28.02.2020

Buchdetails

Leitfaden Professionell arbeiten im Museum
von Deutscher Museumsbund (Hg.)
Seiten: 184
 

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Autor*in

Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Buchrezension

Leitfaden Professionell arbeiten im Museum

In den letzten 12 Jahren, seit der Erstausgabe der Publikation "Museumsberufe" des Deutschen Museumsbundes, haben sich museale Aufgaben stark verändert und ausdifferenziert. Die grundlegend überarbeitete und umbenannte Neuauflage des Leitfadens "Professionell arbeiten im Museum" soll deshalb helfen, den Überblick zu behalten.
 
Kulturelle Arbeitsfelder und Tätigkeitsbereiche sind häufig schwierig zu überblicken. Umso erfreulicher ist es, dass der Deutsche Museumsbund im Dezember 2019 seinen Leitfaden zum Arbeiten im Museum neu aufgelegt hat. Das Ziel ist es, die Aufgabenvielfalt in den Museen aufzuzeigen und sie "dazu zu ermutigen, den zukünftigen Wandel der Arbeitswelt im Museumsbereich aktiv mitzugestalten" (S. 4).
 
Dabei ist die neue Ausgabe mehr als nur eine Überarbeitung: neuer Namen, fast dreifache Länge und beinahe dreimal so viele Berufe sowie ein gänzlich neuer Teil mit allgemeinen Informationen zur Museumsarbeit. Die Redakteur*innen und Autor*innen haben also keine Mühe gescheut, dieses komplexe Thema aufzubereiten. Dabei standen sie vor einer großen Aufgabe, denn die deutsche Museumslandschaft ist vor allem eines: heterogen. Angesichts dessen ist es also keine einfache Aufgabe, das Feld der Museumsarbeit so abzubilden, dass sich möglichst viele Häuser darin wiederfinden.
 
Aufbau und Intention
 
Inhaltlich ist die Publikation nach Museumsabteilungen bzw. Arbeitsbereichen gegliedert: Einleitung zu Museumsarbeit im Wandel; Leitung & Organisation; Wissenschaft und Sammlung; Bestandserhaltung; Ausstellungen; Bildung und Vermittlung; Presse-, Öffentlichkeitsarbeit & Marketing; Gebäudemanagement & Betrieb; Verwaltung; sowie Organisationszusammenhänge. Dabei macht der Leitfaden deutlich, dass es nur in den wenigsten Häuser Mitarbeiter*innen für jedes Tätigkeitsprofil gibt, sondern dass eine Person meist mehrere Tätigkeiten ausführt.
 
Im Vergleich zur ersten Auflage der Publikation ist bei dieser vor allem der allgemeine Teil eine erfreuliche Neuerung. Er ordnet den gesamten Tätigkeitsbereich Museum auf 20 Seiten in einen größeren Kontext ein und zeigt grundlegende Strukturen und Herausforderungen auf. Dabei geht es beispielsweise um Organisationsentwicklung, die Arten und Schwierigkeiten von Trägerschaften und Betriebsmodellen, Projektarbeit oder Outsourcing. 
 
Berufsbilder
 
Die Publikation enthält 56 Profile, von Museumsdirektor*innen bis zu Handwerker*innen. Jedes davon umfasst eine Tätigkeitsbeschreibung; die notwendigen Qualifikationen und weiteren nützlichen, nicht-fachlichen Erfahrungen; eine Zuordnung innerhalb der Strukturen des Museums; sowie eine Vergütungseinstufung nach TVÖD. 
 
Die Tätigkeitsprofile sind als Baukastensystem gedacht, das theoretisch für jedes Haus anpassbar ist und aus dem man Stellenprofile ableiten kann. Dafür werden jeweils mehrere Berufsbilder für ähnliche Aufgaben aufgezeigt. Beispielsweise gibt es jeweils eines für Sammlungsmanager*innen, Sammlungswissenschaftler*innen und Dokumentar*innen. Alle drei Aufgaben überschneiden sich stark und wahrscheinlich gibt es nur in größeren Museen alle drei, während in kleinen Häusern, die den Großteil der Museumslandschaft ausmachen, eher eine Person alle drei Aufgaben übernimmt. Für diese Museen ist das Baukastensystem daher kaum realistisch umzusetzen. Ein zusätzliches Kapitel wäre hier wünschenswert gewesen, um die Frage zu klären, wie ein Personalstamm von zwei oder drei Personen über 50 Tätigkeitsprofile in sich vereinen soll.
 
