28.01.2015

Autor*in

Klaus Stemmler
Klaus Stemmler M.A., Jahrgang 1965, war über 20 Jahre aktiv bei den Rottenburger Domsingknaben. Nach einem Magisterstudium der Musikwissenschaft, Germanistik und Sinologie in Tübingen und Shanghai absolvierte er ein Aufbaustudium Kulturmanagement in Ludwigsburg. Er war als Journalist, im Touristikbereich, Kulturaustausch und im freien Kulturmanagement tätig. Ab 1999 arbeitete er als Geschäftsführer, seit 2013 als Intendant des Festivals Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd.
Buchrezension

Mehr als schöne Stimmen. Alltag und Magie des Sängerberufs

Für einen erfolgreichen Karriereweg auf der Bühne braucht es heute nicht nur Talent und Ausbildung, sondern auch Kenntnisse zu Arbeitsmarkt, Selbstmarketing, Kulturpolitik oder Finanzierungsmöglichkeiten. Bjørn Woll, Musikjournalist und ausgebildeter Sänger, sprach für sein neues Buch mit jungen Gesangsstars und langjährigen Routiniers über ihre tägliche Arbeit, Erfolge und Misserfolge.
 
Das von der Körber-Stiftung 2014 publizierte Werk ist ein nüchterner, um nicht zu sagen ernüchternder Blick auf einen Traumberuf. Mehr von den Problemlagen des beruflichen Alltags ist die Rede als von Glamour und Magie. Der Vergleich mit dem Hochleistungssport drängt sich unwillkürlich auf und wird auch immer wieder vom Verfasser herangezogen. Doch die Wahrheit, so das zitierte Bonmot von Fußballtrainer Otto Rehagel, zeigt sich auf dem Platz. Dementsprechend ist beschriebene Musik halt immer wie ein erzähltes Mittagessen (Grillparzer). Vielleicht liegt hier das Hauptmanko des Buches neben dem Hauptverdienst, einen Blick hinter die Kulissen zu geben und Verständnis auch für die Strapazen dieses Ausnahme-Berufs zu wecken.

Der im Musikbetrieb erfahrene Autor Bjørn Woll baut seine Darstellung auf ausgewählte Interviews mit ca. 20 Profi-Sängern unterschiedlichster Couleur. Ein interessanter, gleichwohl schwieriger Fokus. Der Verfasser muss entsprechend gleich zu Beginn einräumen, dass die Karrierewege und Erfahrungen höchst individuell verlaufen. Außerdem stellt sich die Frage der Belastbarkeit öffentlicher Sänger-Statements. Woll ist hier nicht kritischer Journalist, sondern wohlwollender Mentor seiner Interview-Partner, die er zudem häufig mit überflüssigem Lob versieht.

Die Strukturierung in acht Hauptkapitel beleuchtet das Instrument Stimme, Rollenerarbeitung, Interpretation, Berufskontext, Work-Life-Balance, Ausbildung und Sängerideal. Die Trennschärfe der Kapitel ist nicht immer gegeben und es kommt zu ärgerlichen Redundanzen. Am stärksten überzeugt das Buch mit profilierten Aussagen z.B. Anne Schwanewilms zur Risikobereitschaft für neue Ausdrucksdimensionen (S. 97), Angelika Kirchschlager zu ihrer eigenen Mission (S. 148f.) oder Anja Silja pointiert zum Thema Sängerpersönlichkeit (S. 243), am wenigsten, wenn es PR-Statements, Binsenweisheiten, altbekannte Anekdoten und Plattitüden wiedergibt (Das Publikum merkt es sofort, wenn ein Sänger ohne Hingabe singt.). Interessant dagegen sind die Ausführungen zur Vereinbarkeit von Leben und Beruf, zu Stimm- und Sinnkrisen bis zum Tabu der Stimm-OP. Hier ergänzen Gesangspädagogen und ein Wiener Phoniater das Interviewmaterial. Schade, dass sich Wolls Ansatz auf die Tätigkeit Opernsänger beschränkt, denn der Autor möchte ja eigentlich das gesamte Panorama des Sängerberufs aufzeigen.

Ein abschließendes Plädoyer für den Erhalt der deutschen Opernlandschaft ergänzt den Abriss. Dieses kommt leider über bekannte Schlagworte nicht hinaus und es ist die Frage, ob Woll nicht zu verklärt, wenn er die deutschen Opernhäuser als Treibhäuser apostrophiert, in denen noch! in geschützter Atmosphäre und in einem optimalen Klima kostbare Gewächse herangezogen werden. Wer die Arbeit in einem Opernhaus von innen kennt, mag sich hier die Augen reiben, zumal das Primat des Regietheaters den wenigsten Sängern schmeckt. Immerhin mahnt uns damit der Autor, Sängerinnen und Sänger seitens des Kulturmanagements nicht einseitig als Kostenfaktor oder Dispositionsmaterial aufzufassen eine Gefahr, die den Käufermarkt nun einmal auszeichnet. Mehr Nachhaltigkeit wäre also unbedingt eine auch für den Kulturbetrieb lohnenswerte Win-Win-Strategie, von der Sänger wie Veranstalter profitierten können.

Der Begriff der Fragilität scheint alles zu dominieren: Der Sänger ist mit seinem Instrument und dessen permanenten Veränderungen biologisch vereint, Physis und Psyche stehen in engster Verbindung, der Leistungsdruck und die Konkurrenz sind riesig. Es ist ein gnadenloser Beruf des Augenblicks, gejagt von Medienhype, Claqueuren und Stalkern bei Einschränkungen seitens Opernbetrieb, Regisseuren und Dirigenten, schlechter Bezahlung, Reisezirkus und Einsamkeit. Kurzum, der Sängerberuf ist eigentlich eine elende Sklaverei (Christa Ludwig). Allein der Trainer und Seelentröster in Gestalt des Gesangslehrers oder pädagogen bietet von Zeit zu Zeit einen Lichtblick. Selten genug erhält der Sänger eine Entschädigung in Form eines ersungenen Glücks. Manchmal drängt sich ob Wolls Übertreibungen die Assoziation auf, dass jeder ambitionierte, erfolgreich in der Öffentlichkeit wirkende Mensch an diesen oder übertragbaren Problemen leidet und es bleibt die Frage, ob sich beim Sänger tatsächlich alles potenziert, wie es Woll glauben machen will.

Denkt man an Thea Dorns mitreissenden Ringkampf (1996) und Petra Morsbachs kenntnisreichen wie brillanten Opernroman (1998), so bleibt unter dem Strich nicht all zu viel Neues, was uns Björn Woll mitteilt. Das Buch weckt Verständnis für ein hartes und außergewöhnliches Berufsbild und ist mit Sicherheit ein heilsames Korrektiv zu zahlreichen Hochglanz-Autobiografien oft Sprüche klopfender Sänger, in denen Probleme, Krisen, Demütigungen wenn nicht verschwiegen, so doch euphemistisch verbrämt oder kurz abgehandelt sind.

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