12.02.2018

Autor*in

Anne-Kathrin Topp
Buchrezension

"Kultur als Staatsaufgabe" des Zentrum für Internationales Kunstmanagement

Welche Rolle spielt Kultur in der Politik verschiedener Länder? Inwieweit verstehen sie Kultur als Staatsaufgabe und welche Rolle spielen dabei die verschiedenen Kunstgattungen? Diesen Fragen widmet sich der fünfte Sammelband des Zentrums für Internationales Kunstmanagement (CIAM). Er markiert zugleich das Ende der von 20052015 bestehenden Einrichtung.
 
Ein Praxisseminar als Basis

Der Veröffentlichung lag ein gleichnamiges Praxisseminar im Rahmen eines Masterstudiengangs zugrunde. Der Sammelband fügt daher sowohl Beiträge von Lehrenden als auch diverse Forschungsthemen von Studierenden zusammen. Zudem ist er um zwei detaillierte Beschreibungen zur Entwicklung des Fachs Kulturmanagements sowie der Tätigkeiten des CIAM ergänzt.

Den beispielhaften und mitunter etwas beliebig erscheinenden Forschungen der Studierenden gehen drei thematische Einführungen und Grundsatzüberlegen von Dozierenden voraus. Diese beziehen sich vor allem auf die deutsche Sichtweise auf das Thema Kultur als Staatsaufgabe, während sich der überwiegende Teil der Studierendenbeiträge mit thematischen Zweiländervergleichen beschäftigt.

Beiträge der Dozierenden

Zu Beginn erläutert CIAM-Direktor Peter M. Lynen die sieben Grundprobleme der öffentlichen Förderung von Kunst und Kultur in Deutschland. Unter anderem entmystifiziert er die Legende von der Freiwilligkeit der Kulturförderung und kritisiert den kosten- und arbeitsintensiven Kulturföderalismus. Stattdessen fordert er kulturpolitische Zielvereinbarungen, die in konkreten Entscheidungen über die staatliche Ressourcenverteilung resultieren.

Gerhardt Vogt geht der Behauptung nach, dass Deutschland als Kulturnation keinen internationalen Spitzenplatz in der staatlichen Kulturförderung belege. Dies macht er daran fest, dass vor allem Hochkultur staatlich gefördert wird, während die freie Szene und die Soziokultur hier nur eine untergeordnete Rolle einnehmen. Entsprechend liegt für Vogt der Schluss nahe, dass für sie Kooperationen immer wichtiger werden während in anderen Ländern mitunter gerade jene Kulturbereiche gefördert werden, die wie Soziokultur und freie Szene stärker sozial- und communityorientiert sind.

Intendant und Regisseur Michael Hampe wiegt in einer Art Erfahrungsbericht die Chancen und Risiken des Kulturmanagements ab. Als Chance benennt er das Verständnis vom Kulturmanager als Vermittler zwischen den verschiedenen Stakeholdergruppen, die von Seiten der Kultureinrichtungen aber oft noch kritisch betrachtet und zu selten genutzt werde. Zugleich seit damit aber auch das Risiko, sich zu stark auf mediale Vermittlung zu konzentrieren, was zu Beliebigkeit und mangelnder künstlerischer Fokussierung führen könne. Stattdessen sollte Kulturmanagement für Hampe immer ein Mittel bleiben und nicht zum Zweck mutieren. Dennoch kann er der systematischen Kompetenzvermittlung und den Anforderungen des Fachs im Vergleich zu seinen eigenen Trial-und-Error-Erfahrungen viel abgewinnen.

Beiträge der Studierenden

Im ersten der Studierendenbeiträge setzt sich Franziska Schmalhorst mit der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 als Versuch auseinander, anhand europäischer Ansprüche nach Gemeinschaft, Solidarität und Identifikation und mithilfe von EU-Mitteln eine neue Profilierung für die Ruhr-Region zu erreichen. Daraus zieht sie Schlussfolgerungen dazu, was es braucht, um aus einem solchen Projekt eine nachhaltige Entwicklung abzuleiten: Die verhältnismäßig kleine EU-Anschubfinanzierung für das Projekt Kulturhauptstadt muss mit einer kommunalen Finanzierung ergänzt werden, um eine nachhaltige städtische Neuprofilierung zu bewirken Als problematisch hierbei erachtet Schmalhorst die Diskrepanz von Kultur und Wirtschaft hinsichtlich ihrer ökonomischen Effizienz.

Mara Wallat zeigt anhand der Geschichte der Organisation und Finanzierung des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig auf, dass auch internationale Kulturformate in den letzten Jahren immer mehr mit der Frage der unberechenbaren Drittmittelbeschaffung konfrontiert sind. Dies bringt langwierige und nicht immer erfolgreiche Verhandlungen mit privaten Sponsoren mit sich. Wallat zeigt verweist daher darauf, dass neben Subventionierung und Sponsoring auch Förderkreise nicht nur finanzielle Unterstützung leisten können, sondern oftmals selbst ein engagiertes und interessiertes Zielpublikum darstellen und als Multiplikatoren dienen können.

