18.05.2018

Autor*in

Laura Rost
studierte Kulturmanagement an der Europa-Universität Frankfurt Oder und absolvierte eine Spielleiter-Ausbildung in Berlin.
Buchrezension

Partizipation als Programm. Wege ins Theater für Kinder und Jugendliche

Theaterbesuche außerhalb der Schule sind für junge Menschen aus bildungsfernen, benachteiligten Bevölkerungsschichten oft eine Ausnahme. Wie diese Zielgruppe dennoch ans Theater herangeführt werden kann, zeigt der von Anna Eitzeroth und Wolfgang Schneider herausgegebene Sammelband.
 
Die Publikation, erschienen 2017 im transcript Verlag, versammelt Anregungen, Beispiele, Erfahrungen und Herausforderungen für alle, die Kinder und Jugendliche in partizipative Programme im Bereich Theater, Performance und Tanz einbinden möchten. Sie ging aus dem Projekt Wege ins Theater! des ASSITEJ Netzwerks für Kinder- und Jugendtheater hervor, das von 2013 bis 2017 im Rahmen des Bundesprogramms Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung stattfand.

Kultur für alle! Aber wie?

Das Thema ist vor dem Hintergrund Zuwanderung und der zunehmenden Schere zwischen Arm und Reich von höchster Relevanz. Daher beginnt und endet das Buch mit Kapiteln zu dessen gesellschaftlicher und politischer Dimension. In diesen Kapiteln spiegelt sich die aktuelle Debatte um Partizipation, diversitätsbezogene Bildungsprozesse und empirischer Teilhabeforschung in Bezug auf junge ZuschauerInnen wider. Praktische Erfahrungen, die die Autoren in den Projekten gemacht haben und bei denen oft ein Theater mit einem Träger der Kinder- und Jugendarbeit kooperiert hat, stehen im Zentrum des Hauptteils der Publikation.

Im Sinne eines Vorgehens vom konkreten Projekt zum Programm bietet das Kapitel "Perspektiven für eine partizipative Programmatik" einen größeren Überblick über unterschiedliche Projekte. Sie basieren darauf, dass die ExpertInnen z.B. in Jurys Konzepte bewertet haben oder die Praxis aus Verbandsperspektive oder wissenschaftlich-praktischer Sicht kennen.

Darüber hinaus enthalten einige Beiträge praktische Checklisten, z.B. wie man geeignete Partner für Projekte findet oder wie man Projektanträge stellt. Hierbei muss die Ansprache spezifisch für nicht-privilegierte Zielgruppen erfolgen, etwa über Bündnispartner und Honorarkräfte. Die Beiträge sind auch für Praktiker, etwa Theaterpädagogen, interessant, um ihren Horizont zu erweitern und Einblicke in die kulturpolitische Dimension ihres Arbeitsfeldes gewinnen.

Mehr als nur das nächste Kunstprojekt

Von einer "Kultur für alle" als Maxime von Kulturpolitik und Kulturbetrieb sind die Theater in Deutschland weit entfernt. Dass weite Teile der Bevölkerung diese nicht nutzen, liegt sowohl an persönlichen Entscheidungen als auch an gesellschaftlichen Strukturen und unzureichenden Rahmenbedingungen, wie Thomas Renz in seinem Beitrag zur empirischen Teilhabeforschung erläutert. Damit Kinder und Jugendliche sich dennoch mit Theater auseinandersetzen können, braucht es vor allem Zeit und pädagogisches Geschick. Künstler, die in einer relativ kurzer Zeit gezwungen sind, gute Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren, können aber auf die Entwicklungsschritte der Teilnehmer kaum Rücksicht nehmen.

