24.02.2020

Buchdetails

Musik und Stadt: Jahrbuch für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung 2/2018
von Lorenz Grünewald-Schukalla, Martin Lücke, Matthias Rauch, Carsten Winter
Verlag: Springer VS
Seiten: 280
 

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Autor*in

Michael Gassmann
ist Leiter des Künstlerischen Betriebs beim Musikfestival Heidelberger Frühling. Zuvor arbeitete er als Journalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere überregionale Medien, als Geschäftsführer des Musik Podium Stuttgart sowie als Wissenschaftlicher Leiter und Chefdramaturg der Internationalen Bachakademie Stuttgart.
Buchrezension

Musik und Stadt

Lange Zeit hat die Musikwirtschaft die Chancen der Digitalisierung nur unzureichend für sich genutzt und stattdessen unter den Risiken gelitten. Dabei kann man neue Formen des Umgangs mit Musik besonders im urbanen Raum erproben, sofern Städte als kreative Laboratorien verstanden werden. Welche vielfältigen Möglichkeiten sich dadurch eröffnen, zeigt der interdisziplinäre Sammelband "Musik und Stadt".
 
Die Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung ist eine junge Fachrichtung. Erst 2014 wurde die entsprechende Forschungsgesellschaft gegründet, Anfang 2018 erschien ihr Manifest "Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin". Disziplin meint dabei - nach dem Selbstverständnis der Gründer -, Inter-Disziplin, worauf auch das hier besprochene zweite Jahrbuch "Musik und Stadt" fußt, das 2018 bei Springer VS erschien. So heißt es in der Einleitung: "Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung ist […] nicht als disziplinäre Forschung konzipiert, sondern als ein Forschungsfeld, das situativ und interdisziplinär auf Problemlagen und neue Fragen reagiert." 
 
Ein neuer Umgang mit Musik
 
Grundlegende These des Bandes ist folgende: Die digitalen Schnittstellen zwischen Musikkultur und Musikwirtschaft  - die Rede ist von digitalen Datenträgern, Streaming-Diensten und Vermarktungsplattformen - seien gerade in Städten, also in komplexen urbanen Kontexten, zum kreativen Laboratorium geworden. Denn die vielfältigen neuen Formen des Umgangs mit Musik würden zumeist und zuerst in der Stadt entwickelt und institutionalisiert.
 
Zu den Themen des Bandes gehören ein Vergleich der Music Cities Austin und Toronto, Überlegungen zu den Vorteilen der Standortfaktorenanalyse, zum Verhältnis von Urheberrecht und ethnischem Diskurs, zur Partizipation in der Techno-Szene durch Nutzung digitaler Netzwerkmedien, zur Exportfähigkeit elektronischer und Rock/Pop-Musik aus Deutschland sowie zu (Pop)-Festivalstrategien im digitalen Zeitalter, zum Verhältnis von Musik und Werbung und zur Popmusikförderung im ländlichen Raum. Die überaus anregende Lektüre im weiten Assoziationsraum "Musik und Stadt" ergänzt darüber hinaus ein Bericht über das MusicBoard Berlin - einer Landesinstitution zur Förderung von Popmusik und Popkultur in der Hauptstadt. Dieses Spektrum erweitert zudem ein etwas aus dem Rahmen fallender Text, der die Rückbezüge der amerikanischen Oper auf die mythologische urbane Landschaft der amerikanischen Metropolen beleuchtet. 
 
Förderstrukturen und ihre Folgen
 
Wie unterschiedlich Musikstädte gefördert werden können, zeigt Matthias Rauch in seinem aufschlussreichen Vergleich zwischen Austin und Toronto hinsichtlich ihrer Förderstrukturen und -programme. Beeindruckend und inspirierend sind dabei insbesondere die zahlreichen Initiativen Austins, mit der die Stadt erfolgreich ein Angebot für Kreative und Rezipienten schafft und gleichzeitig ihre Außenwirkung als Musikstadt profilschärfend steigert. Alle städtischen Telefonwarteschleifen werden hier beispielsweise kuratiert. Ebenso eröffnet der Stadtrat seine Sitzungen mit Live-Musik. Darüber hinaus gibt es die "Austin Independent Radio Smartphone App" sowie die Möglichkeit für tourende KünstlerInnen, sich mit international agierenden Unternehmen der Stadt zu vernetzen. Zahlreiche Fortbildungs- und Informationsangebote ergänzen darüber hinaus dieses umfassende Förder-Portfolio, das wohl seinesgleichen sucht. 
 