Positiv hervorzuheben ist jedoch, dass sich in der Einleitung und in den Stellenprofilen immer wieder der Hinweis findet, dass fast alle und auch wissenschaftliche Positionen im Museum zunehmend manageriale und strategische Aufgaben übernehmen müssen und entsprechende Kompetenzen brauchen. Beispielsweise weist die Publikation darauf hin, dass eine Querschnittsposition wie die des/der Museumsleiter*in meist nach wissenschaftlichen Kriterien besetzt wird und die Stelleninhaber*innen also in administrativen Bereichen sowie bei Soft Skills fortgebildet werden muss. Damit wird deutlich, dass Veränderungsprozesse zentrale und dauerhafte Aufgaben jedes Museums sind. 
 
Bei anderen Aufgaben wie der Publikumsforschung bleibt ihre strategische Tragweite jedoch weitgehend außen vor. Zwar findet sich der Hinweis, dass diese ein kontinuierlicher, alle Arbeitsbereiche umfassender Prozess sein sollte. Die Einordnung in den Bereich Vermittlung zeigt aber, dass solchen Aufgaben noch immer vor allem ein vermittelnder Stellenwert anstatt Bedeutung für die Gesamtstrategie des Hauses zugeschrieben wird.
 
Die Verwaltungsberufe stellt der Leitfaden zudem als primär administrativ dar und erwähnt ihre strategische Bedeutung so gut wie gar nicht. So werden etwa beim Controlling die damit verbundenen Aufgaben der Prozessoptimierung oder des Qualitätsmanagements, nicht genannt. Aus Kulturmanagement-Sicht ist dies ein großer Fauxpas. Auch wird damit die Wichtigkeit von Verwaltungsaufgaben unterschätzt, denn nicht selten führt der Mangel an spezifischen Museumskenntnissen bei einer Verwaltung in Trägerhand zu schwierigen Entscheidungen. Als Beispiel sei das Thema Personalmanagement genannt, das nur am Rande erwähnt wird, etwa in den Profilen der kaufmännischen Direktor*innen und Personalreferent*innen. Die strategische Bedeutung von Aufgaben wie Stellenbesetzungen oder Weiterentwicklung bestehenden Personals findet dabei keine Erwähnung - obwohl sich die Publikation spezifisch mit Berufen beschäftigt. 
 
Ein positiver Punkt ist jedoch, dass die Publikation bei den Qualifikationen zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Tätigkeiten unterscheidet. So gibt sie beispielsweise bei Berufen aus dem Bereich Kommunikation nicht ein Fachstudium zum Museumsthema als notwendig an, sondern einen Kommunikationshintergrund und entsprechende Erfahrungen. Dabei ordnet sie solche Stellen bei der Eingruppierung nicht per se niedriger ein als wissenschaftliche, sondern macht die empfohlene Vergütung vom Umfang der Verantwortung abhängig. Zu begrüßen sind auch die Hinweise auf die Notwendigkeit digitaler Kompetenzen auch bei wissenschaftlichen Berufen. 
 
Strukturen im Museum
 
Zwar verweist die Einleitung auf aktuelle Herausforderungen für die Museumsarbeit, diese werden aber in den Tätigkeitsprofilen und im Anhang zu Organisationszusammenhängen kaum aufgegriffen. Zudem sind die Hinweise auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Abteilungen und auf Querschnittsaufgaben vieler Tätigkeiten zwar erfreulich, aber nur selektiv und ohne nähere Beschreibung. So werden etwa Besucher*innenorientierung und Evaluationen als Aufgaben für den Bereich Bildung und Vermittlung genannt, nicht aber für Ausstellungskurator*innen. 
 
