20.02.2019

Autor*in

Hedwig Day
arbeitet als Projektmanagerin bei den Niedersächsischen Musiktagen. Aus der klassischen Musik kommend gehören verschiedene Institutionen zu ihren Berufsstationen: U.a. IMG Artists, Göttinger Symphonie Orchester, Festspiele Zürich, Gewandhaus zu Leipzig. Mit ihrem Bachelor- und Masterabschluss in Kultur- und Medienmanagement am KMM Hamburg lehrt sie ebenda mit den Schwerpunkten Festival- und Projektmanagement. Daneben ist sie als Beraterin für Karrieremanagement von Solo-Künstlern tätig.
Buchrezension

Die Künstlerbrille

Die wachsende Komplexität des Berufsalltags von Führungskräften fordert ein Umdenken ihrer Arbeitsweise hin zu mehr kreativem Gestaltungsspielraum. Welche künstlerischen Impulse Manager* dabei in ihrem Arbeitsalltag sinnvoll einsetzen können, zeigt „Die Künstlerbrille“ von Dagmar Frick-Islitzer und Berit Sandberg.
 
Das Buch, erschienen 2018 im Springer VS Verlag, will dem Leser einen Einblick in den Schaffensprozess eines Künstlers geben: Dabei bildet es zunächst die Themen Inspiration als Prozess der Ideenfindung, Kreation als schöpferische Phase und Kunstwerdung und Transformation als Reaktion auf Unvorhergesehenes innerhalb der Schöpfung ab. Anschließend werden weitere Bereiche wie Innovation im Alltag des Künstlers, Kontemplation als Umgang mit dem Umfeld und anderen Einflussfaktoren auf die künstlerische Arbeit, Kooperation und Beziehungen zu Partnern und anderen Künstlern sowie Reflexion als Fehleranalyse und Evaluation des Handelns und der inneren Haltung zur eigenen Leistung beleuchtet.

Die Kapitel sind in Abschnitte unterteilt, die durch farbige Teilüberschriften nochmals strukturiert werden. Innerhalb der einzelnen Themen stellen die Autorinnen zunächst die Haltung und Sichtweisen des Künstlers dar, indem die ‚Künstlerbrille aufgesetzt‘ wird: Dabei werden die aufgestellten Thesen durch Zitate und Beispiele von mehr als 300 Künstlern aus diversen Sparten unterfüttert. Darunter sind bekannte Pop- und Rockstars, bildende und darstellende Künstler, Filmregisseure, Musiker und Dirigenten. Daneben äußern sich auch Manager von großen Wirtschaftsunternehmen zu den einzelnen Themen und ihrem Berufsalltag. Die jeweiligen Aussagen werden anschließend beim ‚Aufsetzen der Managerbrille‘ vor- und gegenüber gestellt. Hierbei gibt es konkrete Handlungsanweisungen und Übungen, die Manager anwenden können, um die Fähigkeiten der Künstler zu erlernen.

Künstler versus Manager – wer arbeitet effizienter?

Sandberg und Frick-Islitzer haben ein Werk kreiert, welches in dieser Form noch nicht im Handel erschienen ist. Im Vergleich zu beispielsweise Christian Ganschs Publikationen über die Management-Lehre von Orchestern (z.B. Vom Solo zur Sinfonie) bietet „Die Künstlerbrille“ zahlreiche Beispiele auch aus anderen Sparten und ergänzt somit die wirtschaftliche Arbeitsweise um weitere Aspekte, die allein durch die Musikwelt nicht hinreichend zu beschreiben wären. Zum Beispiel wird der Abschluss eines Projektes mit der Arbeit an einem Kunstwerk verglichen. Der darstellende Künstler als Schöpfer allein hat ein Gespür dafür, wann sein Werk fertig ist und arbeitet bis zu dem Moment, wo er spürt, dass nichts mehr hinzugefügt oder weggenommen werden kann. Manager können daraus schlussfolgern, Projektabschlüsse intuitiv zu terminieren, ohne unnötige Erweiterungen ergänzen zu wollen.

