19.03.2018

Autor*in

Verena Teissl
Verena Teissl ist Professorin für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft an der FH Kufstein. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Festivalmanagement und Kulturtourismus.
Buchrezension

Kulturtourismus im ländlichen Raum an `dritten Orten` der Begegnung

Im kulturellen Kontext spielt der ländliche Raum oft eine untergeordnete Rolle. In ihrer Studie fokussiert Katja Drews deshalb die kulturtouristischen Potenziale dieses Umfelds. Auf Basis sozialkonstruktivistischer Raumtheorien und empirischer Forschung in Niedersachen untersucht sie, ob und wie Kulturtourismus dritte Orte der Begegnung zwischen Touristen und Einheimischen ermöglichen kann.
 
Fragestellung und Aufbau
 
Drews bemerkenswerte Studie, 2017 im Universitätsverlag Hildesheim/ Georg Olms Verlag erschienen, wurde als Dissertation an der Universität Hildesheim unter Betreuung von Birgit Mandel durchgeführt. Sie schließt an zahlreiche Ansätze partizipativer und intersektoraler Kulturmanagementmaßnahmen wie etwa Kulturentwicklungspläne an, stellt jedoch in ihrer theoretischen Kontextualisierung eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff und seinen impulsgebenden Potenzialen in den Mittelpunkt. Die Autorin zieht in drei ausführlichen theoretischen Kapiteln soziologische und postkoloniale Raumtheorien von „dritten Orten“  – an denen Personen mit unterschiedlichen Interessens- und Kulturhintergründen interagieren – heran, um nach der Bedeutung der Teilnahme der BewohnerInnen ländlicher Räume für Kulturtourismus zu fragen und ein neues Verständnis von Tourismusräumen zu propagieren. 
 
Erhebungsergebnisse
 
Im anschließenden Kapitel präsentiert Drews die Ergebnisse dreier empirischer Studien in Niedersachsen. Im Zeitraum von 2013 bis 2016 untersuchte sie dabei in einem Mixed-Method Verfahren die Kulturnutzung bei Straßentheaterfestivals in Detmold und Holzminden, bei einem soziokulturellen Landschaftstheater in Heersum sowie einer Stätte historischen Erbes, den Schlössern im Weserbergland. Diese Erhebungen zeigen, dass sich aus Sicht von TouristInnen – die grundsätzlich für Sehenswürdigkeiten leichter ansprechbar sind – die Attraktivität performativer Angebote im ländlichen Raum signifikant erhöht, wenn es zu sozialen Begegnungen mit Einheimischen kommt – etwas, das durch neue Reiseformen wie Couchsurfing stark im Trend liegt, bislang aber den deutschen Tourismus nicht besonders kennzeichnet. Umgekehrt entsteht für die BewohnerInnen ein soziokultureller Binneneffekt durch das Interesse ausländischer Gäste und für beide eine gesamtgesellschaftliche Qualität. 
 
Dieses Potenzial von Kulturtourismus als „Raum produzierendes Praxisfeld“ koppelt Drews mit dem Verständnis von „Kultur als Binnen-Netzwerk der ländlichen Bevölkerung“ einerseits und dem Drang nach einem unverfälschten wahrnehmenden Erleben der Touristen anderseits. Kultur verdichtet damit den Tourismusraum und kulturelle Angebote ermöglichen jene „dritten Orte“, die nach Ray Oldenburg (Celebrating the third place, 1991) unter anderem die Gleichstellung der Versammelten, Kommunikation als Hauptaktivität und Zugänglichkeit benötigen. Derart entstehen „informelle Treffpunkte“, die dem Individuum ein Umfeld zur Entfaltung bieten und die zu sein sich viele Kultureinrichtungen verstärkt bemühen. 
 
Einordnung
 
Die innovativen Ansätze der Studie erwachsen Drews Erkenntniswillen, zu verstehen, wie die Dichotomie zwischen touristischer Marktförmigkeit und der Bildungsorientierung von Kulturangeboten gemeinsam überwunden werden kann. Sie identifiziert in Theorie und Empirie einen zentralen Lösungsansatz in der Adressierung von BewohnerInnen und TouristInnen als gemeinsame Kreateure des „dritten“ Raums. Gerade der ländliche Raum ist nach Drews aufgrund seiner geringen Bevölkerungsdichte und dadurch geringeren Anonymität hierfür geeignet. Seinen BewohnerInnen attestiert Drews eine hohe Partizipations- und Gestaltungsfreude, dem ländlichen Raum in einem Verständnis eines Stadt-Land-Kontinuums mehr den Charakter einer „Inkubationsschmiede“ denn von „Provinz“. 
 
