26.06.2019

Autor*in

Felicitas Irene Birckenbach
Kultur- und NPO-Management und Diplom-Volkswirtin, widmet sich seit Jahren in verantwortlichen Positionen als Expertin für Marken- und Kulturkommunikation in gemeinnützigen Institutionen und renommierten Unternehmen den Themenfeldern Kultur, klassische Musik, Bildung, Nachhaltigkeit und verantwortungsbewusste Unternehmensführung.
Buchrezension

Das Konzert II

Auf Tradition setzen oder mit innovativen Formaten experimentieren? Die Diskussion um die gesellschaftliche und kulturpolitische Relevanz des klassischen Konzertes dauert an. Welche Entwicklungen dabei möglich sind, beleuchtet "Das Konzert II".
 
Der Sammelband, 2018 im transcript Verlag erschienen, schließt an die Diskussion in und um das Buch "Das Konzert - Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form" an. Ziel ist es, im Rahmen der so bezeichneten "Concert Studies" bisherige Ergebnisse zu reflektieren, neue Ansätze und Thesen zu diskutieren und Konzertformate in diesem Kontext zu analysieren. Namhafte Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis untersuchen dabei in sieben Themenblöcken auf knapp 500 Seiten den Konzertbesuch, Aspekte der Musikästhetik und insbesondere die Frage nach innovativen Konzertprogrammen und -formaten. Ihre Aufsätze sind dazu in folgenden Kapiteln gebündelt:
 
  • "Konzert als Ereignis",
  • "Programme, Formate und Medien",
  • "Vermitteltes Hören",
  • "Publika und Musiker*innen",
  • "Ökonomien und Politiken" sowie
  • "Konzertforschung"
Dabei zeigt sich eine vielfältige Spanne von wissenschaftlichen Ansätzen und Forschungsvorhaben, über Essay und Interview, über konkrete Praxiserfahrungen von Konzertdesigns mit konzertdramaturgischen Elementen bis hin zu einem "Manifest" in fast missionarischer Diktion. Die Beiträge sind mehrheitlich neu, um die Themen aus dem Vorgänger-Band zu komplementieren.

Den Rahmen setzen Herausgeber Martin Tröndle, der eingangs zunächst die Beiträge einordnet und sodann eine "Konzert-Theorie" vorstellt, und abschließend das Max Planck Institut für empirische Ästhetik (mpg). Dieses skizziert Inhalte und Ziele eines auf mehrere Jahre angelegten Projekts zur Erforschung des Konzert-Erlebens. Tröndle weist darüber hinaus einleitend darauf hin, dass trotz der für den deutschsprachigen Raum inhärenten Spezifika ein Teil der Erkenntnisse auf den internationalen Klassikmarkt übertragbar sein dürfte.

Krisendebatte als Herausforderung und Chance
 
Seit einigen Jahren ist ein Wandel in Teilen des Konzertbetriebs zu beobachten. Auslöser sind nicht zuletzt Studien zu Rückgang, Struktur und Überalterung des Publikums, zur Debatte um eine "Musealisierung" des klassischen Konzerts sowie zu Sparmaßnahmen der öffentlichen Haushalte im Kulturbereich - auch zu Lasten von Orchestern - und damit einhergehendem Legitimationsdruck. Man spricht inzwischen weniger von der "Krise der klassischen Musik", sondern sieht vielmehr eine Krise von Institutionen, Darbietungsformen und -ritualen. Ergänzend zu Audience Development und Musikvermittlung sind insbesondere in der freien Szene und bei Festivals, wie auch auf Musiker-Seite vielfältige Konzert- und Vermittlungsformate entstanden. Trotz der großen Aufmerksamkeit neuer Konzertstätten (z.B. Elbphilharmonie, Kulturpalast Dresden, Anneliese Brost-Musikzentrum) wird nach wie vor über Herausforderungen und Ideen für eine Transformation und Diversifikation der Kunst- bzw. Kulturform Konzert diskutiert. Konferenzen wie die Heidelberg Music Conference oder Classical:Next nehmen sich dieser Diskussion ebenfalls zunehmend an.

