03.06.2019

Autor*in

Antje Krüger-Spindler
ist Musikpädagogin und Kulturmanagerin. Am Institut für Kulturmanagement Ludwigsburg studierte sie im berufsbegleitenden Kontaktstudium Betriebssteuerung und Kulturfinanzierung und absolvierte darüber hinaus die Zusatzausbildung Musikschulleitung (VdM). Seit April 2018 leitet sie die Musikschule Baiersbronn, an der sie sich insbesondere der Vernetzung der kulturellen Aktivitäten der freien Szene und der städtischen Kultur- und Bildungsaktivitäten widmet.
Buchrezension

Die Kulturkonzeption. Stadtentwicklung und Kulturpolitik am Beispiel der Stadt Ravensburg

Kultur kann ein Motor der Stadtentwicklung sein. Damit dieser Motor nicht laut aufjault, sondern zur Umsetzung von gesellschaftlichen Visionen führt, muss die Konzeption strukturell gut durchdacht sein und die aktuellen wie künftig absehbaren Bedarfe aller Beteiligten einbeziehen. Der neue Sammelband von Martin Tröndle zeigt anhand der Stadt Ravensburg, wie ein solcher Prozess aussehen kann.
 
Der Sammelband, 2018 bei Springer VS erschienen und von der Stadt Ravensburg in Auftrag gegeben, basiert auf einer Situationsbeschreibung des Kulturangebotes der Mittelstadt Ravensburg mit ca. 50.000 Einwohnern und entwickelt daraus visionäre Gedanken zu deren Zukunftsgestaltung. Grundlage ist eine Forschungsarbeit, die ein Team von 18 Studierenden und vier Dozierenden der Zeppelin Universität Friedrichshafen in den Jahren 2015/16 für die Stadt geleistet hat. Die entstandene Kulturkonzeption geht dazu multiperspektivisch vor, wobei der Definitionsrahmen die Vorgehensweise einer Kulturentwicklungsplanung wie Bestands-, Bedarfsanalyse und Ziele aus dem Blickwinkel des Kulturinteressierten und der Kulturbetriebe mit einschließt. Die Beiträge stammen von Studierenden sowie von namhaften Kulturmanagern aus den Bereichen der Stadt(teil)-entwicklung und der Kulturentwicklungsplanung.
 
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Zuerst erläutern Martin Tröndle und Dieter Haselbach den theoretischen Hintergrund des Begriffes Kulturkonzeption. Im zweiten Teil wird multi-methodisch der aktuelle Bestand aufgenommen. Im dritten Teil werden konkrete Perspektiven und Vorschläge aufgrund einer lokalen Theorie für Ravensburg entwickelt.

Weltsprache Kultur

Ravensburg eignet sich aufgrund des vielfältigen Kulturangebots, der über 1.000-jährigen Geschichte und einem starken Tourismussektor sehr gut für eine Kulturkonzeption. Zugleich wirkte die Baukultur der vergangenen Jahre in Ravensburg wie ein Katalysator für die gesellschaftliche Entwicklung. Nun sollen diese Gebäude mit einer übergeordneten Kulturkonzeption vernetzt werden. Dabei braucht die Vielfalt der Kulturaktivitäten innerhalb der Stadt mit ihrer freien Szene, ihren Nischenakteuren und exponierten Angeboten kluge Instrumente der Verbindung, ohne einzuengen. Die Erhebung einer solchen kulturellen Situation ist eine Herkulesaufgabe. Hier diente die ethnografische Methode der dichten Beschreibung dazu, "ein möglichst vielschichtiges Bild des Kulturlebens der Stadt Ravensburg zu erzeugen", wie Herausgeber Martin Tröndle betont. Institutionen der Ravensburger Museumslandschaft, Kunst- und Literaturszene, der (kulturellen) Bildung und der freien Clubszene, traditionelle Feste und interkulturelle Atmosphäre - alles wurde einbezogen. Testbesuche in Kulturorganisationen wurden durchgeführt. Zudem fanden eine Dokumentenanalyse von Haushaltsplänen und Internetseiten, persönliche Gespräche mit leitfadenunterstützten Interviews sowie informelle Gespräche statt. Das alles wurde unter der Fragestellung betrachtet: Wie und wohin kann sich die Stadt mit ihrem kulturellen Angebot weiterentwickeln?

Um die Bedürfnisse und Erwartungen der Besucher zu ermitteln, wurden Besucherbefragungen durchgeführt. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Familien mit Kindern, Jugendliche sowie Besucher mit nichtakademischer Ausbildung zahlenmäßig unterrepräsentiert sind. Ein Ziel der Kulturkonzeption sollte daher sein, auch diese Zielgruppen verstärkt anzusprechen. Ebenfalls sollten Strategien zur Intensivierung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel entwickelt und Bustransfers zu Angeboten im Umland eingerichtet werden.


Aufgrund der bestehenden Vielfalt des Kulturangebotes von Ravensburg kann sich jeder Bewohner direkt angesprochen fühlen. Aber lassen sich die Bürger auch darauf ein? Vereinfacht gesagt: Die Lager sind getrennt. Hier subventionierte Kultur, dort freie Szene, hier Ravensburg, dort die Städte des Umlandes mit ihrem eigenen Kulturangebot.

