23.07.2014

Autor*in

Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Buchrezension

Müde MuseenOder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern können

Museen sind Massenmedien. Nach Untersuchungen des Institutes für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin steigen die Besucherzahlen deutscher Museen kontinuierlich. Blockbuster-Ausstellungen verzeichnen nicht selten mehrere hunderttausend Besucher. Aber bedeutet der optische Konsum einer Ausstellung auch eine tiefergehende Beschäftigung mit deren Thema? Erfüllen Museen ihre Aufgabe, zu vermitteln, allein mit dem Präsentieren von Objekten ausreichend?
 
Die Antwort von Daniel Tyradellis lautet: Nein! In seinem Buch Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern können fordert er, Ausstellungen in allen Punkten auf ihre Besucher auszurichten. Alles andere ignoriere den öffentlichen Auftrag von Museen. Damit zeigt Tyradellis Probleme der Selbstwahrnehmung und Organisationsstruktur von Museen in Deutschland auf. Sie sind nach ihm einfallslos, ängstlich, müde, aber so betont er ebenfalls keinesfalls erschöpft in ihren kreativen Möglichkeiten. Das Potenzial, die Gesellschaft mitzugestalten, bestehe weiterhin. Es werde nur unterschätzt gegenüber dem Gefühl, den steigenden Erwartungen und gleichzeitig sinkenden finanziellen Mitteln ausgeliefert zu sein. Um kein Risiko einzugehen, bewege man sich stets im Rahmen des Altbekannten.

Das Anliegen des Buches ist es, die Museen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit aufzurütteln. Dabei widmet sich Tyradellis vor allem der Metaebene, zeigt Probleme auf und provoziert dazu, die Wege des reinen Zeigens um des Vermittelns willen zu verlassen. Die managerialen Aspekte hinter Tyradellis Vision vom Museum sind dabei nur bedingt Thema. Er greift sie vor allem bei jenen entscheidenden Punkten auf, mit denen gern gegen die Umsetzbarkeit von Neuerungen argumentiert wird, wie der Finanzierung. Aber auch darüber hinaus ist das Museumsmanagement stets greifbar, denn das Buch nimmt immer wieder Bezug auf das Selbstbild von Museen und Kuratoren.

Das Problem: Zeigen vs. Vermitteln

Tyradellis beginnt mit einer Analyse des Ist-Zustandes vieler Museen und einer Suche nach dessen Ursachen. Diese zeigen weniger inhaltliche als strukturelle Schwächen des Museumsbetriebes und seiner Mitarbeiter auf: Der erste Grund ist, dass Kuratoren sich mehr als Wissenschaftler ihrer Disziplinen denn als Vermittler sehen. Sie orientieren sich an Faktenwissen und konzipieren Ausstellungen nach Fächerkonventionen. Damit normieren sie sich selbst mehr auf fachliche Anerkennung bedacht, als auf die Bedürfnisse der Besucher. Entsprechend sei Besucherforschung ein Fremdwort. Dies sieht Tyradellis als die zweite Ursache der Probleme. Während die Kuratoren ihre Besucher kaum kennen und zu würdigen wissen, steht im Management, Marketing und bei den Geldgebern die reine Besucherzahl im Mittelpunkt. Der tatsächliche Lerneffekt einer Ausstellung wird kaum evaluiert. Aufgrund dessen, so folgert Tyradellis, blieben grundlegende psychologische Aspekte des Vermittelns während der Planung einer Ausstellung weitgehend außen vor.

Die Lösung des Problems: zum Denken anregen

Für Tyradellis gibt es nur einen Weg: Museen müssen sich selbst neu definieren, nicht nach außen, sondern vor allem nach innen. Sich selbst und ihre Objekte als auratische Einrichtungen der Hochkultur zu sehen, entspricht einem längst veralteten Zeitgeist. Doch dieses Selbstbild vertreten zu viele Kuratoren und Museumsmanager nach wie vor. Stattdessen sollten sich Museen nach Tyradellis als einen dritten Ort verstehen, angesiedelt zwischen den Universitäten als Ort der Forschung und der Öffentlichkeit als Ort des Austausches. Als solch freier Raum, der zum Denken anregt, kann man Wissen zeitgemäß vermitteln.