Es war das erklärte (und erreichte) Ziel der Kommunalpolitik von Austin, über die Steigerung der Lebensqualität Leute in die Stadt zu holen, denen dann am Ende auch Jobs "folgen". Was eine Stadt des Weiteren zum attraktiven Standort für Musikunternehmen macht, untersucht Verena Blättermann am Beispiel von Berlin (vor allem), London und Stockholm. Infrastruktur, ökonomische Faktoren, Image, Menschen, Kultur - das sind die Faktoren, die hier selbstverständlich zu nennen sind. Blättermann nähert sich dem Thema methodisch über Experteninterviews und die Auswertung bereits vorliegender Publikationen zum Thema. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Berlin punktet mit immer noch relativ günstigen Mieten, seinem weltoffenen Image, seiner lebendigen Kreativszene, hat aber Defizite bei der Verwaltung und der Wirtschaftsförderung. 
 
Dass es in Berlin aber auch positive Ansätze der Landespolitik gibt, zeigen Martin Lücke und Anita Jóri anhand des 2013 ins Leben gerufenen Musicboard auf. Ein Clubkataster, Stipendien, Labelförderung, das Programm "Pop im Kiez", Projektförderung (Festivals etc) sind die Werkzeuge des Musicboard, das innerhalb von nur drei Jahren eine Budgetsteigerung um 70% auf zur Zeit 1,7 Millionen Euro verzeichnen konnte. Lücke und Jóri sehen im Musicboard ein lobenswertes Modellprojekt, das sich auch auf andere Städte übertragen ließe. Inwieweit die Arbeit des Programms zielführend und erfolgreich ist, wird leider nur anhand eines einzigen Fallbeispiels, der Förderung des Musikers und Tontechnikers Martin Claudius Maischein, überprüft. Für eine aussagekräftige Evaluation würde jedoch eine umfassendere Datengrundlage benötigt, die eine einzelne Stichprobe natürlich nicht liefern kann. 
 
Popmusik findet aber auch außerhalb urbaner Räume statt und braucht eine entsprechende Förderung. Zu einer Landpartie laden in diesem Zusammenhang Yao Houphouet und Frederik Thimme ein, die 2013-15 das von Ihnen vorgestellte Förderprojekt "create music" in der Region Westfalen-Lippe leiteten.  Bewältigen mussten sie dabei große Entfernungen mit einer suboptimalen Infrastruktur und eine gewisse "Teilhabeverdrossenheit" der Jugendlichen. Geeignete Fördermaßnahmen umfassten daher unter anderem den Ausbau regionaler Stützpunkte als Netzwerkknoten, die Einrichtung digitaler Bandportale, die Entwicklung flexibler, an verschiedenen Orten realisierbarer Projektkonzeptionen und die Erschließung bislang nicht kulturell genutzter Räume. Eine bessere Vernetzung der regionalen Akteure konnte hiermit erzielt werden.
 
Ein "analoges" Thema mittendrin
 
Dem selbst gestellten Anspruch an Interdisziplinarität wird der lesenswerte musikwissenschaftliche Beitrag von Frédéric Döhl gerecht; er geht der Frage nach, welche Rolle die ikonischen urbanen Landschaften der USA innerhalb amerikanischen Oper spielen und ob sie diese als "amerikanisch" definieren helfen. Der nüchterne Befund: Amerikanische Metropolen finden sich kaum in amerikanischen Opern wieder. Vielmehr ist es die Nutzung namhafter, oft bereits verfilmter  literarischer Vorlagen aus den USA, die zur Definition des Amerikanischen in der amerikanischen Oper beiträgt.  
 
