17.12.2018

Autor*in

Anna Maria Neubert
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Bielefeld. Nach einem Masterstudium der Digital Humanities sowie des Kultur- und Medienmanagements und verschiedenen Anstellungen erforscht sie nun, welchen Einfluss Förderinstitutionen auf die Digitalisierung in den Geistes- und Kulturwissenschaften haben. Darüber hinaus arbeitet sie als freiberufliche Beraterin zu Digitalität, Wissenschaftskommunikation und digitalem Projektmanagement.
Buchrezension

Kulturen des Digitalen. Postmoderne Medienbildung, subversive Diversität und neoliberale Subjektivierung

Das Ende der absoluten Deutungshoheit ist wohl eine der schwierigsten und zugleich spannendsten Auswirkungen der Digitalisierung für den Kulturbetrieb. Mit seiner Publikation „Kulturen des Digitalen“ trägt David Kergel zur Auseinandersetzung mit den Ursachen und Wirkungen dieses Wandels bei und legt eine Einordnung verschiedener Kultur- und Bildungskonzepte im digitalen Zeitalter vor.
 
Was sind überhaupt „Kulturen des Digitalen“? Und wie wirken sie sich auf die Medienbildung aus? Mit einem fundierten Brückenschlag zwischen philosophischen, soziologischen, historischen und pädagogischen Theorien und Modellen gelingt Kergel mit seinem 2018 im Springer Verlag erschienen Buch eine Einführung, die neben großen Namen wie Simmel, Derrida oder Foucault auch Beispiele anschaulich in den Diskurs einbettet. Neben der Auseinandersetzung mit dem weiten Kulturbegriff stehen dabei vor allem der Cyberspace als Manifestation eines postmodernen Kulturwandels nach Angermüller ("Postmoderne", in: Stephan Moebius/ Andreas Reckwitz (Hrsg.), Poststrukturalistische Sozialwissenschaften, Suhrkamp, 245–260) sowie Praktiken in Sozialen Medien im Mittelpunkt. Es geht also um die Herausbildung neuer und abgeänderter sozialer Praktiken innerhalb der Kommunikationsstruktur des Internets. Zusätzlich arbeitet der Autor heraus, welche besondere Rolle der Universität im Umgang mit den Kulturen des Digitalen zukommt und wie diese zu einem fundierten Verständnis der Medienbildung beitragen können soll.
 
Das Erkenntnisinteresse des Autors liegt dabei vor allem in der transdisziplinären Verbindung postmoderner Überlegungen mit den Auswirkungen neoliberaler Entwicklungen in Bezug auf das Digitale. Kergel bezieht sich dabei auf den Übergang vom Verständnis der Postmoderne als Diskursraum für einen „ästhetisierten Individualismus“ (S. 127), der für die Offenheit für Neues, Diversität und Flexibilität steht, zu einem neuen Kapitalismus, der die Freiheit des liberalen Individuums in den Fokus rückt. Die Analyse ausgewählter Beispiele und die Einordnung unterschiedlicher Denkmodelle eröffnen einen erweiterten Blick auf die Themen der Digitalisierung und leisten damit einen Beitrag zur komplexen Auseinandersetzung mit den „Kulturen des Digitalen“.
 
Der Kulturbegriff im digitalen Zeitalter
 
Während das Internet zum Beginn seiner Verbreitung für viele etwas sehr Fremdartiges war, ist es heutzutage zum Eigenen transformiert und keine Besonderheit im Alltag mehr. Die Unabhängig von Ort und Zeit im elektronischen Zeitalter birgt daher viele Chancen für die Entwicklung von Trans- und Hyperkulturen, mit denen sich ein zeitgemäßer Kulturbetrieb sowohl in Bezug auf Zielgruppen als auch inhaltlich beschäftigen muss. Kergel betont in diesem Kontext das Potenzial der Multikollektivität und Ent-Totalisierung im digitalen Raum, das zur kulturellen Vernetzung über den eigenen Horizont hinaus motivieren kann. Ohne eine genaue Auseinandersetzung mit diesem Potenzial können Folgen und Gefahren dieser Entwicklungen aber schwer abgeschätzt werden. Jedoch scheint gerade in diesen Abwägungen eine Chance für den Kulturbetriebs zu liegen, durch seinen öffentlichen Auftrag neue Entfaltungsmöglichkeiten zu finden.
 
Ebenfalls wichtig ist in dieser Auseinandersetzung die Transformation der medialen Kommunikation von einem Monolog zu einem Dialog. Dabei lässt die Many-to-many-Kommunikation im Web 2.0 das Nebeneinander von Geschichten und die „Gleich-Gültigkeit“ verschiedener Erzählungen zu. Diese helfen, vorherrschende Herrschaftsmanifestationen in Frage zu stellen und mit einer Gegenöffentlichkeit einen Freiheitsraum für die Gesellschaft anzubieten. Viele Kultureinrichtungen tun sich aber noch schwer mit dieser Polydimensionalität der Erzählungen, die ihre bis dato weitgehend akzeptierte Deutungshoheit in Frage stellen können.
 
Neben diesen ausgewählten positiven Entwicklungen existieren auch kritische Züge des Digitalen, die Kergel ebenfalls herausarbeitet. Die unter dem positivistischen Deckmantel des Neoliberalismus versteckten Prozesse, wie die Freiheit und Diversität des Individuums auf Kosten des sozialen Miteinanders oder gemeinschaftlicher Verantwortung, will er enttarnen und im Sinne der kulturellen Vielfalt umgedeutet sehen. Beispielsweise führt das Versprechen von Flexibilität und Mobilität nicht nur zu mehr Möglichkeiten für die Subjektivierung eines/einer jeden Einzelne/n, sondern geht in verschiedenen Momenten gleichzeitig in eine Kontroll- und Überwachungsgesellschaft über.
 