Man mag diese Aspekte dem Umstand zuschreiben, dass die Publikation nicht alle Themen der Museumslandschaft abbilden kann. Dennoch wäre es angesichts der steigenden Anforderungen an Museen wichtig gewesen, zu verdeutlichen, dass klassische inhaltliche und strukturelle Hierarchien oft nicht mehr dienlich und neue, übergreifende Strukturen für die Gesamtstrategie des Hauses notwendig sind. Stattdessen findet sich etwa der Begriff "agiles Management" nur in einem Nebensatz im Kapitel zu Projektarbeit. 
 
Hinsichtlich der Strukturen ist ein großer Kritikpunkt zudem die Bedeutung und Beschreibung von Freelancerberufen. So nennt die Publikation zwar zahlreiche davon, wie Ausstellungs-, Grafik- und Mediengestaltung oder Museumspädagogik. Sie weist jedoch nur am Rande darauf hin, dass es hierfür nur selten feste Stellen in Museen gibt. Entsprechend gehen die mit Freiberuflichkeit verbundenen Probleme weitgehend unter: schlechte Bezahlung, geringe Anerkennung, Scheinselbstständigkeit, Arbeit auf Zuruf usw. Zudem erklärt der Leitfaden, dass "museale Kernaufgaben (...) wenn möglich nicht an externe Dienstleister ausgelagert werden" sollten, obwohl selbst Ausstellungskonzeption inzwischen sehr oft extern durchgeführt wird. Hierauf hat auch der Bundesverband freiberuflicher Kulturwissenschaftler (BfK) in einer Stellungnahme hingewiesen und kritisiert, dass der Leitfaden nicht verdeutlicht, wie wichtig Freiberufler*innen sind, dass sie neues Wissen in die Häuser bringen und entsprechend gut behandelt und bezahlt werden müssen. 
 
Grundsätzlich empfiehlt der Leitfaden positiverweise aber eine höchstmögliche Vergütung. Dies ist wichtig, denn um kompetentes Personal zu bekommen und zu halten, stehen Museen zunehmend in Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Unternehmen. Der Kulturarbeitsmarkt wandelt sich zugunsten der Arbeiternehmer*innen und sie sind durchaus bereit, diesen für bessere Konditionen zu verlassen. Besonders schwierig ist die Situation dabei bei Personal in nicht-inhaltlichen Bereichen. So gibt der Leitfaden beispielsweise für Datenmanager*innen ein Studium der Wirtschaftsinformatik oder Betriebswirtschaft als Voraussetzung an, bei Facility Manager*innen ein Ingenieursstudium, und schlägt vor, beide Berufe nach den Stufen TVÖD E9 bis E12 zu bezahlen. Dabei entspricht selbst E12 aber nur gerade so den gängigen Einstiegsgehältern nach dem Studium. Stellen nach diesen Vorgaben besetzen zu können, ist idealistisch.
 
Status quo
 
"Dieser Leitfaden stellt eine Momentaufnahme dar und will dazu zu ermutigen, den zukünftigen Wandel der Arbeitswelt im Museumsbereich aktiv mitzugestalten." (S. 4) Entsprechend enthält die Publikation zwar wichtige Hinweise etwa für die Erstellung von Zieldefinition oder Leitbildern für die künftige Ausrichtung eines Museums. Jedoch werden gerade Aufgaben, die auf "den aktiven Bezug zur Gesellschaft" (S. 17) und die Zukunft abzielen, nur am Rande erwähnt oder bewusst außen vor gelassen. Dies betrifft beispielsweise Diversity, Audience Development oder Partizipation, aber auch Kulturtourismus. Hier wird darauf verwiesen, dass diese Aufgaben noch nicht weit genug verbreitet seien. Zugleich bekommen aber Digital Manager*innen oder Datenmanager*innen ein eigenes Berufsbild. Wonach entschieden wurde, was noch Zukunft und was bereits Gegenwart ist, bleibt also unverständlich. Das gilt auch für durchaus akute Aufgabenfelder, die nur gestreift oder gar nicht erwähnt werden, beispielsweise Diebstahlschutz, Gefahren- und Katastrophenmanagement oder auch das Feld Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Energiesparen. Dass solche strategisch wichtigen Aufgaben als Zukunftsaufgaben deklariert werden, zementiert eher den Status quo, anstatt dazu anzuregen, Wandel mitzugestalten und jetzt schon notwendige Veränderung in Gang zu setzen.
 
