13.03.2019

Themenreihe Besucherforschung

Autor*in

Holger Höge
studierte Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2007 bis 2010 war er Direktor des Psychologischen Institutes der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wo er die Abteilung Umwelt & Kultur leitete. Seit 1995 forscht er auf dem Gebiet der psychologischen Museologie (Besucherverhalten und Evaluation von Museen) und ist Mitglied des International Council of Museums (ICOM).
Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Besucherforschung im Museum

Was braucht das Publikum?

Wenn Kulturangebote nicht angenommen werden, kann die Besucherforschung Erkenntnisse zu den Ursachen liefern. Warum eine Befragung allein aber keine neuen Besucher*innen ins Museum bringt und welche Diskrepanzen sich zwischen den Publikumserwartungen und den Zielvorstellungen der Einrichtungen ergeben, erklärt der Museumspsychologe Prof. Dr. Holger Höge.
Lieber Herr Höge, was machen Sie und inwieweit hat Ihre Tätigkeit mit Kulturvermittlung zu tun?

Ich bin Psychologe und beschäftige mich seit Mitte der 90er Jahre mit der Forschung in Museen, insbesondere der Besucherforschung. Dabei sind die Besucherstudien, die wir machen, zentriert auf jene Aspekte, die der Museumsbetrieb als Vermittlung bezeichnet. Da geht es zum einen um die Besucherfrequenzen, viele Museen wollen zum anderen aber auch einfach nur wissen: "Wer sind denn unsere Besucher*innen?" Da geht es vornehmlich um soziodemografische Merkmale, die in Erfahrung gebracht werden sollen.

Wie kann man sich diese Befragungen vorstellen? Welchen methodischen Ansätzen folgen Sie?

Soll eine Besucherbefragung durchgeführt werden, müssen Evaluierende das Museum kennen. Daher besuche ich meistens das betreffende Haus vorab "inkognito". Das ist keine Geheimniskrämerei, sondern wichtig, damit mir Diskrepanzen auffallen. Es wäre ein Fehler, den ersten Rundgang gemeinsam mit den Museumsleiter*innen zu machen, denn damit würde mein Eindruck durch deren "Hintergrundwissen", wie was funktioniert, bestimmt. Doch das Problem dabei ist: Nicht immer erfassen die Leitungspersonen das, was schiefläuft in Gänze. Des Weiteren verfolgen wir beide methodischen Ansätze: qualitative und quantitative Methoden werden eingesetzt. Eine Kombination beider Methoden ist wichtig, um alle relevanten Informationen zu erhalten und Vergleiche ziehen zu können. Für intensive Vergleiche empfiehlt es sich generell, die Befragung zu einem späteren Zeitpunkt zu wiederholen. Dass ein Museum das allerdings tatsächlich einbezieht, habe ich bisher erst ein einziges Mal beim Museumsdorf Cloppenburg erlebt. Da haben wir 1999 zunächst 100 Besucher*innen befragt und 2012 knapp 1.000. Erstaunlich war, dass es zwischen den Stichproben kaum Unterschiede gab: dieselbe Zusammensetzung der Geschlechter und der Berufe. Auch die Besuchsfrequenz war fast identisch. Für das Museumsdorf heißt das, dass es ein sehr stabiles Publikum hat. Nur mit der qualitativen Methode allein wäre es hierbei schwieriger gewesen, diese Stabilität zu dokumentieren.

Welche Rolle spielen bei den Befragungen die Ansprüche oder Ziele der Museen selbst an deren Vermittlung?

Da sprechen Sie einen heiklen Punkt an. Denn oftmals ist es leider so, dass die Museen eigentlich wenig Zielvorstellungen haben, was sie konkret mit den Ergebnissen einer Evaluation machen wollen. Im schlimmsten Fall lautet der Auftrag: "Schauen Sie doch mal, was bei uns los ist." Das ist dann derart allgemein formuliert, dass man als Evaluationsbeauftragter keine Vorstellung bekommt, in welche Richtung man gehen soll. Das ist natürlich ein worst case, der glücklicherweise nicht oft vorkommt. Ein weiteres Beispiel, das für uns ebenfalls nicht einfach zu handhaben ist, lautet: "Wir wollen gern unser Besucherspektrum ausweiten und die Besucherzahl erhöhen." Auch hier fehlt ein konkret formuliertes Ziel. Für uns wäre etwa eine Zielangabe wie "Wir wollen die Ergebnisse der Evaluation für eine Steigerung der Besucherzahl um 15 Prozent nutzen" eine Kennzahl, mit der wir arbeiten können. Eine so konkrete Formulierung - ob sie nun realistisch ist oder nicht - habe ich aber leider noch nie erlebt. Das macht unsere Arbeit zwar schwieriger, aber nicht unlösbar. Was den Vermittlungsaspekt betrifft: Er wird von den Museen meistens als selbstverständlich gesehen, mit dem Ziel, dass die Besucher*innen so viele Informationen wie möglich mitnehmen sollen. Es ist schön, wenn Museen viel vermitteln wollen, aber auch hier braucht es spezifische Vorstellungen davon, was warum wie vermittelt werden soll, um einen konkreten Prozess für neue Angebote in Gang setzen zu können. Dafür müssen die Befragungen aber möglichst mehrmals durchgeführt werden, um die Ergebnisse miteinander zu vergleichen.

