22.05.2019

Autor*in

Louise Bartel
absolvierte einen MSc in Creative Industries (Management) an der University of London und ist derzeit in Berlin als Projektmanagerin tätig.
Buchrezension

Kultur- und Kreativwirtschaft in Stadt und Region. Branchen – Orte – Netze

Die Kultur- und Kreativwirtschaft zählt in Deutschland und auch weltweit zu den wachstumsstärksten Branchen. Der Sammelband "Kultur- und Kreativwirtschaft in Stadt und Region" beleuchtet die verschiedenen Facetten des Wirtschaftszweigs und wie sich dieses Wachstum in den verschiedenen Lebensräumen bemerkbar macht.
 
Seit 2005 sind Cultural Entrepreneurship und Kultur als erwerbswirtschaftlicher Faktor offiziell Thema in der politischen Diskussion in Deutschland. Durch die Anpassung an den international etablierten Begriff Creative Industries wurden - neben den traditionellen kulturellen Märkten wie Musik, Kunst, Buch, Film oder Design - auch die Bereiche Computerspiel- und Softwareindustrie sowie Werbemarkt der Kulturwirtschaft angegliedert. So spricht man heute von der Kultur- und Kreativwirtschaft. 
 
Mit der Etablierung der Begrifflichkeiten hat sich auch die Zahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema gesteigert. Das von Friedrich Gnad, Klaus R. Kunzmann und Ralf Ebert 2016 im Kohlhammer Verlag veröffentlichte Buch stellt dabei Vergleiche der Kultur- und Kreativwirtschaft in den verschiedenen Deutschen Regionen in den Mittelpunkt. Es bietet einen ausführlichen Überblick über die verschiedenen Teilbereiche, wobei besonders auf die verschiedenen Finanzierungsformen eingegangen wird. Da die Kultur- und Kreativwirtschaft im Spannungsfeld von Wirtschafts-, Kultur-, Bildungs- und Stadtentwicklungspolitik liegt, gelten auch für sie die verschiedenen rechtlichen Regelungen, Wirtschaftsförderprogramme und -maßnahmen. Besonders eindringlich geht das Buch hierbei auf Clusterinitiativen ein. Dabei wird unterstrichen, dass heute besonders eine Stärkung des qualitativen Wachstums unterstützt wird.
 
Durch die von den Autoren gewählte Gliederung, die prinzipiell geordnet und nachvollziehbar ist, kommt es leider zu vielen Wiederholungen. Nach einer kurzen Einführung wird die Entstehung der Kultur- und Kreativwirtschaft beschrieben. Anschließend werden Definitionen angeführt und Strukturmerkmale näher erläutert. Die letzten zwei Drittel des Buches behandeln vornehmlich die politischen und rechtlichen Besonderheiten der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland - geschlossen wird mit Thesen zu der künftigen Entwicklung. Leser, die sich besonders mit den Creative Industries beschäftigen, erfahren leider nur wenig Neues. 
 
Nordrhein-Westfalen, das Nonplusultra?
 
Wie schon durch den Titel des Buchs suggeriert wird, hat die Unterscheidung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Metropolen, Mittel- und Kleinstädten einen hohen Stellenwert, wobei vor allem Nordrhein-Westfalen im Mittelpunkt steht. Dem Leser werden dabei verschiedene, schon realisierte Projekte wie zum Beispiel das Dortmunder U vorgestellt. Dieses Zentrum für Kultur und Kreativität gilt als ein Leuchtturm- und Schlüsselprojekt, das unter anderem ein Museum, ein Kino, gastronomische Angebote, wissenschaftliche Institute und einen Kunstverein beherbergt. Dieses Zentrum muss sich jedoch immer weiter neu erfinden, um zu bestehen und unabhängig von den hohen Subventionen der Stadt und auch der EU zu werden. An diesem Haus bestätigt sich, was von vornherein angenommen werden kann: In Metropolen und Metropolregionen haben es neue und alteingesessene Gewerbe der Kultur- und Kreativwirtschaft leichter zu bestehen beziehungsweise Fuß zu fassen. Das hängt nicht nur mit den verfügbaren finanziellen Mitteln, sondern auch mit dem Umfeld der kreativen Stätten zusammen. 
 
Der starke Bezug auf Nordrhein-Westfalen ist auf die Vorreiterrolle des Bundeslands zurückzuführen, wodurch die Betrachtung jedoch einseitig wirkt. Ein tiefgreifenderer Blick in andere Regionen, vor allem in die Neuen Bundesländer, wäre wünschenswert. Denn auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschlands gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
 
Andere Länder, andere Sitten?
 
Der Blick in andere Länder bietet einen internationalen Vergleich der Entwicklungen der Creative Industries. Leider werden auch hier hauptsächlich Metropolen beleuchtet und Beispiele benannt, die schon seit Jahren in der öffentlichen Kritik stehen, was die Umsetzung und Folgen für die Kreativen betrifft. Hier ist beispielsweise der M50 Creative Park in Shanghai zu benennen. Geschaffen zur Wiederbelebung des alten Industriegebiets, findet sich dort heute ein gentrifizierter Stadtteil par excellence. Hier fehlt eine differenzierte Betrachtung der politischen Gegebenheiten, nicht nur im Bezug auf die Kultur, um einen direkten Vergleich ziehen zu können. So vermisst man auch eine ausführlichere Beleuchtung der sozialen Negativfolgen in Deutschland. 
 
Im letzten Kapitel erheben die Autoren elf Thesen dazu, wie sich die Kultur- und Kreativwirtschaft weiterentwickeln könnte. Auch diese werden aber nur mit den eigenen Beobachtungen der Autoren belegt und kaum mit anderen Quellen abgeglichen. Dementsprechend erwecken die Thesen eher einen subjektiv logisch abgeleiteten Eindruck. Als beeinflussend werden unter anderen die Digitalisierung, der fortschreitende demografische Wandel und die Rückbesinnung auf das traditionelle Handwerk benannt. Bei letzterem wird als einer der Beweggründe die heutige Arbeitsökonomie angeführt - hier bliebe zu untersuchen, inwiefern dies auch mit den anderen genannten Thesen korreliert.
 
Darüber hinaus fällt der stetige Bezug der Autoren auf eigene Ausführungen auf. Eine Abstimmung mit einer der zahlreich vorzufindenden Publikationen zu diesem Thema wäre ratsam gewesen und hätte dem Buch sowohl einen wissenschaftlicheren als auch ausschöpfenderen Charakter verliehen. Ebenso werden die genutzten Quellen nicht kritisch genug betrachtet.
 
Fazit
 
Die Veröffentlichung ist empfehlenswert als Handbuch für Studenten des Kulturmanagements und anderer verwandter Gebiete sowie für Personen, die in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig sind. Auch Angestellten von Städten und Kommunen ist das Buch sehr zu empfehlen. Durch den tiefgreifenden Einblick in die Materie unter Berücksichtigung der verschiedenen örtlichen Faktoren wird ein gutes Verständnis der Problematik aufgebaut. 
 
Jedoch verspricht der Titel mehr im Hinblick auf den Begriff Region als letztlich geboten wird. Im Allgemeinen wären mehr und vor allem kritische Ausführungen anderer Wissenschaftler desselben Bereichs angebracht. Ohne diese zeigt das Buch eine sehr einseitige Betrachtungsweise, die sich fast ausschließlich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen bezieht. Wünschenswert wären zudem Ideenanreize, die künftig zu einer Verbesserung der Kreativwirtschaft in Kleinstädten und im ländlichen Raum beitragen können.

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