Museumsbesucher und Ausstellungsmacher zum Denken anzuregen ist denn auch das Thema des zweiten Teils des Buches. Dabei steht im Mittelpunkt, feste Schemata des Wissens mittels Objekten in Frage zu stellen. Gleiches gilt für museale Disziplingrenzen. Diese repräsentieren nicht die Vielfalt der Zusammenhänge der Welt. Dabei bieten gerade Museen die Möglichkeit, diese und den Bezug zum Leben aufzuzeigen. Wichtig ist dabei für Tyradellis, den Vermittlungsaspekt bereits in die Ausstellungsplanung zu integrieren, anstatt ihn später aufzusetzen.

Eine Ausstellung nach diesen Vorstellungen zu entwerfen ist, so stellt Tyradellis selbst fest, nicht ohne Weiteres möglich. Um zu inspirieren und zum Denken anzuregen, braucht es fachlichen und gestalterischen Freiraum. Hierfür sind strukturelle Veränderungen in den Museen, aber auch schon in der Ausbildung notwendig. An den Universitäten werden die Methoden der jeweiligen Disziplinen und an den Museen das Kuratieren nach gängigen Schemata gelehrt. Meist fehlen die theoretischen Grundlagen der Gestaltung, Pädagogik oder Besucherforschung.

Tyradellis Buch greift eine Diskussion auf, die mit dem Aufkommen neuer Formen der Online-Kommunikation im Museum Brisanz erhielt. Diese Kommunikation über die sozialen Medien zeichnet sich durch Vermittlung auf Augenhöhe und die partizipative Einbindung der Besucher aus. Schon mit diesen dialogischen Formaten tun sich viele Museen und beispielsweise auch der Deutsche Museumsbund (DMB) nach wie vor schwer. Der Grund dafür ist jenes Problem, das Tyradellis Buch im Kern beschreibt: Es geht es um kreative Wege, Inhalte an die Menschen zu bringen sei es online oder in Ausstellungsformaten nicht um wissenschaftliche und PR-Standards. Zudem sind auch die Besucher vor allem digitale. Doch deswegen sind sie nicht weniger wert oder interessant als physisch anwesende Besucher und die Vermittlungsaufgabe der Museen nicht weniger erfüllt. Trotzdem bleibt die Unsicherheit bestehen.

Nun fordert Tyradellis, die Prinzipien der digitalen Kommunikation auch auf die kuratorische und pädagogische Arbeit und darüber hinaus auf das Selbstverständnis der Museen zu übertragen. Dies sorgte in Fachkreisen bereits für viele Diskussionen. So verwies Prof. Dr. Martin Roth, Direktor des Victoria & Albert Museums, bei der Begrüßungsrede der diesjährigen Jahrestagung des DMB auf das Buch. Doch sind Audience Development, Besucherforschung und Öffnung schon seit einigen Jahren Themen des Museumsmanagements. Bisher wurden daraus entwickelte Ansätze aber vor allem den Marketing- oder Pädagogikabteilung übertragen. Tyradellis Verständnis einer ganzheitlichen Ausrichtung der Museen auf Vermittlung ist daher noch immer ein ungewohnter Gedanke. Dies zeigt, dass viele Museen vergessen, dass mit einer öffentlichen Finanzierung auch eine öffentliche Ausrichtung einhergehen sollte.

Man merkt Müde Museen den Hintergrund des Autors als Wissenschafts- und Kulturphilosoph an. Tyradellis kritisiert und provoziert auf hohem intellektuellem Niveau. Beispiele sind selten gesät. Dies ist jedoch in Ordnung, denn das Buch ist eine Einführung in einen Gedankengang, dessen Umsetzung viele Veränderungen braucht. Es will zum Denken anregen. Auch ohne eine museumsmanageriale Handlungsanweisung zu sein, erreicht es dennoch sein Ziel. Es schließt eine Lücke vom Museum als Ort des Präsentierens hin zum Museum als Ort der Gesellschaft.

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