26.10.2018

Autor*in

Siegfried Kristöfl
ist Historiker, Kurator und Projektmanager. Er organisierte und betreute im Rahmen des mehrjährigen EU-Leader-Projekts „HEIMAT=SHARING“ Aktivitäten zur kulturellen Integrationsarbeit auf Basis ehrenamtlichen Engagements. Zudem schreibt er regelmäßig über aktuelle Themen der Museumswelt und regionale Kulturvermittlungsprogramme.
Buchrezension

Migration im Museum. Museumsbesuche für Menschen mit Fluchthintergrund

Wie müssen Museumsprogramme für AsylbewerberInnen und Menschen mit Fluchterfahrung gestaltet sein? Und wie gelingt es, museale Inhalte adäquat zu formulieren, um den Ansprüchen des Audience Developments zu genügen? Diese Fragen beantwortet der Sammelband „Migration im Museum“ voller Best Practice-Beispiele und beherzter Beiträge aus der Vermittlungspraxis.
 
Zeit des Tuns
 
Der 2017 im kopaed Verlag erschienene Titel enthält 14 Beiträge aus der bayerischen Museumslandschaft, die zusammen gehalten werden durch einen einführenden Artikel der beiden Herausgeber Rainer Wenrich und Josef Kirmeier. Darin bestimmen sie die Notwendigkeit der kulturellen Vermittlung und plädieren für ein Konzept der kulturellen Teilhabe.
 
Die Artikel selbst handeln von museumspädagogischen Vermittlungsprogrammen, von Konzepten zum Spracherwerb oder von Initiativen zur Öffnung der Museen. Ausnahmslos ermutigen die AutorInnen zu einer unaufgeregten Kontaktaufnahme mit Geflüchteten, wenn auch die Intensität und Art ihrer persönlichen Erfahrungen unterschiedlich sind. Vorgestellt werden u.a. ein peer to peer-Projekt („EMiL“), in dem ehrenamtliche MigrantInnen als Lotsen für junge Geflüchtete fungieren, „KulturCamps“ zur Förderung der kulturellen Bildung oder ein Programm des Museumspädagogischen Zentrums in München (MPZ) namens „Ferne Welten – Nahe Welten“. Im kollegialen Stil werden dabei nicht nur die theoretischen Zielsetzungen und Methoden beschrieben, sondern auch praktische Umsetzungsbeispiele und ehrliche Erfahrungswerte dokumentiert. Sie zeigen: Der Arbeitsaufwand, um Gruppen geflüchteter Menschen zu erreichen, ist hoch. Entsprechend längerfristig hat die Münchner Pinakothek der Moderne ihr neues museumspädagogisches Studio aufgestellt, in dem professionelle Vermittlungsangebote wie die interkulturelle Projektreihe „Yes, we’re open!“ mit ihrem „Open Thursday“ entstanden. Nicht aus München, sondern aus Nürnberg stammt die Beschreibung von Angeboten für Berufsintegrationsklassen mit dem Motto „Dialog der Kulturen“. Und über die Migrationsproblematik hinaus interessant ist der Beitrag über „Leichte Sprache“ als wesentliches Vermittlungselement in einem barrierefreien Museum.
 
Die Erfahrungsberichte appellieren allesamt an den Bildungsauftrag der Museen. Die vorgestellten praktischen Angebote verwandeln die Schausammlungen ihrer Häuser in interkulturell ansprechbare Orte, machen die Ausstellungsräume zu Kontaktzonen von Heimischen und Zugezogenen, von Fremdem und Vertrautem. Im Vermittlungszirkel eines Museums entsteht dessen cultural awareness, entwickelt sich die interkulturelle Kompetenz des Hauses.
 
Ein fundamentales Bedenken sollte man neben allem berechtigten Lob für das Gelingen der vorgestellten Programme und die praktische Brauchbarkeit der Beiträge jedoch aussprechen: Die theoretischen Einleitungen der Aufsätze gleichen im schachbrettartigen Aufbau der „Spanischen Eröffnung“: 1. e2–e4 2. Sg1–f3 3. Lf1–b5 … Die AutorInnen beginnen mit „Kulturelle Teilhabe“, setzen nach mit „Kulturelle Bildung“ und ziehen als dritten Begriff schließlich „Audience Development“ ins Feld. Damit ist man nicht nur in Museums- und Migrationsdebatten gut aufgestellt, sondern kann so ziemlich jedes aktuelle Thema im Kulturbereich auf theoretischer Ebene diskutieren und - noch wichtiger - mit Relevanz ummanteln. Doch mit diesen Argumentationsbausteinen ist das Spiel der gesellschaftlichen Relevanz und öffentlichen Wahrnehmung erst eröffnet, es ist noch nicht gespielt und schon gar nicht gewonnen.
 
