18.01.2016

Autor*in

Franziska Nolte
Franziska Nolte studierte Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften sowie Kulturmanagement. Sie war u.a. im Stadtmarketing als Projektmanagerin für Kultur und Wissenschaft tätig. Der Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt unter anderem auf Museen im digitalen Wandel.
Buchrezension

Der Vergangenheit eine Zukunft. Kulturelles Erbe in der digitalen Welt

Die Digitalisierung ist als neuer Antrieb gesellschaftlicher Transformation in aller Munde. Global vernetzt in nahezu allen Bereichen des Arbeitens und Lebens, stellt sie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch Kultur vor ungeahnte Herausforderung, Chancen und Risiken, die über die zeitgemäße Nutzung der Social Media-Kanäle weit hinausgehen. Die Bewahrung und Vermittlung des Kulturellen Erbes in die digitale Welt zu erweitern, ist dabei eine Aufgabe, die mit neuen Strukturen und Rahmenbedingungen einhergeht. Die Publikation Der Vergangenheit eine Zukunft. Kulturelles Erbe in der digitalen Welt, herausgegeben 2015 von Ellen Euler und Paul Klimpel bei iRights Media 2015, widmet sich diesen Veränderungen mit besonderem Blick auf die wissenschaftliche wie öffentliche Erschließung, Vernetzung und möglichst uneingeschränkte Zugänglichkeit.
 
Digitalisierung heißt für das kulturelle Erbe, dass jeder Inhalt Film, Buch, Musik, etc. sowohl plattform- als auch orts- und zeitunabhängig konsumierbar ist. Am jeweiligen Inhalt und seinem Wert ändert das nichts, doch verändert sich die Art und Weise, wann wo und wie wir kulturelle Inhalte nutzen. Zugleich wirft dieser Wandel die Frage nach dem Wesen der Kultur im digitalen Zeitalter auf. Er bringt neue Akteure, inhaltliche und strukturelle Dynamiken sowie Erkenntnisse hervor und er bietet Potenziale für alle Bereiche der Kulturarbeit und auch des Kulturmanagements. Die daran geknüpften veränderten Rollenverteilungen und Verantwortlichkeiten müssen in einem vielschichtigen Diskurs geklärt werden, denn immer häufiger stehen Kultureinrichtungen im Zwiespalt zwischen den Erwartungen von Politik, Bürgern, den eigenen Möglichkeiten und dem sich wandelnden kulturellen Auftrag. Paul Klimpel und Ellen Euler möchten mit dem von ihnen herausgegebenen Werk den Zwischenstand dieses Diskurses wiedergeben.
 
Vielschichtiger Diskurs
 
Im ersten Teil des Buches werden aus unterschiedlichen Perspektiven die Fragen der öffentlichen Verantwortung, der gesellschaftlichen Aufgabe und des privaten Engagements für Kultur im digitalen Zeitalter behandelt. Im Fokus stehen hierbei die Chancen und Herausforderungen für Kultureinrichtungen. Zum Beispiel werden sowohl die veränderte Erfassung und Archivierung des Kulturerbes betrachtet, aber auch die Umstrukturierung interner Arbeitsabläufe und die neuen Dimensionen von Ausstellungen und anderen Formen der Zugänglichmachung in und außerhalb von Kultureinrichtungen.
 
Bernhard Serexhe fasst dabei in seinem Artikel Skizzen zum Systemwechsel des kulturellen Gedächtnisses die Ausgangslage treffend zusammen: Es gibt keinen Weg zurück. [...] der Fortschritt geschah rückblickend ungefragt und unaufhaltbar (S. 64). Diese Aussage lässt eine gewisse Passivität und ein Gefühl der Überrumpelung von Seiten der Kultureinrichtungen spürbar werden, die auch an anderen Stellen immer wieder mitschwingt. Hier zeigt sich, dass ein Blick auf Entwicklungen, die nicht primär etwas mit Kultur zu tun haben scheinen, helfen kann, aktiv mit Veränderungen umzugehen und die Entwicklungen selbst mitzugestalten.
 
