12.12.2018

Themenreihe Karriere

Autor*in

Regina Stöberl
studierte Musikwissenschaften und Kulturmanagement. Als freiberufliche Kulturmanagerin ist sie derzeit im Bereich der Neuen Musik und für neue Formen des Musiktheaters tätig. Zuvor arbeitete sie in verschiedenen Positionen an süddeutschen Theater-, Oper- und Konzerthäusern, war Stipendiatin der Akademie „Musiktheater heute“ und Gründungsmitglied des Netzwerks Kultur-und Musikmanagement der Hochschule für Musik und Theater München.
Buchrezension

Karriere mit Sinn. Wie du dein (Arbeits-)Leben so gestaltest, dass es dir gut tut

Die meisten Kulturschaffenden haben sich für diesen Tätigkeitsbereich entschieden, weil sie darin einen gesellschaftlichen und oft auch ganz persönlichen Sinn sehen. Doch was, wenn prekäre Beschäftigungen oder sinkende Besucherzahlen Zweifel aufkommen lassen? In ihrem Karrierereiseführer weist Tina Röbel auf die Notwendigkeit neuer Wege hin, wenn man sich auf eine Sinn-Suche beruflicher Art begeben möchte.
 
In Zeiten sich verändernder Arbeitswelten und Werte stellt sich immer öfter die Frage nach der Sinnhaftigkeit, Relevanz und Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit. Jobs mit derlei Keywords boomen. Tina Röbel greift diesen Trend auf und schickt die Leser* auf eine Reise, um für sich herauszufinden, was das für einen ist: Sinn. Und wie man ihn möglicherweise findet. Eigentlich auf den Bereich der Nachhaltigkeit ausgerichtet, eignet sich ihr Reiseführer auch für Sinnsuchende im Kulturbereich.

Von der Notwendigkeit neuer Wege

Der Leser schlägt das schmale Übungsheft, das im Juni 2018 bei tredition erschien, auf und wird von der Autorin in ansprechender Du-Form sowie mit einem einfachen und klar strukturierten Design begrüßt. Man befindet sich sogleich im Coaching-Modus, dessen Tempo man selbst bestimmen kann. Gegliedert in konkrete Phasen überlässt sie dem Leser, wann, womit und wo er einsteigt. Es bleibt ihm auch überlassen, wie der die Reise generell für sich gestaltet. Die Autorin ist bei jedem Schritt unterstützend an der Seite, ihrerseits unterstützt von prägnanten Aussagewiederholungen.

Die Route: Geduld, Zweifel und „Übung macht den Meister“

Die Phasen in Tina Röbels Reiseführer verlaufen praktisch, klar strukturiert und gut dosiert. Nachdem man eingeweiht ist in dessen Nutzung und sich - mit Papier und Stift ausgestattet - seines Status Quo bewusst geworden ist, beginnt man Phase 1: Loslegen. Hier geht es um das Abtasten dessen, was vom aktuellen Standpunkt aus möglich ist. Sorgfältig ausgewählte Übungen vermitteln dafür ein Grundgefühl. Da gibt es etwa einen kleinen Fragen-Faden zu den eigenen Wunschvorstellungen, den man in Fetzen, Stichworten und Assoziationen beantworten darf. Oder man wird angeleitet, sich das „Happy End“ der eigenen Karriere etwa als Collage oder Netflix-Serie vorzustellen. Die Bitte Röbels, sich am Ende jeder Übung zu fragen, ob das gerade Geübte tatsächlich hilfreich war, gibt dabei einen klärenden Perspektivwechsel auf die eigenen Gedanken. Strauchelt der Leser, beruhigt Röbel ihn mit den gesammelten „Herausforderungen“ einer jeden Phase, also den inneren und äußeren Widerständen - weil Menschen menschlich sind und neue Wege auch neue Einsichten nach sich ziehen.