Dennoch besteht weiterhin Handlungsbedarf, wie aktuelle Zahlen auch in diesem Band zeigen. Denn trotz vieler Initiativen im Konzert- und Festivalbereich wächst das Angebot hinsichtlich der Menge und Vielfalt bisher stärker als die Nachfrage - oft mit prekären Folgen für viele Musiker u.a. wegen knapper Orchesterstellen oder untertariflicher Bezahlung. Zudem wirkt sich das Streaming auf die Publikumsgruppen und ihr Hörverhalten aus, was sich beispielsweise daran zeigt, dass Titel mit unbekannten oder nicht ad hoc gefallenden Klänge abgebrochen werden. Insofern sucht man nun nach Präsentationsformen und Lösungen, die die erstarrten (so der vielfach geäußerte Vorwurf) Programm-Schemata, Routinen und Rituale aufbrechen und ein neues Publikum erreichen, ohne jedoch die bisherigen Hörer zu verlieren. Ein möglicher (hier nicht verfolgter) Ansatz sind Zugeständnisse durch "Eventisierung", Anbiederung, Entertainment - ein anderer, die Spezifika des (klassischen) Konzertes programmatisch bzw. dramaturgisch zu betonen. Das Anliegen des Buches ist, genau diese Herausforderung mit einem interdisziplinären, theoretisch und empirisch gestützten Diskurs aufzugreifen.

Transformation der Kulturform Konzert

Die seitens des Herausgebers den Beiträgen zugrunde gelegte These ist, dass es eine in den Concert Studies wissenschaftlich fundierte, "künstlerisch raffinierte" und nicht zuletzt publikumsorientierte Transformation der Kulturform Konzert brauche. Tröndle und die Co-Autoren gehen - wie auch andere Akteure des Konzertwesens und der Forschung - davon aus, dass nur eine Vielfalt an Aufführungskonzepten sowohl den verschiedenen musikalischen Epochen als auch den unterschiedlichen Interessen der Besucher gerecht werden können. Damit verbunden entwickelt sich nun die Aufführungskultur, ähnlich wie sich vor Jahren schon die Interpretationspraxis in der Folge der Bewegung der historisch informierten Aufführungspraxis gewandelt hat. Tatsächlich zeichnet sich dies bereits in der Konzertrealität zunehmend ab - zunächst bei Festivals, in der freien Szene und in Häusern, die sich bewusst einer Modernisierung, Öffnung und der Publikumsentwicklung verschrieben haben.

Dennoch finden sich weiterhin auch Konzertkalender mit der typischen Kombination "Starsolist" oder "Stardirigent" plus beliebtes Orchesterwerk, eventuell "gewürzt" mit einem kurzen Werk aus der Moderne. Begleitet wird dies noch zu oft von ermüdenden Texten in Programmheften mit kaum unterscheidbaren Künstlerbiographien. Zu dieser als "verstaubt" bezeichneten Konzertkultur diskutieren die Autoren des Buches Alternativen, die künftig das Konzert als ästhetisch-soziales Ereignis hervortreten lassen sollen.

Das Konzert als Ereignis durch Programme, Medien und Formate

Konzertmacher finden unter anderem Impulse, wie Konzerte "als Interpretation" oder "als Ereignis" anders gestaltet werden können. Sehr interessant und plausibel klingt dabei die zu Beginn formulierte Konzerttheorie von Tröndle, die das Konzert und den Aufführungsrahmen selbst als Interpretation betrachtet, die auf den Elementen Aufmerksamkeit und Affordanz (Aufforderungscharakter) fußt und zudem die mögliche Präsenzerfahrung und das Gemeinschaftserlebnis betont. Ergänzend dazu greift Jens Roselt am Beispiel von John Cage’s "4:33" den Aspekt des "performativen Moments" im Erleben der Hörer auf. Nicholas Cook betrachtet das Konzert aus der Perspektive der Interpretation - als Kontrast zur oft noch stark werkbezogenen Sicht vieler Musikwissenschaftler - um zu zeigen, dass und wie die Interpretation selbst Kunst sein kann.