Die Kultureinrichtungen befinden sich also derzeit in einem Zwiespalt. Der schwellenlose und zeitgemäße Zugang zu digitalen Informationen wird von immer größeren Teilen der Gesellschaft erwartet und das Netz als Erweiterung des realen Handlungsraums begriffen, während Grundfragen zum veränderten Wert von Kultur für Besucher und Öffentlichkeit kaum wichtig sind. Für Kultureinrichtungen ist es essenziell, im Internet präsent zu sein und sich mit der Digitalisierung ihrer Kulturgüter auseinander zu setzen. Für viele ist dies jedoch im vollen Umfang finanziell und technisch nicht leistbar. Damit eröffnet sich die Frage, wie Kultureinrichtungen die Digitalisierung nutzen können, um externen Anforderungen zu begegnen, und wie die Politik dazu angehalten werden kann, die Investitionen weiter auszubauen und die Gesetzeslage an die geänderten Bedingungen im Sinne der Kultureinrichtungen anzupassen. Diese Haltung scheint auch in den nächsten Kapiteln immer wieder durch.
 
Politischer Ausblick und rechtliche Rahmenbedingungen
 
In den weiteren Teilen wird den Leserinnen und Lesern eine fachlich spezialisierte Perspektive auf die Thematik unter den Schlagwörtern Vernetzungsregeln, rechtliche Rahmenbedingungen und freier Zugang geboten. Die folgenden Artikel liefern recht konkrete Ansätze und Auseinandersetzungen mit verschiedenen Technologien und Rechtsfragen sowie einige Praxisbeispiele. Es werden verschiedene Standardisierungstechnologien und Datenmodelle vorgestellt sowie die mögliche Beständigkeit von Online-Quellen in der Wissenschaft zum Beispiel durch On-Demand-Archivierung. Auch die verschiedenen Rechte, die durch die Digitalisierung des kulturellen Erbes betroffen sind, wie in erster Linie das Urheberrecht aber auch Datenschutz, Persönlichkeitsrecht oder Recht auf Vergessen, sowie Lizenzregelungen werden in den Artikeln diskutiert.
 
Klimpel und Euler vereinen die Perspektiven Kulturschaffender, Wissenschaftler verschiedener Sparten, Juristen, Informatiker sowie Bibliotheks- und Archivexperten und bieten einen umfassenden Einblick in die Details der Debatte um die digitale Zukunft unseres kulturellen Erbes. Hermann Parzinger stellt in seinem Artikel die These auf, dass das originale Kulturgut auch in der digitalen Welt seine Bedeutung nicht verliert (vgl. S. 30). Eine Gegenthese oder eine detailliertere Auseinandersetzung mit den sich verändernden Perspektiven auf analoge und digitale Kulturgüter und den resultierenden Veränderungen für Kulturmanager und die Kultureinrichtungen selbst fehlt jedoch. Eine Abhandlung zum Diskurs der Bedeutungswandlung von analoger und digitaler Welt hätte das Werk als weiteren Aspekt gut ergänzt.
 
Auch wenn die Frage nach dem Wesen der Kultur im digitalen Zeitalter derzeit nicht vollständig beantwortet werden kann, ist es den beiden Herausgebern gelungen, einen übersichtlichen Zwischenstand der aktuellen Debatte abzubilden. Neben grundlegenden Informationen beschränken sich die Anregungen für den Arbeitsalltag in Form von spezifischen Einführungen und Praxisbeispielen vor allem auf den Bereich der Archivierung, während beispielsweise der Vermittlungsaspekt fehlt. Diesbezüglich wäre ein zusätzliches Kapitel wünschenswert, um alle zentralen Bereiche im Digitalisierungs-Diskurs abzudecken. Trotzdem bildet das Buch für diejenigen eine wertvolle Einführung, die sich in der Fülle von Informationen und Diskussionen um digitale Kultur orientieren, etwas über den technischen und rechtlichen status quo erfahren und erste Strategien für ihre eigene Einrichtung entwickeln wollen.

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