Wie sehen die Erwartungen der Besucher*innen dabei aus? Decken sich diese mit denen der Museen?

Das lässt sich vor allem dann erheben, wenn man die Personen zweimal befragen kann - vor dem Museumsbesuch und danach. Nur dann können die Besucher*innen sagen, ob ihre Erwartungen erfüllt worden sind oder nicht, oder was sie überrascht oder sogar enttäuscht hat. Generell ist bei unseren Befragungen aufgefallen, dass die Besucher*innen erwarten, dass der Ausstellungsbesuch unterhaltsam ist und sie neue Einsichten erhalten. Spannend ist zudem, bei einer solchen Befragung auch Expert*innen zu befragen, die mit einem ganz anderen Auge ins Museum gehen. Da sind die Erwartungen und Erfahrungen sehr unterschiedlich gegenüber denen der "normalen" Besucher*innen. Zum Beispiel hat mir ein im Museum arbeitender Historiker mal gesagt, dass er doch ziemliches Schauern hatte, als er in einem Raum den Holzblock in der Hand hatte, auf dem die letzte Hinrichtung stattgefunden hat. Als ich die Besucher*innen dieser Ausstellung danach gefragt habe, waren die Reaktionen hingegen deutlich gedämpfter. Da erwartet das Fachpersonal manchmal also etwas zu viel Reaktion vom Publikum. Ein weiterer Punkt, bei dem die Erwartungen zwischen Besucher*innen und Museum weit auseinander gehen, ist das Thema "Ausruhen im Museum", das nicht unterschätzt werden darf. Und da haben die Museen bisher ein Angebot, das ist schlicht katastrophal. Es gibt reihenweise Bestuhlungen, die im besten Falle einer Universitätsmensa angehören sollten: Holzstühle, schwere Ausführung, klappernd, schlicht unbequem. Oder designmäßig schicke Sitzbänke in U-Form ohne Armlehne und Polster, auf denen man nicht sitzen kann und nach spätestens fünf Minuten gern weiter geht. Das Schönste, was mir bei einem Inkognito-Besuch mal vom Aufsichtspersonal dazu gesagt wurde, war: "Sie sollen da ja auch gar nicht sitzen, sie sollen weitergehen." Das ist offensichtlich die Einstellung, die - durchaus nachvollziehbar - dahinter steht: Die Leute sollen durch die ganze Ausstellung gehen. Aber wenn sich die Besucher*innen zwei Stunden lang körperlich anstrengen, dann muss es irgendwo eine Erholungsmöglichkeit geben, die bequem ist. Allein schon, um all die Informationen verarbeiten zu können - was für den Vermittlungsaspekt besonders wichtig ist. Darüber hinaus wirkt sich das auch auf das Erlebnis des Museumsbesuchs an sich aus. Hier empfehle ich allen Museen, eine Komfortarbeitsgruppe einzurichten, die ich bisher erst bei einem einzigen Museum kennengelernt habe - dem Braunschweigischen Landesmuseum.

Inwieweit sind denn diese Unterschiede auch abhängig von der Motivation, mit der man ins Museum geht? Erwarten Besucher*innen, die von sich aus ins Museum gehen, etwas anderes als beispielsweise viele Schulklassen, die "gezwungenermaßen" mit müssen?
 
Das ist eine wichtige und zentrale Frage. Denn es gibt bei Schulklassen natürlich immer einige Schüler*innen, die den Museumsbesuch als langweilig empfinden und es schlicht und ergreifend blöd finden, wenn sie dazu gezwungen werden. Das sind etwa 30 Prozent. Das heißt aber, dass 70 Prozent der Schüler*innen eigentlich ganz gerne ins Museum gehen und es interessant finden. Um aber generell die Besucher*innen zu erreichen, die nur wegen der Familie oder Freunden mitgehen, braucht es ausdifferenziertere Vermittlungsangebote. So wurde bei unseren Befragungen deutlich, dass diese Personen mehr Wert auf ein unterhaltsames Angebot legen. Sie mögen es beispielsweise, sich bequem hinzusetzen, um einen Film anzuschauen. Ein schönes Beispiel dazu gibt es im "Religio - Westfälisches Museum für religiöse Kultur" in Telgte. Dort existiert ein winziger Kinosaal mit circa 20 Sitzplätzen, genauso bequem wie im Kino. Die Besucher*innen können dort kurze Filme auswählen, die nicht länger als 15 Minuten dauern. Darüber hinaus sind und bleiben interaktive Exponate wichtig. Selber tätig zu werden, ist immer noch ein Highlight für die Besucher*innen. Nur stehen und lesen ist für die meisten zu wenig. Aber "interaktiv" darf nicht darauf begrenzt bleiben, lediglich ein Türchen oder eine Schublade auf- und zumachen zu können. Das schönste interaktive Element, das ich je gesehen habe, war im Spohr Museum in Kassel: Dort können die Besucher*innen den Verlauf eines Musikstückes in der Partitur verfolgen, sich selbst als Dirigent*in versuchen und beispielsweise mal die Streicher ausschalten, um zu erfahren, wie das Stück ohne sie klingt. Das ist wirklich hervorragend, wobei Interaktivität bei Musik natürlich bestens funktioniert. Aber in vielen Dingen könnten sich die Häuser auch ein bisschen was einfallen lassen.

