufmännisch, und die Tatsache, das mit Kunst Kunst finanziert wird und dass Qualität und Quote kein Wiederspruch sind.
 
Für Verena Teissel setzt sich der Erfolg aus vielen Faktoren zusammen: Die künstlerische Ausstattung und der gesamte Dienstleistungsbereich, das Sitzangebot, Decken und Schirme, das Essensangebot, lauter selbstverständliche Dinge, doch die Liebe zum Detail rentiert sich hier besonders. Neben dem Erfolg ist für sie ein weiteres Element für die Festspiele sehr wesentlich: die Nachwuchs- und Nischenförderung durch das experimentelle Programm, das im Festspielhaus stattfindet. Vorbildfunkton haben die Bregenzer Festspiele also durch ihre gekonnte Selbsteinordnung in den Festivalmarkt national und international, verbunden mit der klaren Kommunikation, wofür sie stehen.
 
Unternehmertum im Sinne der Kunst
 
Heute sind die Bregenzer Festspiele längst etabliert und müssen sich hinter anderen renommierten Festivals nicht verstecken. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Auf zwei Kieskähnen fand 1946 die erste Bregenzer Festwoche statt. Auf einem Kahn war das Orchester, auf dem anderen die Sänger. Die Idee, den Bodensee mangels eines Theaters als Bühne zu wählen, erwies sich schon früh als Erfolg. Unglaublich, dass damals ein paar Musikverrückte in der massiv zerstörten Stadt die Energie aufgebracht haben, ein neues kulturelles Leben aufzubauen. Was für eine Weitsicht!, sagt Intendantin Elisabeth Sobotka. Mit den Wiener Symphonikern wurde ein Spitzenorchester gewonnen, das bis heute an der Entwicklung und dem großen Erfolg des Festivals beteiligt ist.
 
In den folgenden Jahren wurde die Bühneninsel aufgebaut, das Kornmarkttheater als Spielstädte eröffnet und der Verein Bregenzer Festspielgemeinde als Veranstalter gegründet. Weitere Spielorte kamen hinzu und das Programm wurde zunehmend um neue Formate erweitert. Die größten infrastrukturellen Meilensteine waren 1979 die neue Seebühne und der Bau des Festspiel- und Kongresshauses.
 
Doch Ende der 1960er Jahre ließ die Begeisterung an den Bregenzer Festspielen nach. Die junge Generation fühlte sich vom Programm nicht mehr angesprochen, der finanzielle Erfolg wurde schwächer. Zugleich wurde 1982 war nach einem kritischen Rechnungshofbericht samt Vorwurf der Misswirtschaft die Funktion eines kaufmännischen Direktors eingeführt.
 
Ein Jahr später übernahm der Violinist, Orchestermusiker und Regisseur Alfred Wopmann die Intendanz. Mit ihm gelang ein neuer Aufbruch. Binnen weniger Jahre entwickelt er die Bregenzer Dramaturgie, die bis heute Bestand hat. Sein Rezept: Hohe künstlerische Qualität, die gleichzeitig ein breites Publikum anspricht. Sein Motto, um dies zu realisieren: Kunst finanziert Kunst. Das heißt, so Wopmann, dass der finanzielle Überschuss der populären Oper auf dem See in die weniger populären Aufführungen im großen Festspielhaus und der zeitgenössischen Kunst auf der Werkstadtbühne reinvestiert wird. Das erste, was er in Bregenz gelernt habe, war, dass der, der Kultur macht, sich unternehmerisch gebärden muss.
 
Den Hintergrund in den Vordergrund gestellt
 
Wopmanns erster großer Erfolg wurde 1985 Die Zauberflöte. Wegen der aufwendigen Bühne betrug das Budget das Sechsfache früherer Produktionen. Kritische Stimmen prophezeiten, Wopmann werde damit baden gehen. Doch die Investition zahlte sich aus. Die Besucherzahlen stiegen wieder.
 
Der Triumph der Zauberflöte leitete den Übergang in Richtung anspruchsvoller Operninszenierungen ein. Sie sind aufgrund ihrer visuellen Umsetzung auch für die breite Masse zugänglich und wesentlich für die sogenannte Bregenzer Dramaturgie. Wopmann setzt auf lesbare, symbolisch überhöhte Bühnenskulpturen, die zum unmittelbaren Verständnis der Handlung führen. Die Seebühne, die ohne Vorhang auskommen muss, zwinge dabei zur Verwesentlichung, weil ein symbolisches Bild mit mehreren Grundelementen für ein Stück stehen muss. Ein Beispiel dafür ist der Tod als riesiges Skelett, das in Verdis Maskenball im Buch des Lebens blättert.
 