Ein großes Manko in diesem Zusammenhang ist, dass das Thema Personalentwicklung und Weiterqualifizierung inhaltlich kaum ausgeführt wird. So wird beispielsweise hervorgehoben, dass Mitarbeiter*innen in der Kommunikation "Freude am Netzwerken, Mut zu Neuem, Affinität für Zeitgeistthemen" mitbringen sollten (S. 107). Doch benötigen Kurator*innen, Vermittler*innen und Führungspersonen diese Eigenschaften nicht? Völlig außer Acht bleiben zudem unternehmerisches Denken und Entwicklung neuer Erlösquellen, die Bedeutung digitaler Besucher*innen oder das Kompetenzfeld rund um die Globalisierung. Hinsichtlich der Zukunft der musealen Arbeit sind die Fragen, welche neuen, vielleicht auch museumsunüblichen Kompetenzen ein Haus braucht und woher die Mitarbeiter*innen diese bekommen, aber absolut zentral.
 
Fazit
 
Der Leitfaden "Professionell Arbeiten im Museum" wird seinem Ziel, die Berufe und Aufgaben der deutschen Museumslandschaft übersichtlich vorstellen zu wollen, durchaus gerecht. Die Publikation ordnet jedes Berufsbild in den Gesamtkontext Museum ein und stellt im Vergleich zu ihrem Vorgänger eine deutliche Verbesserung dar. 
 
Insgesamt ist es also ist eine gute Publikation, allerdings mit Schwächen. So wären gerade aufgrund der Heterogenität der Museumslandschaft Beispiele hilfreich gewesen, sowohl für Museen verschiedener Größe und deren Stellenprofile als auch hinsichtlich neuer oder veränderter Berufsfelder. Und der Leitfaden ruht sich darauf aus, eine Momentaufnahme sein zu wollen. Er lässt die nahe Zukunft in vielen Bereichen außen vor und stößt damit die Entwicklung, die er befördern möchte, gerade nicht an.
 
Dennoch ist "Professionell Arbeiten im Museum" durchaus eine Lektüre wert. Insbesondere für Personalverantwortliche und Führungspersonen im Museum sind die Informationen zum Status quo wichtig, um ein Haus auf die Zukunft vorbereiten und bei der Stellenbesetzung auf die entscheidenden Kompetenzen achten zu können. Zudem adressiert der Leitfaden auch Träger von Museen, um sie für notwendige Veränderung zu sensibilisieren. Dafür eignet er sich durchaus, denn auch wenn aktuelle Aufgaben fehlen, ist die Notwendigkeit zahlreicher enthaltener Stellenprofilen vielen Trägern noch nicht bewusst. 
 
Schließlich ist der Leitfaden auch eine empfehlenswerte Lektüre für Studierende und Absolvent*innen. Sie bekommen einen Eindruck davon, wie die Museumslandschaft grundsätzlich aufgebaut ist und welch vielfältigen beruflichen Möglichkeiten es dort für sie gibt. Er zeigt zudem auf, welche Kompetenzen sie brauchen, um einen bestimmten Beruf ausführen zu können - und dass es für bestimmte Berufe keinen einheitlichen Ausbildungsweg gibt. 
 
Leider spiegelt der Leitfaden dabei aber primär die Sicht der Häuser wider. Ein Abriss zu den Potenzialen und Schwierigkeiten Arbeitsmarktsituation hätte dies abrunden können, auch um aufzuzeigen, dass auch nicht-wissenschaftliche Stellen im Museumsbereich durchaus spannend und aussichtsreich sein können.

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