Zeit des Handelns
 
Man kann diese Publikation auf mehrere Weisen lesen: Als zu studierenden Sammelband mit kopierbaren, weil nachahmenswerten Praxisprogrammen, als inspirierenden Fundus erprobter Vermittlungsaktionen oder als fundierte Akademiepublikation über das inklusive Potential der Museen, die Theorie und Praxis zusammenführt.
 
Oder aber aus einer aktuellen Perspektive als Werk mit Beschreibungen voller exotischer, weil scheinbar unzeitgemäßer Initiativen, die beherzt entstanden, um Fremden Heimisches vorzustellen. Es sind Beiträge über die Möglichkeiten von Kulturvermittlung zur Verbesserung der Welt. Allesamt spielen sie in Bayern, das kürzlich grenzpolizeiliche Kontrollen wieder eingeführt hat, um genau jene Menschen am Betreten des Staatsbodens zu hindern, die vor drei, vier Jahren in den - fest auf jenem stehenden - öffentlichen Museen noch willkommen geheißen wurden. So versammelt dieses Werk nicht nur Musterbeispiele einer engagierten Museumspraxis bzw. einer didaktisch elaborierten Kulturvermittlungsarbeit, sondern erzählt auch eine kleine Geschichte einer Vision vitaler gesellschaftlichen Relevanz, die aber die Diskurse über lokale Runden hinaus oder gar politische Debatten kaum beeinflusst.
 
Kulturvermittlung ist zähe Basisarbeit. Jedem Beitrag dieses Bandes, jeder Initiative, die sich hier mit ihrem Programm vorstellt, gebührt Lob und Anerkennung. Alle AutorInnen - aus welcher Fachrichtung sie auch kommen - haben ambitioniert das inklusive Potenzial der Museen gestaltet. In ihren Artikeln haben sie ihr Tun auch kritisch reflektiert. Das Ziel der Herausgeber ist damit erreicht. Aus dem Schatten der Fachimmanenz zu treten, vermeidet das Format der Aufsätze jedoch. Undiskutiert bleiben etwa die Fragen: Wie stark bereichern Museen das gesellschaftliche Leben, wenn sie Führungen für Menschen mit Fluchterfahrungen anbieten? Wie relevant ist ihre Mitarbeit für alle professionellen Betreuungseinrichtungen der flüchtend Angekommenen? Ungestellt die noch provokantere: Wäre es nicht auch nützlich, deklarierte Pegida-AnhängerInnen durch Museen zu führen, um die Chancen der kulturellen Partizipation und Integration zu vermitteln und erfahrbar zu machen?
 
Zeit des Aufbruchs
 
In jedem Fall wäre es schön und gut, wenn sich in anderen Museen NachahmerInnen der entworfenen Programme fänden und die Aufsätze weitere innovative Konzepte anstoßen würden. Pessimistisch betrachtet sammelt aber der Band Dokumente eines gesellschaftlichen Tuns, das sich im Alltag der Museen nicht mehr allzu häufig in derselben Form wiederholen wird wie in den letzten Jahren. Die Flüchtlingswelle aus dem Vorderen Orient nach Europa fand statt zu einer Zeit des musealen Aufbruchs in Sachen Audience Development, in Sachen Positionierung und Haltung, ja in der Selbstdarstellung der Museumswelt. Keine der anderen großen gesellschaftlichen Herausforderungen ließ die Museumsvermittlung bis jetzt so geschlossen engagiert auftreten, weder der Klima- noch der demographische Wandel, weder Big Data noch Künstliche Intelligenz. Man soll sich in kommenden Jahren stolz an diese Phase des Aufbruchs erinnern. Bis dahin mögen weitere Sammelbände in der Reihe der Bayerischen Museumsakademie erscheinen.

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