Die vielfältigen Folgen des digital turn
 
Die weiteren Beiträge umspielen die grundlegende These des Buches unter verschiedenen Blickwinkeln. Eine für den Rezensenten leicht befremdliche Lektüre bilden dabei die "Anmerkungen zum Rechtsstreit über Musik-Sampling". Mit diesen versucht Johannes S. Ismaiel-Wendt, die Urheberrechts-Auseinandersetzung zwischen Kraftwerk (Ralf Hütter) und Moses Pelham in verschiedene Diskurse einzubinden. Auslöser für den über 20 Jahre andauernden Streit war eine Sequenz aus einem Kraftwerk-Titel, die Pelham in veränderter Form in Endlosschleife für eine eigene Komposition verwendete. Ismaiel-Wendts Ausführungen gipfeln dabei in der Darstellung des Urheberrechts als "rassistisches Repressionsinstrument" von Eliten. Recht hat er dort, wo er darauf verweist, dass faktisch alle Musiken auf andere Musiken Bezug nehmen. Sampling existiert eben als kreative Technik, seitdem Musik im Wortsinn "komponiert" wird. Im digitalen Zeitalter ist diese Technik nur viel leichter, praktisch per Mausklick zu haben. Die Frage müsste also lauten, wie im Zuge des digital turn entstehende Kreativitätsformen und der Schutz geistigen Eigentums in eine Balance zu bringen sind. Der Europäische Gerichtshof entschied dazu in einem Grundsatzurteil Ende Juli 2019, dass Sampling ohne die Erlaubnis des Urhebers immer dann erlaubt ist, wenn die Auszüge so abgeändert sind, dass das Original nicht mehr zu erkennen ist. Die Kunstfreiheit ist dabei höher zu bewerten als das Urheberrecht.
 
Die Folgen des digital turn - diesmal in der Technoszene - beschäftigen auch Dennis Mathei in seinem aufschlussreichen Beitrag. Zentrale Vokabeln sind hier "Popularisierung" und "Distinktion". Digitale Vertriebsmöglichkeiten, so sein Befund, führen nicht nur zum Bedeutungsverlust tonangebender DJs, sondern auch zum Entstehen eines Publikums, das innerhalb und außerhalb der Szene angesiedelt ist. Zu den alten Distinktionen (Szene versus Kommerz) kommen neue hinzu (Vinyl versus MP3, analoges versus digitales Auflegen).
 
Hendrik Neubauer beobachtet in seinem Text zur "Popmusikalischen Repräsentation", dass deutsche Popmusik insbesondere in europäischen Charts an Spitzenpositionen vertreten ist (in Finnland ist sie besonders populär). Warum das so ist, erläutert Neubauer jedoch nicht. Neue Möglichkeiten für die Musikbranche bieten zudem die sozialen Medien. Lorenz Grünewald-Schukalla, Bastian Schulz und Carsten Winter beschreiben dazu am Beispiel von vier Festivals (Fusion, Immergut, MS Docville, Hurricane) überzeugend, was die sozialen Medien einerseits mit den Festivals, andererseits mit deren Publikum machen: Die Möglichkeit für jeden einzelnen Festivalbesucher, im "Raum der Ströme" Festivalerfahrungen mitzuteilen, führt einerseits zu einem Imagegewinn der Festivals. Andererseits ermöglicht es dem Publikum, Teilhabe und Mitwirkung zu erleben. Um eine Systematisierung der Beziehungen von Werbung und Musik (Werbung mit Musik, für Musik, mit MusikerInnen sowie Musik mit Werbung sind die vier Kategorien) bemühen sich darüber hinaus Benedikt Spangardt und Nicolas Ruth. Sie beobachten dabei auch auf diesem Feld signifikante Veränderungen aufgrund des digital turn: ehemalige Labels werden zu Entertainment Groups, die sich um Booking, Vermarktung, Streaming etc. kümmern. 
 
Fazit
 
Den Herausgebern und AutorInnen ist ein Buch gelungen, dass einerseits breit und interdisziplinär aufgestellt ist und andererseits sein Thema - Musik und Stadt in den Zeiten des digital turn - fest im Blick behält. Beiträge begreifen die Stadt dabei als Laboratorium, in dem nicht nur verschiedenste Förderstrukturen, sondern auch neue Formen der Partizipation, Produktion, Vermarktung und Imagebildung erprobt werden. So ist ein schlüssiger und lesenswerter Band entstanden, der die Verbindung von Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung als lohnende Wissenschaftsunternehmung beglaubigt. Weit über die Popszene hinaus ist dieses Buch für alle empfehlenswert, die Kultur im urbanen Raum initiieren und organisieren. 

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