Ein wesentlicher Faktor, der im Buch mehrfach eine einnehmende Rolle spielt, ist die Zeit, die für ein Projekt aufzuwenden ist und die den Unterschied zwischen der künstlerischen und der Management-Ebene ausmacht. So haben Künstler mehr Zeit, sich auf ein Problem oder eine neue Aufgabe einzulassen, während Manager dem Zeitdruck der sich stark verändernden Gesellschaft ausgesetzt sind. Schnelle Reaktionen auf den sich stets wandelnden Kundengeschmack sind gefordert und lassen nur wenig Freiraum für kreative Ruhepausen. Ob die unter Druck entstandenen Lösungen jedoch die geeignetsten sind, ist laut Frick-Islitzer und Sandberg fraglich.

Neben zahlreichen Interviews stellen die Autorinnen auch aussagekräftige Studien vor, die unter anderem die Arbeit und Selbsteinschätzung von Managern analysiert haben. Die interessanten Ergebnisse zeigen dabei beispielsweise, dass 75% der Arbeitnehmer im Alltag am stärksten von ihrem Vorgesetzten gestresst werden. 23% wären kreativer, wenn Fehler mehr toleriert und das Scheitern nicht tabuisiert werden würde. Im Gegensatz dazu äußern zahlreiche Künstler, dass Fehler zur Kunstwerdung dazu gehören. Sie lassen sie zu und arbeiten damit. Ein Beispiel hierfür sind die Kunstdrucke von Andy Warhol, die fast alle einen Fleck oder Druckfehler besitzen. Warhol demonstriert damit den Arbeitsprozess und erklärt die Fehler als „part of the art“.

Daneben werden auch andere spannende Aspekte thematisiert: Ein Pianist erläutert etwa, wie er der ständigen Routine entgegentritt, die mit der Aufführung des immer gleichen Repertoires verbunden ist. Ein Zeichner beschließt, mit der linken anstatt der rechten Hand zu zeichnen, um bewusst die Kontrolle abzugeben und neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Auch wird beschrieben, wie Paul McCartney und John Lennon zum ersten Mal Probleme damit hatten, einen neuen Song zu schreiben. Sie stoppten ihren Arbeitsprozess, entspannten bei einer Tasse Tee und hatten plötzlich den Einfall zu „Drive my Car“.

„It’s fine to celebrate success, but it is more important to heed the lessons of failure.“ (Bill Gates)

Auch die Argumente der Managerbrille basieren auf einer intensiven methodischen Arbeit der Autorinnen. Am Schluss jeden Kapitels werden hilfreiche Übungen und kritische Fragen zur Selbstreflexion gestellt. Im Kapitel über Improvisation wird etwa gezeigt, wie man außergewöhnliche Situationen im Berufsalltag, wie die Leitung einer Sitzung/Besprechung, spielerisch meistert. Hier helfen Fragen wie „Wie können Sie dafür sorgen, dass alle Ideen auf den Tisch kommen und nichts abgewürgt wird?“ oder „Wie können Sie die einzelnen Phasen der Sitzung so offenhalten, dass nicht genau festgelegt ist, wer wann was sagt?“. Am Ende jedes Unterkapitels steht zudem ein künstlerischer Imperativ, der hier zum Beispiel „Werden Sie lebendiger!“ lautet und einen Impuls schafft, die Erkenntnisse und dazugehörigen Übungen umzusetzen.

Die Erkenntnis für den Manager

Die Sichtweise eines Künstlers einnehmen, also die Künstlerbrille aufsetzen, um neue Ideen und Haltungen zu Problemen zu entwickeln? Herausforderungen wie Planungsunsicherheit, Innovationsdruck und Fremdbestimmung mit Hilfe der Begeisterung und Ausdauer von Künstlern meistern? Kreativität und Flexibilität als Schlüssel zum unternehmerischen Durchbruch? Kann es so einfach sein, Erfolg zu erreichen?