Von Netzaktivismus bis Youtube
 
Im Hinblick auf die ausgewählten Beispiele ist das Buch gelungen: So zeigt es, dass die Remix- und Mash-Up-Kultur im Web eine unabschließbare und offene Wissensbildung und -generierung hervorbringt, die den virtuellen Kulturraum prägt (vgl. etwa Wikipedia als universelle Enzyklopädie). Während ältere Phänomene, wie etwa der Netzaktivismus von The Yes Men, die Guerillakämpfe von Anonymous oder die Open Source-Initiatve, interessante Einblicke in die horizontalen, flachen Ausformungen des Internets geben, erhalten auch aktuelle Entwicklungen, wie etwa die Sharing Economy um Anbieter wie AirBnb und Uber oder die Verbreitung der Aussage der „Alternativen Fakten“ durch Donald Trump, ihren berechtigten Platz. In Bezug auf Kulturschaffende sieht Kergel hier die Chance, immer wieder neue positive Beispiele auszuloten, und zeigt gleichzeitig, dass auch vorsichtig mit aktuellen Phänomenen umgegangen und Stellung bezogen werden muss.
 
Überaus wichtig für die Medienbildung scheint dem Autor die Video- und Medienplattform Youtube zu sein. Diese bekommt im Hinblick auf ihre neoliberale Umformung durch das Geschäftsmodell der YoutuberInnen eine neue Bedeutung für die viel gelobten Freiheitsideale des Digitalen, die hier jedoch durch unterschiedliche Abhängigkeitsgefüge zu einem Monolog zurückgeführt werden. Gerade hier hätte noch stärker auf die Ausprägung des Selbst- und Weltverhältnisses abgezielt werden können, da die partizipative Struktur sich in einem sehr schnellen Takt zu verändern scheint.
 
Neben den von Kergel identifizierten „Kulturen des Digitalen“ finden sich eine Reihe weiterer Phänomene, um die die gegebenen Beispiele hätten erweitert werden müssen. So sind etwa das Internet der Dinge oder die virtuelle Realität Konzepte, die das Buch nicht berührt. Es stellt sich deshalb die Frage nach der Berechtigung des Titels, da „Kulturen des Digitalen“ einen möglichen Gesamtheitsanspruch impliziert.
 
Die Universität als Motor postmoderner Medienbildung?
 
Als Ort der postmodernen Medienbildung identifiziert Kergel die Universität, die mit einer Kultur der individuellen Freiheit schon während der 1960er und 1970er Jahre zur Entwicklung des Internets beitrug. Dafür schlägt er den Begriff des Cultural Hackers vor, der durch eine explorative Neugier die Grenzen des Möglichen durchbricht und zur Erweiterung der Realitätswahrnehmung in der Gesellschaft beiträgt, heute aber auch außerhalb der Universitäten verstärkt zu finden ist. Um diese Cultural Hackers zu fördern, erfordern die neuen Aufgaben der Digitalisierung auch einen veränderten Einsatz an den Universitäten, um die Kompetenz junger Menschen im Umgang mit neuen Medien zu stärken.Jedoch muss davon ausgegangen werden, dass an vielen Hochschulen immer noch eine (wenn mitunter auch unbewusste) Eliten-Vorstellung vorherrscht, die in sich selbst bestimmte Herrschafts- und Abhängigkeitsgefüge beansprucht. Ein Konzept für fundierte Medienbildung etwa in der Schule oder im Kontext der Reflexion der Kulturen des Digitalen auch an kulturellen Lernorten wäre hier sicherlich zielführend und für mehrere Zielgruppen zugleich interessanter gewesen.
 
Die Erarbeitung von Konzepten zum Umgang mit dem Digitalen könnten so etwa in der kulturellen Bildung heterogenere Ergebnisse hervorbringen und zu einem erweiterten Verständnis auf verschiedenen Ebenen beitragen.
 
Fazit
 
Während die Publikation eine ganze Reihe Merkmale des Digitalen abdeckt, fehlen an vielen Stellen eine tiefergreifendere Analyse und die Öffnung zu weiteren Modellen, die bereits Einzug in Forschung und Praxis gehalten haben. Deshalb bietet das Buch zwar in vielerlei Hinsicht interessante Ansätze, überzeugt aber leider nicht komplett. Auch die vielen Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler (z.B. auch in Namen von ForscherInnen und Institutionen) prägen einen negativen Leseeindruck von den ersten Seiten an. Zudem basieren die ausgewählten Beispiele größtenteils nur auf anderer Literatur, was oft den Blick auf die Leistung Kergels verschleiert. Teilweise entsteht so der Eindruck, dass viele Ideen aneinandergereiht, aber nicht durch einen roten Faden verbunden sind. Dieser wird durch ein fehlendes Fazit bzw. einen Ausblick noch verstärkt.
 
Nichtsdestotrotz bietet „Kulturen des Digitalen“ einige Einstiegsmöglichkeiten, sich mit dem Thema der Digitalisierung im Kultur- und Bildungsbereich auseinanderzusetzen. KulturmanagerInnen sei dieses Buch deshalb empfohlen, weil es die komplexen Hintergründe der digitalen Kulturen wissenschaftlich untermauert und damit eine Basis für die Frage liefert, wie der Kulturbereich mit der neuen Vielfalt an Erzählungen und Erzählorten umgehen kann.

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