Gerade die Beiträge von Anna Eitzeroth, die das Projekt für die ASSITEJ leitet und Erfahrung in der Theaterarbeit mit jungen Menschen gesammelt hat, sind mit konkreten Handlungsempfehlungen zu strukturellen Problemen gespickt. Sie macht dabei auch konkrete Vorschläge für Häuser, die keine Audience Development- oder Outreach-Programme für Jugendliche haben. Im Gedächtnis bleibt eine Zehn-Punkte-Liste mit dem Titel Wir sind nicht dein nächstes Kunstprojekt. Dabei können sich Theater kritisch mit ihren Motiven befassen.

Neben den Projekten aus "Wege ins Theater!" werden auch andere vorgestellt, in denen über längere Zeiträume Arbeitsformen für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen entwickelt wurden. Darunter sind eines im Museum und das Projekt Movies in Motion des Bundesverbandes Jugend und Film e.V. mit passenden Fragestellungen. Eventuell können daraus Anregungen für interdisziplinäre Projekte über den Tellerrand gewonnen werden.

Annäherung an eine noch fremde Zielgruppe

Das Projekt "Wege ins Theater!" war vor allem dazu gedacht, das gegenseitige Lernen zwischen Akteuren und Teilnehmern anzuregen und in Kulturinstitutionen erste Veränderungsprozesse sowie eine Öffnung für die neuen, noch fremden Zielgruppen anzustoßen. Dabei waren es zwar auf einen Zeitraum von fünf Jahren ausgelegt. Das Buch zeigt aber, dass die Theater auch ins kalte Wasser springen und sich durch learning by doing an die Zielgruppe herantasten mussten. Besonders im Gedächtnis bleibt die Arbeit eines Projekts aus Berlin Hellersdorf, das sichtbar macht, wie Partizipation in einem schwierigen Kontext gelingen kann: Die Autorinnen aus einem Theater aus Prenzlauer Berg wollten mit Jugendlichen einer Freizeiteinrichtung über mehrere Jahre Theaterstücke erarbeiten. Dort fanden sie aber eine regellose Atmosphäre vor, die eine Theaterarbeit fast unmöglich erscheinen ließ. Dennoch entstand die freie Jugendtheatergruppe Hellersdorf, die seit mehreren Jahren Inszenierungen auf die Bühne bringt. Die Theatermacher berichten schonungslos offen über ihre Erfahrungen, lassen den Leser an ihren Zweifeln teilhaben und gehen wohltuend ehrlich sowie selbstkritisch mit Rückschlägen um. Dies verleiht dem Buch Authentizität, was nicht selbstverständlich ist bei einem von höchster Stelle (BMBF) geförderten Projekt: "Wer sind wir, dass wir in ihre Welt eindringen, ihnen Bildungsferne und andere Defizite attestieren und meinen, wir könnten ihnen mit unserem Glauben an Kunst und Theater ein wertvolles Geschenk machen? Benehmen wir uns wie Missionare?", fragt Dagmar Domrös.

Die Projektmaßnahme sah die drei Formate "Besuch", "Gegenbesuch" und "Scouts" vor: Nachdem die Kinder und Jugendlichen Theater in ihren Sozialräumen erlebt hatten, wurden sie ins Theater zu Aufführungen professioneller Schauspieler eingeladen und bekamen einen Einblicke hinter die Kulissen. Im Format "Scouts" sollen sie Theater selbst mitentwickeln, in dem sie zum Beispiel als Jury einen Preis vergaben, selbst künstlerisch tätig wurden oder Räume gestalteten.

Die Projekte waren alle von Erfolgen gekrönt. Dennoch zeigt sich, welche großen Hürden und Interessenenskonflikte zu überwinden sind: Während Sozialpädagogen Uhrzeit und Praktikabilität für die Teilnehmer im Blick haben, rufen selbst künstlerisch spannende Besuche zu Zeiten während der Freizeit keine kontinuierliche Begeisterung hervor.