Zudem können innovative Programme und Formate sowie eingesetzte Medien das Konzert beleben. Die Beiträge von Maria I.J. Reich, Folkert Uhde und Matthias Rebstock veranschaulichen hierbei anhand von Praxisbeispielen (u.a. Radialsystem Berlin), wie Konzerte inszeniert und präsentiert und wie neue Hör-Erlebnisse geschaffen werden können. Improvisations-Elemente sowie das "Konzertdesign" - zu dem der Lichteinsatz, die Konzertdauer, die Platzierung der Zuhörer oder  das optische und akustische Einstimmen des Publikums auf das Konzert während der Einlassphase zählen - ermöglichen dabei Präsenzerfahrung und gemeinschaftliches Erleben. Diese auch theoretisch untermauerten Überlegungen sind wichtig, um über das Experimentieren hinaus langfristige Chancen und Perspektiven für Konzertformate zu eröffnen.
 
Daran anknüpfend wird die Frage diskutiert, ob bzw. wann im Konzert der Fokus allein auf Musik und freie Assoziationen der Hörer gerichtet oder wann werkbezogenes Wissen durch Medien vermittelt werden sollte. Damit ist verbunden, wann in dieser Vielzahl von Optionen traditionellere Medien wie Programmzettel sinnvoll sind und wann sich moderne, wie eine digitale Listening-App, besser eignen könnten. Hier verschwimmen im Übrigen die Grenzen von Konzert, Musikvermittlung und Marketing. 

Formales

Es mag den typischen Eigenheiten eines Sammelbandes geschuldet sein, dass wider Erwarten die Konzerttheorie als solche in den Folgeartikeln zumindest nicht explizit weiter diskutiert wird, wenngleich einige Beiträge die Aspekte der Aufmerksamkeit, Affordanz oder Präsenz selektiv aufgreifen. Der Vorteil ist, dass man die Aufsätze, die weitgehend unabhängig aus der jeweiligen individuellen Forschung oder Praxis entstanden sind, einzeln je nach individueller Fragestellung lesen kann. Mit Spannung sind insbesondere die Ergebnisse des o.g. mpg-Projektes zum Konzerterleben zu erwarten. Da dieser Band komplementär zum ersten Band konzipiert ist, ist außerdem nicht ganz nachvollziehbar, warum einige Artikel daraus hier erneut vertreten sind (mit leider nicht immer aktuellen Querverweisen).

Wie kaum anders zu erwarten, können sich die Autoren auch dieses Bandes nicht auf ein gemeinsames Kulturverständnis einigen. Sehr eigenwillig etwa sieht Steven Walter "Kultur" nur als rückwärtsblickenden und lediglich reproduzierenden institutionellen Gegenpol zur Kunst. Allerdings sind die Künste ja gerade Teil der Kultur jeder Gesellschaft und haben ebenjene Innovationen hervorgebracht, die er fordert - und auch selbst produziert. So sind etwa die neuen experimentellen Konzertformen, wie Tröndle und aandere Autoren zeigen, ein Teil der (Konzert-)Kultur. Dabei wird vor allem deutlich, dass diese neben der Selbstvergewisserung und Bewahrung des kulturellen Erbes sehr wohl auch Kreativität und Innovation ermöglicht.
 
Zentrale Begriffe werden zwar mehrheitlich gut erläutert (Affordanz, Präsenz, Erlebnis), allerdings wird zum häufig verwendeten, aus der Physik kommenden und inzwischen in der Filmbranche etablierten Begriff der Immersion kein klares gemeinsames Verständnis vorgestellt. Hier wäre es naheliegend gewesen, auf die in 2017 erschienenen "Musikphilosophische Schriften" von Günther Anders zu verweisen, der schon in den 1930er Jahren vom "in Musik sein" schrieb und diesen zentralen Gedanken längst vorwegnahmen. Das Format "mittendrin" bzw. "im Klang" von Konzerthaus Berlin und Wien, bei dem die Hörer inmitten der Musiker sitzen, greift dies übrigens auf.

Fazit

Hier liegt ein wichtiges, interessantes, insgesamt sehr lesenswertes Buch vor, das viele Anregungen und Impulse liefert. Es beleuchtet die vielfältigen kulturellen, ästhetischen, sozialen und ökonomischen Aspekte des Konzerts aus der Perspektive der Aufführungskultur. Es ist daher sicher lohnend für alle, die sich wissenschaftlich oder praktisch mit dem Konzert befassen.

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