Buchrezension

Museum und Migration. Konzepte - Kontexte Kontroversen

Während im internationalen Vergleich Migration längst ein Gegenstand der musealen Debatte und Praxis ist, kommt dieses Thema im deutschsprachigen Museumsfeld erst seit etwa Mitte der 2000er-Jahre immer stärker an. Somit thematisiert der Sammelband einen aktuellen Gegenstand, der mit unterschiedlichen und zuweilen kontroversen Positionen besetzt ist. Die Publikation geht hauptsächlich aus einer gleichnamigen Fachtagung in Wien hervor, die 2010 im Österreichischen Museum für Volkskunde stattgefunden hat.
 
Einleitend gibt Regina Wonisch einen guten Überblick über die Migrationsdebatte im Museumsfeld. Dabei zeigt sie, wie die diskursive Rahmung der Migration etwa durch die Reduktion auf Arbeitsmigration gängige Geschichtsnarrative festschreibt und Ausblendungen erzeugt. Außerdem arbeitet sie heraus, dass die Forderung zur institutionellen Repräsentation von den Rändern her artikuliert wird und damit gerade kulturhistorische Museen auf den Prüfstand stellt. So erzeugen Ausstellungsprojekte aus der Perspektive der Migration andere Bilder und Narrative als viele der Darstellungen im Museum. Wonisch fordert schließlich einen Paradigmenwechsel, um andere Sprecher/innenschaften und Perspektiven, neue Erzählformate sowie strukturelle Veränderungen in den Institutionen selbst zu etablieren.

Vier weitere Beiträge gehen dem Thema aus analytischer Perspektive nach. Christine Hintermann widmet sich den Entwicklungen des österreichischen Museumsfeldes und untersucht anhand von drei Fallbeispielen Fragen nach Deutungsmacht und Repräsentationsstrategien. Robin Ostow, Joachim Baur und Andrea Mezza Torres untersuchen in ihren Artikeln, wie die musealen Debatten zur Migration im internationalen Vergleich geführt werden. Hierbei gibt Ostow einen Überblick zu der Bandbreite an Vermittlungszielen im Typus Einwanderungsmuseum. Ferner wirft sie Schlaglichter auf deutsche Migrationsausstellungen. Vertiefend beleuchtet Baur die Entstehungskontexte, Debatten und Displaystrategien im Ellis Island Immigration Museum. Dabei zeigt er Konflikte um die Definition von Migrationsgeschichte und den musealen Umgang mit Kritik an Ausstellungserzählungen auf. Schließlich geht Meza Torres dem ersten europäischen Einwanderungsmuseum, der Cité nationale de lhistoire de limmigration in Paris, aus postkolonialer Perspektive nach. Sie zeigt dabei die Rolle von ehemaligen Kolonialarchiven und -museen in ihrer Verflechtung der Repräsentationen Europas, der europäischen Nationen, der Migration und der Kolonialgeschichte (S. 195) auf. Infolgedessen hinterfragt Meza Torres am Beispiel eines Streiks im Pariser Migrationsmuseum die Möglichkeiten von marginalisierten Subjekten, sich nachhaltig in die institutionelle Praxis einzuschreiben.

Die Beiträge von Aytaç Erylmaz sowie von Corneliy Kogoj und Gamze Ongan gehen dem Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven der Migration nach. Erylmaz historisiert zunächst die Geschichte und Ziele vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiD), die als eine Reaktion auf die Leerstelle Migration in der musealen und archivalischen Historiografie zu verstehen ist. Er legt außerdem die Relevanz dar, Migration und Migrant/innen als Bestandteil der Geschichte zu begreifen und sie in das Ausstellungsmachen zu involvieren. Kogoj und Ongan stellen in ihrem Beitrag den Prozess der Ausstellung Gastarbajteri 40 Jahre Arbeitsmigration dar, die 2004 im Wien Museum gezeigt wurde. Hierbei geben sie einen Einblick in Konstellationen, Zugänge, Vermittlungsziele, Ausstellungsinhalte und -umsetzung der ersten größeren Migrationsausstellung in Österreich. Diese wurde von einer migrantischen Selbstorganisation, der Initiative Minderheiten, erarbeitet und umgesetzt.

Mit den Texten von Anja Dauschek und Dietmar Osses werden institutionelle Perspektiven auf den Gegenstand gerichtet. Dauschek fokussiert aus einer museumspraktischen Sicht vor allem Migrationsobjekte und Sammlungsaspekte. Mit ihren Erfahrungen mit verschiedenen Sammelstrategien gibt sie gerade Museumspraktiker/innen wichtige Einblicke. Schließlich zeigt sie, wie das Stadtmuseum Stuttgart Migration als inklusiven Teil der Stadt und in seiner zukünftigen Dauerausstellung behandelt. Dagegen historisiert Osses die musealen Migrationsdebatten in Deutschland stärker hinsichtlich des Institutionalisierungsprozesses durch Museumsverbände und Ausstellungen. Ferner zeichnet er Veränderungen in der Schwerpunktsetzung einiger deutscher Migrationsausstellungen im Laufe der Zeit nach.

Mit der Zusammenstellung der unterschiedlichen Beiträge macht die Publikation deutlich, dass die Musealisierung der Migration von unterschiedlichen Positionen, Temporalitäten und Perspektiven geprägt ist. Die Beiträge bilden mit ihren wissenschaftlich-analytischen sowie praxisorientierten Perspektiven einen Querschnitt der vor allem deutschsprachigen Debatten ab. Dabei skizzieren sie die Nähe zwischen Repräsentationspolitiken und -diskursen zur Migration und der Kulturinstitution Museum. Hierbei fällt auf, dass dezidiert migrationswissenschaftliche und kunsttheoretisch institutionenkritische Positionen im Band nicht eigens vertreten sind, die möglicherweise für den Gegenstand über die museale Linse hinaus konstruktive Perspektiven geliefert hätten. Nichtsdestotrotz bietet die Publikation einen sehr guten Überblick über den Stand einer Debatte, die im Museumsfeld sehr heterogen aufgegriffen und bearbeitet wird. Es sind größtenteils Positionen vertreten, die das Museum als einen reproduktiven Ort für Machtverhältnisse begreifen. Einige Beiträge widmen sich daher kritisch reflexiv dem Fragenkomplex, wer, wie, über und für wen im Museum spricht. Außerdem kontextualisiert die Publikation den Themengegenstand mit einer gewissen Skepsis hinsichtlich der diskursiven und politisierenden Rahmungen, mit denen die Musealisierung der Migration verbunden ist. Herauszustellen ist auch, dass die Herausgeber/innen auch Projekte aus nicht-musealen Zusammenhängen aufzeigen, die dezidiert Gegenrepräsentationen zu den gängigen, politisierten Migrationsdiskursen aufwerfen. Damit ist der Sammelband ein sehr lesenswerter Beitrag in migrationsforschender, museumsanalytischer und praxisorientierter Hinsicht.

Dieser Text erschien ursprünglich in einer ausführlicheren Fassung bei H-Soz-u-Kult. Zitierweise: Natalie Bayer, Rezension zu: Wonisch, Regina; Thomas Hübel (Hrsg.): Museum und Migration. Konzepte - Kontexte - Kontroversen. Bielefeld 2012, in: H-Soz-u-Kult, 09.04.2014.

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