Wenn man Phase 1 durchlaufen hat und bereit für Phase 2 ist, geht es weiter: Ideen sammeln. Auch dafür stehen Übungen, Herausforderungen und mutmachende Tipps parat. Hierbei soll man sich vor allem umschauen: zum einen bei sich selbst, indem man sich seiner Fähigkeiten, Stärken und Interessen bewusst wird, den eigenen Alltag nach Glücksmomenten absucht. Zum anderen soll die Betrachtung des Umfeldes dazu führen, dass man sich mutiger neuen Themen und Jobgebieten nähert, indem man Unbekanntes ausprobiert, neue Veranstaltungen besucht oder neue Kontakte knüpft. Sollte einen dabei der Mut verlassen, dürfte man sich von Freunden und Familie bestärken lassen. Oder man legt Pausen ein, weil auch diese in Veränderungsprozessen wichtig sind. Diese Übungen stammen durchaus aus dem allgemeinen Coaching-Kanon, werden hier aber nicht aufdringlich oder streng methodisch beigebracht, sondern organisch aneinander gefügt ohne wissenschaftliche Vermerke oder unnötige Erklärungen. Der Leser soll sich einfach führen lassen. Alle Zusatzinformationen würden hier störend wirken, verführten sie doch den Leser zu einer Ablenkung, die dem Ziel des Buches nicht dienlich wäre.

Während man in Phase 2 kreativ tobt und recht viel Zeit verbringt, kann man nicht umhin, irgendwann Phase 3 zu beginnen: Entscheidungen. Diese Phase ist von verschiedensten Faktoren abhängig und mit den größten Herausforderungen verbunden. Der Leser findet sich wieder in der knappen Darstellung von Ängsten, Zweifeln, dem so menschlichen Vermeidungsverhalten und der daraus resultierenden Handlungsunfähigkeit. Röbel weist dabei auch auf Erwartungen hin, die möglicherweise nicht gänzlich erfüllt werden können, wenn etwa Freunde oder Familie nicht hinter dem neuen Weg stehen. Auch dann stets an der Seite des Lesers: Die Autorin und ihre Designerin Jasmin Riebel, die etwa am Seitenende einer happigen Übung ermutigend zurufen: „Es ist dein Leben!“ und „Sei stolz auf dich“. Auch hier wird nicht gedrängt - Entscheidung zur Veränderung braucht Zeit.

Steht die Entscheidung, geht es schließlich in Phase 4: Ankommen, um das Erdachte konkret umzusetzen. Hier werden kleine Schritte empfohlen, eine Not-To-Do-Liste und die Anregung, das mit dem Ankommen nicht zu endgültig zu nehmen. Das Kapitel ist entsprechend kurz gehalten, weil bekanntlich der größte Teil einer Reise getan ist, wenn man sein Ziel vor Augen hat. Den Anspruch, auch diese Schritte anzuleiten, hat der Reiseführer nicht.

Bekanntes aus dem klassischen Reiseführer

Zur Unterstützung der einzelnen Phasen folgen nun Kapitel, die man aus klassischen Reiseführern kennt: Land und Leute, Reisetipps von A bis Z, Beispielrouten und die Anleitung für ein eingangs empfohlenes Reisetagebuch. Der Leser erfährt hier Vertieftes über die Reiseumstände und kann sich inspirieren lassen, was Reisearten und mögliche Ziele angeht. Ehrlich spricht Tina Röbel hier die abschreckendsten Faktoren an: Egal in welcher Form braucht eine solche Reise Zeit und kostet Geld, weckt Erwartungen und ihr Ausgang ist ungewiss. Als Routenmöglichkeiten werden neben dem für Kulturschaffende klassischen „Job mit Sinn“ auch Betätigungsformen wie die „Robin Hood-Selbstständigkeit“, Intrapreneurship oder Alltagsheldentum genannt. Diese Ausführungen lassen durch die Parallelführung zum klassischen Reiseführer schmunzeln, sind aber inhaltlich durchaus hilfreich. Der Leser soll sich Gedanken darüber machen, wie und warum er reisen möchte: ob allein oder mit anderen, ob mit Kündigungsschutz oder ohne und ob man reist, weil man sich mit anderen vergleichen will. Das Schöne daran: die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit des Themas erhält so eine gewisse Leichtigkeit. Das Ende führt den Leser noch einmal zur Autorin, die sich feinfühlig und sympathisch verabschiedet und um Feedback bittet.

