Buchrezension

Kooperationen zwischen Museen. Hemmnisse in der Zusammenarbeit und ihre Überwindung

Kooperationen werden immer wichtiger für die Arbeit von Kulturbetrieben und entsprechend steigt die Zahl an Beiträgen zu diesem Thema. Dabei beschäftigt sich Julia Hilgers-Sekowskys Dissertation Kooperationen zwischen Museen erstmals spezifisch mit den Problemen im Museumsbereich. Leider ist die Publikation mehr für Forschung und Lehre denn für die Praxis empfehlenswert.
 
Klassische Dissertationsstruktur

Oftmals unterliegen Kooperationen in der Kultur äußeren Zwängen, wie etwa finanziellen Engpässen. Aber Entscheidungsträger von Kulturbetrieben erkennen zunehmend auch den Nutzen und die positive Wirkung freiwillig eingegangener Kooperationen. Da das Gelingen einer solchen Zusammenarbeit oft stark von speziellen Problemen und Hemmnissen bestimmt wird, die bei horizontalen Kooperationen zwischen öffentlich-rechtlichen Museumsbetrieben in Deutschland auftreten können, ist es umso erfreulicher, dass sich Kooperationen zwischen Museen diesen annimmt. Das Buch liefert zudem einen Beitrag zur marketingbezogenen Kooperationsforschung. Mit horizontaler Kooperation sind dabei Kulturbetriebe gemeint, die im gleichen strategischen Geschäftsfeld und auf der gleichen Marktstufe zusammenarbeiten.

Das 269 Seiten (ohne Anhang) umfassende Werk folgt in seiner Gliederung dem klassischen Aufbau einer Dissertation: Einleitend werden zunächst Zielsetzung und Struktur der Arbeit dargelegt, gefolgt von ausführlichen Begriffsklärungen und Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen von Museumskooperationen. Daran schließt eine umfassende theoretische Auseinandersetzung sowie eine Analyse der Hemmnisse in horizontalen Museumskooperationen an. Darin sind auch eine kritische Betrachtung des Kooperationslebenszyklusmodells sowie die aus dem Marketingbereich stammende Means-End-Theorie (vgl. unten) zu finden. Im Anschluss folgt ein langes Methodenkapitel, in dem die qualitative Studie erörtert wird, auf der die Ergebnisse der Arbeit fußen. Diese werden in einem abschließenden Kapitel erläutert.

Marketingbezogene Kooperationsforschung

Julia Hilgers-Sekowsky, studierte Betriebswirtschaftlerin und Dozentin für Marketing Management, legt mit ihrer Dissertation erstmals eine umfangreiche Marketingforschung zu Hemmnissen in horizontalen Kooperationen zwischen Museen in Deutschland vor. Hilgers-Sekowsky stellt mit dem Kooperationslebenszyklusmodell zunächst acht Phasen vor, die bei einer Kooperation zwischen Museen durchlaufen werden beginnend bei der Initiierungsphase über die Sozialisationsphase, die Wachstumsphase, die Reifephase und schließlich die Gefährdungsphase, die Degenerationsphase und die Abstinenzphase bis hin zur Revitalisierungsphase. Da das Modell allerdings einem Zeitfaktor unterworfen ist und in der Praxis nicht immer genauso abläuft, sieht die Autorin es kritisch. Durch die Übertragung der Means-End-Theorie (Mean = Mittel und End = Wert/ Ziel) auf Museumskooperationen schafft sie jedoch einen Rahmen, der es zulässt, eine Typisierung der Entscheidungsträger von Museen auf Basis der jeweils identifizierten Werthaltungen zu erstellen. Die Means-End-Theorie geht davon aus, dass ein Produkt erworben wird, weil es beim Käufer eine bestimmte Emotion hervorruft und der Befriedigung seiner individuellen Triebe dient (S. 163). Die Autorin überträgt das Modell, da sie davon ausgeht, dass bestimmte Emotionen bzw. subjektive Faktoren auch Einfluss auf Kooperationsentscheidungen haben.

Entsprechend sei es mithilfe der Theorie möglich, das kognitive Verhalten von Entscheidungsträgern in Museen zu identifizieren und somit erklären zu können, weshalb diese bestimmte Kooperationsentscheidungen treffen. Mithilfe ihrer umfangreichen Analyse gelingt es ihr, drei Entscheidungsträgertypen (die Qualitätsbewussten, die Kostenbewussten und die Verlässlichkeitsbewussten) zu identifizieren (S. 262). Deren Verhalten und subjektive Hemmnisfaktoren können sich unterschiedlich auf eine mögliche Zusammenarbeit mit anderen Museen bzw. Entscheidungsträgern auswirken. Nachfolgend fasst Hilgers-Sekowsky diese Charakterisierungen kurz zusammen, die damit vom musealen Kooperationsmanagement genutzt werden könnten.