Was will die Stadt für ihre Bewohner erreichen?

Aus dieser Fragestellung heraus und basierend auf der umfassenden Analyse wurde in Workshops mit Studierenden und Dozierenden ein übergeordnetes strukturelles Bild für das Kulturleben in Ravensburg entwickelt: "Türme Nischen Grenzen". Dieses Dispositiv wird als "Theorielinse" benutzt, um einen distanzierten Blick zu den eigenen Motivationen und Bedürfnissen zu wagen und das Zusammenspiel im Ganzen zu betrachten.
  • Unter "Turm" werden nach außen und in der Wirtschaft hin wahrgenommene kulturelle Einrichtungen mit Strahlkraft einsortiert. Dabei werden die Fragen aufgeworfen: Durch welche Türme werden Besucher angezogen? Passen die Türme zu dem Kulturleben, das sich die Besucher wünschen? Wo gibt es Potentiale, neue Türme zu etablieren?
  • "Nischen" benötigen geeignete Rahmenbedingungen sowie eine gewisse Abgeschlossenheit. Sie erzeugen Heterogenität und machen eine Stadt lebenswert. Nische bezieht sich hier allein auf die Funktionalität, ist also keine Wertung der Größe der Institution. Ravensburg hat eine reiche Nischenlandschaft.
  • Unter "Grenzen" verstehen die Autoren vor allem mentale Grenzen und Abschottungsmentalität aus verschiedensten Motiven (z.B. Verteilungskampf um öffentliche Mittel) heraus.
Hierbei bleibt auch die Kontinuität der Förderpraxis der Stadt Ravensburg nicht unerwähnt. Das Problem: Freiheit zur kulturpolitischen Ausgestaltung entsteht nur dort, wo Mittel nicht langfristig gebunden sind. Um Handlungsoptionen zu entwickeln, steht deshalb folgender Vorschlag im Raum: Die Stadt sollte ihre Kulturpolitik am Nischenmanagement ausrichten. Helfen können dabei die Fragen: Welche soziale und künstlerische Funktion nimmt das Nischenangebot im Kulturleben ein? Welcher Logik und Ökonomie unterliegt die Nische? Welche Rahmenbedingungen sind für das Gedeihen der Nische notwendig?

Nach dieser Vorarbeit wurden den Kulturorganisationen konkrete Empfehlungen für Maßnahmen ins Hausaufgabenheft geschrieben, die eine überregionale Strahlkraft ausüben sollen. Als vorgeschlagene Maßnahme dient ein inhaltlich gerahmter, aber letztendlich freier Kulturetat zur Förderung der selbstorganisierten Kulturszene. Unter dem Blickwinkel "Interventionen mit Kunst" wurde beispielsweise empfohlen, einen interaktiven, projektorientierten Kunstbereich auszubilden. Um des Weiteren an das stark ausgeprägte Interesse der Ravensburger an ihrer Stadt anzuknüpfen, eignet sich das spartenoffene und qualitativ hochwertige Festival "Spielzeit". Dessen Leitung wird extern vergeben, um neue Ideen zu integrieren. Den städtischen Kultur- und Bildungshäusern wurde darüber hinaus die Aufgabe zugewiesen, kreativem Potential zusätzlichen Kontext zu bieten. Eine Koordinationsstelle "Kulturelle Bildung" realisiert dazu Kooperationsprojekte mit ausgesuchten Zielgruppen und öffentlichen Playern.

Fazit und Ausblick

Die Methode "Die Kulturkonzeption" zeigt einen Weg auf, gesamtgesellschaftliches Engagement einer Mittelstadt zu ordnen und weiterzuentwickeln. Stringent führt die umfassende Recherche dabei zu einem strukturellen Bild, das durch seine Logik besticht. Es kann daher auch für andere Gemeinden mit ähnlich parzellenhaften Strukturen der öffentlichen und der freien Kulturszene als Orientierungsgrundlage für eigene Kulturkonzeptionen dienen.


Der Aspekt, Kultur als Instrument der Stadtentwicklung zu sehen, wird im Buch immer wieder praxisnah angerissen, aber leider nicht weiter ausgeführt. Zudem bleiben Fragen dazu offen, wie die Kulturkonzeption dabei helfen soll, die bestehenden Grenzen in den Köpfen der einzelnen Institutionen und Systeme abzubauen. Synergien können dann entstehen, wenn zwischen den einzelnen Systemen durch ihre Unternehmenskultur des dichten Dialoges eine bestimmte Kommunikationsdichte entwickelt wird. Gerade der Bereich Kommunikationsdichte nach innen wird meiner Meinung nach im Buch aber zu wenig thematisiert.

Sehr positiv hervorzuheben ist, dass dem Bereich Besucherkommunikation ein großes Kapitel gewidmet ist. Besonders wichtig ist hierbei  die Empfehlung, alle zwei bis drei Jahre wiederkehrende Befragungen durchzuführen, um die kulturelle Infrastruktur informationsbasiert weiterzuentwickeln.

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