Um diese Potenziale im Sinne der Kultur- und Tourismusentwicklung zu nutzen, erscheint eine sektoral getrennte Vorgangsweise von Tourismus- und Kulturstrategien obsolet: Stattdessen sollten Kulturentwicklungspläne, wie sie seit den 1990er Jahren besonders in „transformationsbedürftigen“ Gebieten erarbeitet werden, und touristisches Destinationsmanagement noch stärker im Governance-Prinzip zusammengeführt werden, um die Teilnahme aller Beteiligten zu fördern und darüber hinaus den BewohnerInnen neue Rollen zu ermöglichen, etwa als KulturvermittlerInnen. 
 
Die sensible Frage nach der Deutungshoheit über Tourismus- und Kulturbegriffe hätte über die ausführliche Erfassung des Forschungsstandes vertieft reflektiert werden können. Fast zu umfassend ist hingegen die Wahl der zu Grunde gelegten Raumtheorien. Etwa lassen sich die politischen Kontexte postkolonialer Raumtheorien nur bedingt auf die Voraussetzungen touristischer Begegnungsformen umlegen. Urlaub ist ein grundlegend anderer Umstand als Flucht und andere machtdominierte Formen interkulturellen Aufeinandertreffens. Dennoch inspiriert etwa der Ansatz von Appadurai (The Production of Locality, in: Richard Fardon (Hg.): Counterworks. Managing the Diversity of Knowledge, Routledge 1995, 204–255.) dazu, auch die touristische Mobilität als „translokativ“ und in der Folge als (interkulturelle) soziale Praxis zu begreifen. Um diesen Gedanken im Sinne des Postkolonialismus zu vertiefen, wäre aber eine Auseinandersetzung mit politischen und wirtschaftlichen Diskursen, Rassismus und Typologien des Fremden unumgänglich. Fruchtbar für den Forschungsansatz von Drews erweisen sich hingegen die (raum-)soziologischen Theorien von Ray Oldenburg, Henri Lefèbvre (The production of space, 1974/1992) und Martina Löw (Raumsoziologie, 2001). Ihre Anwendung eröffnet die Bedeutungstiefe sozialer Raumkonstruktion, deren Wirkung auf BewohnerInnen, in- und ausländischen TouristInnen sowie daraus ableitbare qualitätsorientierte Gestaltungsstrategien. 
 
Fazit
 
Der kulturmanageriale Diskurs zu Kulturtourismus hat in den vergangenen Jahren zahlreiche erkenntnisreiche und anwendungsorientierte Publikation zu intersektoralen Prozessen für die touristische Gestaltung und Vermittlung in Deutschland hervorgebracht. Drews‘ Studie fügt dieser Auseinandersetzung neben den empirischen Erkenntnissen eine überzeugende kulturwissenschaftliche Ebene hinzu und betont weniger die soziokulturellen Effekte als den gesamtgesellschaftlichen Gewinn durch Begegnung. Sie bietet eine Fülle an Materialen und neuen Erkenntnissen insbesondere für die touristische Kulturnutzung und das Verständnis des ländlichen Raums. Oft sind es Erkenntnisse im Kleinen, die das brachliegende Potenzial auf dessen spezifische Rahmenbedingungen zurückführen lassen, wie etwa die geringe kulturelle Grundversorgung ländlicher Räume als problematische Verteilungspraxis der Kulturpolitik. 
 
„Kulturtourismus im ländlichen Raum an ‚dritten Orten‘ der Begegnung als Chance zur Integration von Kultur- und Tourismusentwicklung“  wird dadurch zu einem fundierten Beitrag zur nachhaltigen Kultur- und Tourismusentwicklung und treibt den aktuellen Kulturtourismus-Diskurs voran. Das Buch ist besonders für TheoretikerInnen, KulturpolitikInnern und Kultureinrichtungen gewinnbringend, denn die empirischen Studien bieten Erkenntnisse, die über touristische Marktforschung weit hinausgehen.   

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