Darüber hinaus wurde "Wege ins Theater!" genutzt, um neue Formate der Zielgruppenansprache und das Theater als Ort der Freizeitgestaltung von Jugendlichen zu erforschen. Unter der Frage Was wollen Jugendlichen teilen, wenn man ihnen eine verstärkte Stimme gibt?, hat das Freie Forum Theater (FFT) Düsseldorf mit der Soapbox, einer mobilen Erzählbühne, einen praktischen Ansatz geschaffen, der Jugendliche einlädt,eines Jugendzentrums über einen Zeitraum von rund einem Jahr einlud, eine Performance zu entwickeln, um sich selbstbestimmt und ohne Vorgabe zu äußern. Die Autoren Horbach und Zehetner vom FFT sind mit dem Ausgang des Projekts zufrieden: Die Faszination und Neugier ist da, aber die Projektstruktur müsse für die Zielgruppe besonders verlässlich sein. Sie summieren ihre Erfahrungen wie folgt: Die Jugendlichen kennen nun etwas Neues, das in ihrem Alltag sonst nicht vorgekommen wäre und für sie erst einmal nicht vorgesehen war. Sie haben Kunst partizipativ hautnah erlebt und bleiben trotzdem dem Theater als ZuschauerInnen fern. Wir bleiben dran!

Was Politiker lernen können

Das Buch will, so die Herausgeber im Vorwort, die weitere Verständigung über zukünftige Wege ins Theater anregen. So kann das Theater ein Experimentierfeld für die gesellschaftlichen Herausforderungen sein, die beispielsweise durch Zuwanderung entstehen, wie das Projekt des Theatermachers Bassam Ghazi zeigt. Er ging dabei in Kooperation mit dem Schauspiel Köln der Frage nach: Wie wollen wir zusammenleben? Zur Teilnahme hatte er Jugendliche aus verschiedenen Kontexten eingeladen, von denen ein nicht unwesentlicher Anteil einen muslimischen Hintergrund hatte. Dem Spiel vor großem Publikum näherte sich die Gruppe nach und nach an, wobei sich die Wertschätzung von Seiten des größeren Kooperationspartners besonders motivierend auswirkte, sodass das Projekt nach und nach sogar als drittes Ensemble wahrgenommen wurde.

Um hierbei aber alle Möglichkeiten auszuschöpfen, müssten die Theater noch mehr in qualifizierte Theaterpädagogik investieren und noch mehr auf Kooperationspartnerschaften in Stadt und Land setzen. Die Erfolge, die das Buch für solche Maßnahmen aufzeigt, sind dabei eine gute Argumentationsgrundlage gegenüber Politik und Geldgebern.

Fazit

Der Sammelband macht deutlich, dass Teilhabe damit beginnt, dass Kinder und Jugendliche überhaupt erst einmal die Möglichkeit bekommen, Theater kennenzulernen. Die Theaterprojekte sollen dabei helfen, sich und das eigene Umfeld als veränderbar zu erleben.

Der Leser des Buches erhält dabei aus verschiedenen Perspektiven einen intensiven, dichten Blick auf das Thema. Die Projektergebnisse gewähren Sichtweisen, die im Diskurs noch wenig Beachtung finden. Neben den positiven Ergebnissen zeigt sich, dass bestehende Benachteiligungen innerhalb von Projektzeiträumen nicht abgebaut werden konnten, befristete Theaterprojekte also kein Allheilmittel sind. Die Autoren machen aber deutlich, dass sie durchaus Potenzial haben, in Kulturinstitutionen Prozesse der Öffnung und des Lernens anzustoßen.

KulturmanagerInnen aus anderen Sparten und Kommunikationsbereichen erfahren aus Partizipation als Programm ebenso, wie ein nachhaltiger Dialog mit der Zielgruppe gelingen kann. Wer Kinder und Jugendliche aus sozialen Brennpunkten ansprechen möchte, braucht viel Geduld. Projekte dauerhaft zu etablieren ist dabei zwar notwendig, jedoch sollte deren Erfolg vor allem qualitativ gesehen werden, denn aus quantitativer Sicht (Teilnehmer bzw. Besuchszahlen) sind die Erfolge mitunter bescheiden.

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