Die unterschiedlichen Organisations- und Finanzierungsstrukturen von Goethe-Institut und Konfuzius-Institut nimmt der Beitrag von Daniela Kwiotek in den Fokus. Die ältere Organisation, das Goethe-Institut, ist als selbstständiger Verein organisiert, verfügt über internationale Institute und Verbindungsbüros weltweit und dient Einrichtungen in den Gastländern als internationaler Kooperationspartner. Im Vergleich dazu ist der Ansatz des seit 2004 bestehenden chinesischen Kulturinstituts, dass ein lokaler Partner die Gründung eines Institutsablegers anregt und die Finanzierung durch gleiche Teile von beiden Partnern finanziert wird.

Muriel Czens thematisiert in ihrem Beitrag am Beispiel der zeitgenössischen Theater- und Tanzszene die Kulturförderung Schwedens. Sie zeigt auf, wie es das nordische Land schafft, durch einen zentralistischen Kulturrat kulturpolitische Richtlinien für die nationale und regionale Ebene festzulegen. Der schwedische Kulturrat fungiert an der Seite der Regierung als Vermittler zwischen Kunst und Politik und verfügt auch direkt über einen Teil der finanziellen Mittel. Um diese können sich auch Unternehmen wie Agenturen als Produktionszuschüsse bemühen, die als eine Form von staatlicher Unternehmensförderung verstanden werden. Zudem zieht die schwedische Regierung mittels umfangreicher Maßnahmen der kulturellen Bildung bei Kindern und Jugendlichen laut Czen kontinuierlich Publikumsnachwuchs heran und sicher damit die langfristige Daseinsberechtigung vieler Kultureinrichtungen.

Einen Modell- und Finanzierungsvergleich von Musikschulen in Deutschland und England unternimmt Annika Theisen. Sie legt dar, dass das englische System aufgrund eines traditionellen Ganztagsschulansatzes kulturpädagogische Ansätze im Programm und damit auch finanziell integriert hat. In Deutschland hingegen ist der Musikschulunterricht in der Regel außerschulisch und damit eine freiwillige Leistung sowohl der Kommunen als auch der Schüler.

Philipp Fehler vergleicht die Kulturfinanzierung in Deutschland und in den USA am Beispiel der Opernhäuser. Sie unterscheidet sich vor allem dahingehend, dass in Deutschland direkte finanzielle Zuwendungen erfolgen, während in den USA eher politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Unterstützung durch Dritte attraktiv werden lassen mittels steuerlicher Anreize oder matching grants, die die Vergabe von Fördermittel an bestimmte Beiträge durch weitere Geldgeber knüpfen. Der Autor betont, dass dies in den USA mit einem hohen Grad an Professionalisierung in den Bereichen Marketing, Fundraising und Merchandising einhergehe und für eine stärkere Akzeptanz des kulturellen Angebots bei den Bürgern sorge. Gleich ist beiden Ländern, dass sie eine Tendenz zu populären Werken aufweisen, auch wenn in Deutschland deutlich mehr Aufführungen von Raritäten und Uraufführungen verzeichnet.

Fazit

Der Sammelband ist eine beliebige Zusammenfügung diverser Forschungsthemen, Kunstgattungen und Länder, die die Autoren unterschiedlich wissenschaftlich angegangen sind. Der Anspruch der Herausgeber, die Vielschichtigkeit der Thematik mit Meinungen erfahrender Experten und denen des Nachwuchses zu verknüpfen, ist anzuerkennen. Eine Stärke dieser Zusammenstellung ist sicher, dass sie trotz der großen Themen- und Ländersprünge einen guten Einblick in das Thema Kultur als Staatsaufgabe bietet, der die Konfrontation diverser internationaler Sichtweisen und Verfahren erlaubt.

Die wissenschaftliche Qualität der Beiträge ist nicht gleichwertig. Relativ umfangreich und detailliert dargelegt ist zumeist der empirische Teil. Die darauf folgenden Schlüsse, Empfehlungen oder Handlungsweisen sind hingegen sehr unterschiedlich aussagekräftig und lassen eine verschieden intensive nachträgliche Auseinandersetzung mit dem Praxisseminar vermuten.

Besonders herauszuheben ist der Beitrag von Peter M. Lynen zu den sieben Grundproblemen der öffentlichen Kulturförderung, da sich der Autor vielschichtig mit theoretischen Überlegungen, politischen Rahmenbedingungen und dem konfliktgeladenen Verhältnis von Staat und Kultur auseinandersetzt. Hingegen stellen die Vergleichsstudien vor allem historische Abfolgen, Finanzierungskonzepte und Statistiken in den Mittelpunkt. Aber in einer Zeit, in der die finanzielle Absicherung von Kulturangeboten eine große Herausforderung darstellt, ist ein Blick darauf, wie andere Länder dieses Thema angehen, hilfreich und wichtig, um sich gegebenenfalls etwas abzuschauen.

Anne-Kathrin Topp studierte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement. Sie arbeitet seit 2015 als kaufmännische Geschäftsführerin beim DAVOS FESTIVAL young artists in concert (Schweiz).

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