Dann gibt es ja auch Leute, die einfach nicht gerne etwas Neues lernen. Wie kann man denn nach aktuellem Stand an diese Personen Kultur vermitteln?

Das ist nicht einfach. Wir haben dazu Nicht-Besucher*innen untersucht. Nicht-Besucher*innen sind ja immer interessant, weil die Häuser wissen möchten, warum diese nicht kommen. Generell sind die Leute gar nicht abgeneigt, in ein Museum zu gehen. Die Museen müssen aber dringend an ihrem Image arbeiten, denn sie werden gerade von jungen Leuten schlicht als langweilig wahrgenommen. Das konnten wir in Online-Umfragen mit Nicht-Besucher*innen zwischen 20 und 35 Jahren erfahren. Wir erhielten dabei Aussagen von "Das hat mit mir nichts zu tun" bis hin zu "Da geht doch sowieso keiner mehr hin". Eine Möglichkeit, eine Beziehung zu einer dieser Zielgruppen herzustellen, wäre, zwischen ihrem Berufsleben und einem Museumsbesuch eine Verbindung zu schaffen, in dem man sie beispielsweise in Ausbildungsgänge in Form von Zertifikaten mit einbezieht. Wenn sich jemand dafür interessiert, stehe ich gern zur Verfügung.

Was muss denn Kulturvermittlung Ihrer Meinung nach heute sein?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch von den konkreten Vorschlägen ab, die man macht. Beim Museumsdorf Cloppenburg hatten wir beispielsweise vorgeschlagen, die einzelnen Häuser und Höfe zu beschildern. Ursprünglich war die Ausrichtung allerdings so, die Häuser an sich wirken zu lassen, weil das Museum Tafeln als störend und künstlich musealisiert empfand. Aber die Besucher*innen haben uns gerade das Gegenteil berichtet und hätten sich mehr Informationen direkt an den Häusern gewünscht. Das Museumsdorf ist dem nachgekommen und hat dabei auch kurz beschrieben, woher sie stammen, welche Familie dort gelebt hat und ein paar Einzelheiten hervorgehoben. Das ist bei den Besucher*innen sehr gut angekommen, wie wir dann in der späteren Untersuchung festgestellt haben. In den meisten anderen Fällen sind die Evaluationsberichte eigentlich benutzt worden, um für Förderanträge entsprechend belegen zu können, was das Haus mit welchen Ergebnissen gemacht hat.

Wie wurden die Ergebnisse der Evaluationen denn von den Häusern für deren Vermittlungsarbeit genutzt?

Um ein ganz aktuelles Thema aufzugreifen: Museen sollten in der Kulturvermittlung für Migrant*innen absolut eine führende Rolle spielen. Denn fast alle Museen machen heute zweisprachige Beschilderung, in Grenzregionen sogar mitunter dreisprachig, wobei auch Konzepte zum Spracherwerb entwickelt werden könnten. Zudem können sie den interkulturellen Dialog befördern. Und wenn es eine Kulturvermittlung für Personen ist, die mit der Kultur wenig oder gar keine Berührung haben, dann wäre es sehr sinnvoll, ihnen besondere Gelegenheiten zu bieten, um sich Kultur und Geschichte anzuschauen. Was dabei immer vergessen wird: Museen sollten nicht nur Hochkultur verbreiten, sondern ebenso wichtig ist die Alltagskultur. Zum Beispiel bekommt das Museumsdorf Cloppenburg als nächsten Zugang eine Dorfdiskothek. Das ist ja auch eine kulturelle Institution und für mich genau der richtige Ansatz, um zu zeigen, wie das beispielsweise in den 60er Jahren war. Damit knüpft man auch an die jüngere Geschichte an, sodass die Besucher*innen heute vermittelt bekommen, wie ihre unmittelbaren Vorfahren ihre Jugend erlebt haben. Und somit bekäme man vielleicht auch wieder jüngere Zielgruppen ins Museum - und das lässt sich prüfen.
 
Das Interview erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin Kulturvermittlung.
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