Sympathischer Begleiter mit Erfolgsaussicht

Sympathie zieht sich von Anfang an durch dieses 70 Seiten umfassende Heft. Der Reiseführer besticht durch Verständnis für den Leser und deutliche Aussagen. Wie oft liest man in Ratgebern, dass das Schreiben eines Buches zum Ziel hat, den eigentlichen Beruf der Autorin selbst überflüssig zu machen? Mutig. Passend dazu stößt man bei den Reisetipps im Design abgesetzt auf „Schenke den Menschen, die du gerne mitnehmen möchtest auf deine Reise, ein Exemplar dieses Reiseführers“ stößt.

Insgesamt ist das Design eine bereichernde Komponente, denn visuell werden im Textverlauf jene Ebenen deutlich, die die Präsenz der Autorin so greifbar machen. Dadurch entsteht eine Art gedanklicher Dialog - dezent, aber sehr wirksam. Dazu tragen auch die Du-Form und das sensible Herantasten an Kernthemen bei.

Phasenbeschreibung stark - Reiseführer-Struktur ausbaufähig

Was die Struktur angeht, könnte man überlegen, die klassischen Reiseführer-Kapitel nach vorne zu setzen oder etwas öfter in den einzelnen Phasen darauf zu verweisen. Einige sehr wertvolle Tipps und Fragen verbergen sich hier, die man als Leser schon in den Phasen mitbedenken könnte. Zum Beispiel heißt eine Suche nach Sinnhaftigkeit oft auch eine Neusortierung von Prioritäten, die nicht ohne innere und äußere Reibung funktioniert, aber unerlässlich ist. Und man sollte sich außerdem fragen, welche Rolle Sicherheit für den eigenen Karriereweg spielt. Die Tipps von A-Z sind zudem etwas knapp geraten. Sicherlich sind solche Verzeichnisse Fleißaufgaben, aber die Dichte reicht hier nicht ganz für die Überschrift „A bis Z“. Die Ideen sind insgesamt gut und so auch im Ansatz umgesetzt, etwas Präzision schadet aber nicht für eine begrüßenswerte Fortsetzung.

Fazit

Anschaulich als Reiseführer dargestellt legt Coach und Trainerin Tina Röbel eine Anleitung für den Weg zur „Karriere mit Sinn“ in konkreten Phasen vor. Die Autorin vermeidet es, zu drängen oder zu beeinflussen - sie begleitet den Leser einfühlsam mit vielen Tipps, Übungen und Hinweisen auf zutiefst menschliches Verhalten. Die erfolgreiche Sinnsuche und Veränderung gelingt vor allem dann, wenn man sich noch am Anfang seiner Überlegungen befindet. Aber man kann auch als fortgeschrittener Sinnsucher mit der Autorin reisen, sofern man erst bei späteren Kapiteln einsteigt. Oder: Man wählt Röbels Phasen als Teil-Etappe, denn auch auf Abschnitts-Veränderungen sind sie jederzeit anwendbar.

Das eigentliche Ziel, eine Anleitung für die Suche nach Jobs im Nachhaltigkeitsbereich zu schreiben, visiert die Autorin zwar an. Aber sie lässt dem Leser auch jede Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen. Und der kann überall sein, wo es Sinn gibt. Auch dort, wo man angefangen hat.

* Im Sinne des Textflusses wird durchgängig die maskuline Form verwendet.

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