04.04.2018

Autor*in

Tillmann Triest
Tillmann Triest hat Kulturarbeit (BA) und Kulturmanagement & Kulturtourismus (MA) studiert. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Dramaturgie und Audience Development in den Bereichen Musik, Theater und Urbanistik. Neben freien Projekten führten ihn seine Wege bisher u.a. an das Staatstheater Kassel, die Deutsche Oper Berlin, zu battleROYAL Showproduktion sowie als Lehrbeauftragter an die Fachhochschule Potsdam und die Hogeschool van Amsterdam.

Buchrezension

Kulturtourismus für alle? Neue Strategien für einen Wachstumsmarkt

Bekanntermaßen nimmt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung regelmäßig öffentlich geförderte Kulturangebote wahr. Im Kontext um neue und andere Kulturbesucher gewinnt der Kulturtourismus deshalb zunehmend an Aufmerksamkeit. Armin Klein, Yvonne Pröbstle und Thomas Schmidt-Ott gehen in ihrem Buch der Fragen nach, ob sich damit die Forderung nach einer „Kultur für alle“ verwirklichen lässt
 
Die Beobachtung, dass Touristen im Urlaub verstärkt Kulturangebote aufsuchen, und die Tatsache, dass die Tourismusbranche boomt, sind Anlass, einen näheren Blick auf diese Besucherspezies zu werfen. Erfüllt sich in ihnen der Wunsch nach neuen Besuchern?

"Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ (Hans Magnus Enzensberger)

In dem Sammelband, der 2017 im transcript Verlag erschienen ist, gehen die Herausgeber – allesamt Spezialisten in diesem Feld – mit Experten aus Wissenschaft und Praxis Strömungen und Trends innerhalb des Kulturtourismus' auf den Grund.

Unter der Überschrift „Das Kulturerlebnis auf Reisen“ wird zuerst in das Themenfeld Kulturtourismus eingeführt und das Verhältnis von Kultur und Tourismus beleuchtet. Tourismus als Massenphänomen, Reisen als Erlebnis und Touristen als Besucher von Kultureinrichtungen und -stätten werden diskutiert und analysiert, neue Erkenntnisse bleiben dabei aber leider aus.

Das darauffolgende Kapitel „Kunst und Kultur auf hoher See“ geht dem Phänomen Kreuzschifffahrt nach. Aus Sicht der Anbieter gibt es Einblicke in die Schifffahrtsbranche, die Kultur- und Bildungsprogrammplanung für die Gästeunterhaltung und -beschäftigung sowie den Trend der Themenkreuzfahrt à la Full Metal Cruise. Hierbei werden Angebote und Programme zielgruppenspezifisch zusammengestellt, um neue Kunden auf die Kreuzfahrt aufmerksam zu machen und die Bindung zu Bestandskunden zu stärken. So locken Konzerte und Stars zum Anfassen auf hoher See auf die Schiffe. Die Themenkreuzfahrt als Geschäftsmodell eröffnet damit neue Potenziale in der Schifffahrt, wenngleich die Diskussion über deren ökologische Nachhaltigkeit vermieden wird.

Im dritten Abschnitt „Geschichte(n) erzählen – auch ohne Museum“ wird der Blick auf (ländliche) Regionen gelenkt, in denen institutionalisierte Kulturräume wie Museen kaum bis gar nicht zu finden sind. An diesen Orten bedarf es anderer Wege der Sichtbarmachung und Vermittlung von Geschichten und Erinnerungen. Hier gewinnt vor allem das Storytelling an Interesse. Das Kapitel spürt zudem dem Konzept von Kulturrouten nach und skizziert modellhaft die „kulturelle“ Inszenierung einer ganzen Region mit dem Ziel der kulturtouristischen Attraktivitätssteigerung. Beispielsweise lädt die „GrimmHeimat Nordhessen“ unter dem Thema Märchen in die regionalen Fachwerkstädte und Naturparks ein. Themenspezifische Wanderwege mit Märchenskulpturen wurden angelegt, die „Grimmwelt“ in Kassel wurde 2015 eröffnet und jährlich findet in der historischen Fachwerkstadt Bad Sooden-Allendorf eine Märchenwoche statt. Mit der „GrimmHeimatCard“ können Ermäßigungen und freie Eintritte geltend gemacht werden. Darüber hinaus werden, dem Gedankengang der Inszenierung von Orten folgend, Film- und Drehorte sowie Freizeit- und Themenparkanlagen als (Kultur-)Destinationen diskutiert. Wer je in Neuseeland war – dem Kult um „Herr der Ringe“ ist dort nicht zu entkommen – , wird kaum das Potential von Filmtourismus bestreiten können.