Abbildung: Der Tod - Bühnenbild von 1999 © Bregenzer Festspiele / Benno Hagleitner
 
Das spektakuläre Bühnenbild ist eine Marke geworden, sagt Verena Teissl, Kulturmanagerin und Professorin der Fachhochschule Kufstein. Die Seebühne als stimmungsvoller und ungewöhnlicher Ort mit hoher Qualität sowie die Auswahl der Stücke, deren Popularität sichergestellt ist, machen für sie die Festspiele erfolgreich.
 
Seit der Zauberflöte 1985 wird das Spiel auf dem See jeweils zwei Sommer gespielt. Dadurch konnte das Festival die Kosten halbieren. Die Bühnenbauten sind stabiler geworden, damit sie auch im Winter stehen bleiben können. Zusätzlich wurde die Anzahl der Vorstellungen in den folgenden Jahren von 16 auf etwa 26 erhöht.
 
Der Mut des Intendanten zahlt sich aus
 
Zum Erfolg der Bregenzer Festspiele gehörte auch Wopmanns Gespür für Gegenwartsthemen und der Mut, sie auf der Bühne umzusetzen. Ab 1988 nutzte er die Bühne im Festspielhaus, um Opernraritäten in modernen Inszenierungen aufzuführen. Sie thematisieren Religions- und Nationalitätenkonflikte, den Zusammenbruch des Kommunismus oder Flüchtlingsschicksale.
 
Zu Wopmanns dramaturgischem Konzept zählt ebenso eine intensive Jungendarbeit. Die Proben wurden für junge Menschen geöffnet und ein Opernworkshop zur Auseinandersetzung der Opernthemen eingerichtet. Für Kinder-und Jugendaktivitäten wurde die Dachmarke Crossculture etabliert.
 
1989 wurde schließlich die Bregenzer Festspiele GmbH gegründet. Durch die Erfolge der letzten Jahre und die politischen Interventionen des damaligen Festspielpräsidenten Günter Rhomberg wurde den Festspielen eine Dreijahresgarantie der Subventionen zugesichert. Dadurch war es möglich, Gewinne in die infrastrukturelle Entwicklung des Betriebes zu stecken. So wurde 1998 die neue multifunktionale Werkstattbühne eröffnet und im Zuge des Umbaus die Anzahl der Plätze auf 6.800 erhört.
 
Für Wopmann sind die Bregenzer Festspiele nun ein Gesamtkunstwerk. Die drei Bühnen ermöglichen eine einzigartige Programmgestaltung: Die Seebühne mit populären Werken, das Festspielhaus mit Opern- und Musiktheaterraritäten und die Werkstattbühne für moderne Produktionen. Zusätzlich dienen das Seefoyer und das Seestudio auch für Theateraufführungen und Konzerte.
 
In der Spielzeit 2003/2004 verabschiedet sich Wopmann von den Bregenzer Festspielen, sein Nachfolger David Pountney setzte die Bregenzer Dramaturgie fort. Zusätzlich erhöhte er die Anzahl der Premieren und führte verschiedene Werke eines Komponisten als Schwerpunkt ein. Um einen Vorgeschmack zu vermitteln und Zuschauer zu gewinnen, zeigen die Festspiele bereits im Winter Ausschnitte der kommenden Produktion. All das zahlte sich aus und so wurde Pountney für die Wiederentdeckung und Uraufführung der Oper Die Passagierin von Mieczslaw Weinberg ebenso gefeiert wir für sein Comeback der Zauberflöte, das mit 406.357 Besuchern einen neuen Rekord erreichte.
 
Abbildung: Publikum der Zauberflöte 2013 © Bregenzer Festspiele / atelier pi
 
Kombination aus Service, Dienstleistungen und künstlerischem Anspruch
 
Im vergangenen Jahr feierten die Bregenzer Festspiele unter der derzeitigen Intendantin Elisabeth Sobotka ihr 70-jähriges Jubiläum mit einer Auslastung von 94 Prozent. Der berühmte Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und kommerzieller Anziehungskraft gelingt auch ihr.
 
Heute verfügt das Festival über insgesamt 12.000 Plätze. Rund 1600 Mitarbeiter sind im Sommer im Einsatz. Doch der kaufmännische Direktor Michael Diem verweist darauf, dass der See, entgegen landläufiger Meinung, absolut kein Selbstläufer ist. Entscheidend für eine ausgeglichene Bilanz sei auch die Unterstützung durch internationale und regionale Sponsoren.
 
Elisabeth Sobotka setzt mit Carmen und dem Erhalt der zeitgenössischen Programme auf Kontinuität. Wenn das Wetter mitspielt, bleiben die Bregenzer Festspiele auf Erfolgskurs.