„Die Künstlerbrille“ bietet in der Tat ein breites Spektrum an Werkzeugen für die Bewältigung zahlreicher beruflicher Probleme und zeigt dabei einen hohen Identifikationsgrad mit den Management-Anforderungen. Die Struktur des Buches unterstützt die Argumentation der Autorinnen in jeder Hinsicht. Der Rechercheaufwand ist schlichtweg beeindruckend und macht die Thesen für den Leser nachvollziehbar.

Erkenntnisse für Künstler und Kulturmanager gleichermaßen

Meiner Meinung nach ist das Buch sowohl für Kulturmanager als auch für Künstler ein sehr interessantes Werk. Zum einen beschreibt es viele kreative Hürden, wie zum Beispiel den Umgang mit Niederlagen oder die quälende Frage, wann ein Kunstwerk bzw. ein Projekt nun endgültig fertig gestellt ist. Durch die Zitate und Beispiele spürt der Künstler als Leser, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist, und kann sich von anderen Künstlern Inspiration holen, damit umzugehen. Dabei ist ein schöner Nebeneffekt beim Lesen, mehr über die Künstler und aus ihrem Leben zu erfahren. Beispielsweise hat sich Herbert von Karajan derart auf seinen Pulsschlag als Metrum für Tempi verlassen können, dass er beim Abspielen neuer Aufnahmen im Urlaub in den Bergen, wo der Puls langsamer schlägt, eine starke Ungleichheit feststellte und zunächst irritiert war. Oder Gustavo Dudamel hat sein erstes Konzert als Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic unter Ausschluss der Öffentlichkeit für die Mitarbeiterschaft der Philharmonie dirigiert. Er ermöglichte somit vielen, erstmals ein Live-Konzert zu erleben und entfachte damit ungeahnte Emotionen und Motivation.

Da es in Kulturinstitutionen zahlreiche Quereinsteiger mit künstlerischem Hintergrund und kreative Mitarbeiter gibt, kann es passieren, dass zum anderen der Kulturmanager als Leser ständig abwiegt, wie viel ‚Künstler‘ tatsächlich in ihm steckt. Mögliche Fragen könnten sein:
 
  • Sehe ich derzeit mehr durch die Künstlerbrille oder durch die Managerbrille?
  • Welche Auswirkungen hat das auf meine Arbeit? Wo sind Verbesserungsmöglichkeiten?
  • Sind meine kreativen Arbeitsweisen stark vorhanden und wäre es für mich sinnvoller, eher meine Manager-Fähigkeiten auszubauen?
  • Oder sollte ich mir die Zeit nehmen, nach der künstlerischen Freiheit zu streben, die im Buch angedeutet wird?
Der Kulturmanager, der sämtliche Qualitäten von Künstlern und Managern gleichermaßen vereint, könnte demnach als Vorbild dafür gesehen werden, Aufgaben im schnellen Wandel der Gesellschaft bestmöglich umzusetzen.

Fazit
 
Zusammenfassend empfehle ich „Die Künstlerbrille“ sowohl Künstlern als auch Kulturmanagern und Managern, die auf der Suche nach Inspiration und neuem Input für ihren Beruf sind. Insbesondere bei Schaffenskrisen oder besonderen Herausforderungen kann das Buch gewinnbringende Lösungen aufzeigen. Sandberg und Frick-Islitzer geben am Beispiel der Führungskräfte aus der Wirtschaft wertvolle Tipps, wie Kulturmanager schneller auf Veränderungen reagieren und den einen oder anderen Kulturtanker gezielter auf Kurs halten können.

*Zugunsten der Lesbarkeit wurde auf die weibliche Form der Berufsbezeichnungen verzichtet

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