Die qualitative Studie

Wo sich andere auch bei umfangreichen qualitativen Studien auf höchstens 30 Seiten beschränken, erörtert Hilgers-Sekowsky auf über 80 Seiten ihre Erhebungsmethoden und die Inhaltsanalyse, mithilfe derer das Datenmaterial ausgewertet wurde. Die ausführliche Befragung musealer Entscheidungsträger mittels problemzentrierter Interviews und mithilfe des Laddering-Verfahrens (Tiefeninterviews, deren Ergebnisse in Means-End-Ketten und in einer Werte-Grafik (Hierarchical Value Map) münden) sowie die Auswertung anhand der Means-End-Analyse sind sicher spannend und hilfreich für Forscher, die mit ähnlichen Forschungsmethoden arbeiten (wollen). Für Entscheidungsträger in musealen Kooperationsbeziehungen oder für Kulturmanager im Allgemeinen ist das Methodenkapitel aber letztlich irrelevant.

Nur ein Bruchteil der Arbeit beschäftigt sich letzten Endes mit den praxisrelevanten Erkenntnissen der Studie. Zudem werden die Typisierungen nur in kurzen Absätzen abgehandelt, sodass selbst ein theoriebegeisterter Kulturmanager die Ergebnisse nur bedingt nutzen kann.

Fazit

Die Erkenntnisse sind einleuchtend und schlüssig: In jeder Zusammenarbeit, die zwischen Kulturbetrieben eingegangen wird, spielen Wahrnehmungen und Emotionen von Entscheidungsträgern eine Rolle. Manchmal kommt es deshalb oder bereits im Vorfeld zu Hemmnissen, überhaupt eine Kooperation einzugehen. Jedoch wird der Leiter eines Kulturbetriebes höchstwahrscheinlich keine Typisierung von Entscheidungsträgern zu Rate ziehen, um sich selbst einzuordnen, oder daraus eine Marketingstrategie entwickeln, bevor er eine Kooperation eingeht. Hier rechtfertigt der Zeitaufwand den Nutzen nicht es sei denn, es handelt sich um ein Museum mit einer umfassenden Marketing-Abteilung, die über genügend Ressourcen verfügt, um eine solche komplexe, theoretische Vorarbeit leisten zu können.

Insgesamt liefert das Werk einen wertvollen Beitrag für die empirische Forschung im betriebswirtschaftlichen Bereich und besonders im Marketing, aber auch für das Studium des Kulturmanagements, gerade in Hinblick auf die Verknüpfung der Erhebungsmethoden mit jenen der Inhaltsanalyse und der Übertragung auf die Kulturbranche. Entscheidungsträger von Museen oder anderen Kulturbetrieben, die sich entgegen meiner Annahme mit Typisierungen zu Marketingzwecken beschäftigen möchten, wird es ebenfalls einige Hinweise geben können.

Ausführliche praxisrelevante Abhandlungen sucht man allerdings vergebens. Und dies ist der Hauptkritikpunkt am Buch: Im Klappentext wird nahegelegt, dass sich das Werk auch für Praxisanwender eignet. Doch wer es zur Hand nimmt, um konkrete und ausführliche Empfehlungen zur Vermeidung von Kooperationshemmnissen zu erhalten, wird eher enttäuscht. Einem Kulturmanager wird schnell deutlich, dass die zahlreichen Begriffsklärungen und Theorieansätze für die Praxis mitunter zu weit greifen und sich das Werk vielmehr für Lehre und Forschung eignet, vor allem im Marketingbereich. Hilfreich und wünschenswert wäre daher ein auf die Grunderkenntnisse der Forschung kondensierter und für den Anwender nutzbringend verarbeiteter Artikel der Autorin.

Dr. Tina Lauer ist als Kulturwissenschaftlerin, Dozentin und Kulturberaterin tätig. Sie ist Mitbegründerin von Staccato Kulturberatung GbR (Köln/Berlin). Als Kulturberaterin arbeitet sie im Bereich der Vernetzung und Kooperation von Akteuren der Kulturbranche, vor allem im Rahmen kultureller Planungen. An den Universitäten Bern und Witten-Herdecke gab sie u.a. Seminare zur Kulturpolitik und zur Qualitativen Sozialforschung.

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