Das anschließende Kapitel ist dem Ort gewidmet, um den die meisten Touristen nicht herum kommen, wenn sie über Nacht bleiben: Hotels („Hotels & Co. als Kulturdestinationen“). Hier geht es weniger um Hotelmanagement als um den Einbezug und die Bedeutung von Kunst und Kultur in der Hotellerie sowie das „authentische“ Übernachtungserlebnis. Das Musikhotel „nhow Berlin“ bietet beispielsweise neben dem üblichen Hotellerieangeboten u.a. die Nutzung eines Tonstudios, das Ausleihen von Musikinstrumenten, eine Kunstgalerie mit wechselnden Ausstellungen und regelmäßige Open Stage Konzerte für Newcomer an. Und über Plattformen wie Airbnb oder misterb&b können Übernachtungen in Privatunterkünften am Reiseort gebucht und Einblicke in die reale Lebenswelt der Menschen vor Ort gewonnen werden können.

Im letzten Kapitel „Digitalisierung im Kulturtourismus“ werden die digitale Ebene des Kulturtourismus' analysiert und Potenziale für den Kulturbetrieb freigelegt. Diese sind darin zu sehen, dass vor allem das touristische „Erleben“ vor Ort Material für Mitteilungen eigener Erfahrungen und Selbstdarstellung im digitalen Raum bietet. Insbesondere Erlebnisse an Orten, die als besonders sehens- und erlebenswert in ihrer natürlichen und nicht digitalen Umgebung gelten, werden nur zu gern getwittert, geteilt und bewertet.

Den Stein ins Rollen bringen

Klein, Pröbstle und Schmidt-Ott wagen es in ihrem Buch, verschiedene Strömungen und Entwicklungen im Kulturtourismus aufzuzeigen. Vor allem geben sie Themen Raum, die erst auf den zweiten Blick für das Kulturmanagement relevant erscheinen, dann allerdings neue Potenziale für alte Herausforderungen bieten. Sie verdeutlichen vor allem die Breite an Themen, die dem Feld Tourismus zu entnehmen sind, auch wenn sie nur einen Ausschnitt davon zeigen können – gewiss ist die Palette noch erweiterbar. Die vielen praxisorientierten Beiträge ermöglichen einen konkreten und nachvollziehbaren Zugang, womit der Sammelband sowohl für Praktiker als auch für die Wissenschaftscommunity interessant ist. Dem Vorhaben, „den Stein ins Rollen [zu] bringen, um künftig den Blick weiter zu fassen und zu fragen, was der Kulturbetrieb von den Mitbewerbern im Marktsegment Kulturtourismus lernen kann“ (Klein et al., 2017, 22), kommen die Herausgeber nach.

Stellt allerdings die Erkundung nach dem im Titel implizierten Ziel – nachzuspüren, ob sich Hilmar Hoffmanns Forderung „Kultur für alle“ im Kulturtourismus erfüllt, – so fällt der Blick schnell auf die Einrichtungen der sogenannten klassischen „Hochkultur“, auf die sich Hoffmann vor allem bezog, die im Buch deutlich zu kurz kommen. Beiträge von Akteuren aus Staatstheatern oder öffentlichen Museen fanden keinen Eingang. Dabei sind es vor allem diese staatlichen Kulturinstitutionen, die angesichts der Finanz- und Besucherprobleme in der Kritik stehen und daher stetig auf der Suche nach neuen Wegen der Besuchergewinnung sind. Derzeit steht dabei vor allem das Thema Audience Development als besucherorientiertes Handlungskonzept hoch im Kurs. Die Integration des neuen Besuchertyps „Kulturtourist“ bzw. „Auch-Kulturtourist“ – denn das Gros an Touristen ist nicht nur von einem Motiv getrieben und entscheidet vor Ort auch gern spontan – in die hauseigene Audience Development Strategie ist damit die zu lösende langfristige Aufgabe. In der Praxis vieler Kultureinrichtungen wird aber nach wie vor nicht nach Grundsätzen des Audience Developments entschieden. Wie also sich einem neuen Besuchertypus zuwenden, wenn die grundsätzliche Besucherorientierung immer noch unbestrittene Herausforderung ist? Die Aufgabe hieße demnach: Kulturinstitutionen auch als Touristendestination zu begreifen und gesamtinstitutionelle Strategien dafür zu entwickeln.

Fazit

Verfolgen die Herausgeber das Ziel, einen Stein ins Rollen zu bringen, so ist dies mit der Beleuchtung verschiedener Themenfelder in der Gesamtheit gelungen. Hinsichtlich der Herausforderungen der „Hochkultur“ hätte eine nähere Beschäftigung mit den klassischen Kultureinrichtungen und ihrer Verbindung mit Tourismus einen noch größeren Wert für Wissenschaft und Praxis hervorbringen können. Gewiss können Touristen die Kultureinrichtungen nicht von ihren Krisen befreien, dazu bedarf es mehr als nur den Glauben an eine höhere Macht. Doch kann die bewusste Gestaltung und Einbeziehung von Tourismus in den Kulturbetrieb und Kultur in den Tourismusbetrieb mehr sein als nur ein zum Rollen gebrachter Stein.

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