21.03.2016

Autor*in

Julian Stahl
Julian Stahl ist leidenschaftlicher Schnittstellenbearbeiter in Wissenschaft und Praxis. Nach dem Kulturmanagement-Studium in Friedrichshafen und Vancouver ist er aktuell Co-Founder von HENRY, einer digitalen Experimentalplattform für zeitgenössische Kunstmusik.
Buchrezension

Partizipatives Kulturmanagement. Interdisziplinäre Verhandlungen zwischen Kunst, Kultur und Öffentlichkeit.

Seit den 1970er Jahren ist Partizipation das Schlagwort in deutschen Kulturorganisationen. Autorin Siglinde Lang versucht mit ihrem Buch die theoretische Diskussion um Beobachtungen der künstlerischen und kulturellen Praxis zu erweitern. Welche Perspektiven ergeben sich bei der gezielten Betrachtung des Begriffs Partizipation aus Sicht des Fachs Kulturmanagement?
 
Mit der im Juli 2015 im transcript-Verlag erschienenen Studie untersucht Autorin Siglinde Lang - selbst wissenschaftlich Lehrende und Forschende für Contemoprary Arts and Cultural Production an den Universitäten Salzburg und Wien - das wissenschaftliche Fach Kulturmanagement in seiner Vermittlungsrolle zwischen Kunstproduktion und kultureller Bedeutungsproduktion. Die Herausforderung sieht sie darin, dass im Kulturmanagement die Bereiche Kunst/Kultur und Management nach wie vor oft getrennt voneinander gedacht werden. Die Übertragung betriebswirtschaftlicher Instrumente auf das Kulturmanagement in der Anfangszeit des noch jungen Fachs habe laut Lang zu einer strikten Trennung künstlerischer und kaufmännischer Prozesse geführt. Damit einhergehend sei es notwendig, die bisher durch mehrdeutige Verwendung unklare Definition von Kulturmanagement näher zu untersuchen. Aus diesem Grund beginnt die Autorin sich intensiv mit den Begriffen Kultur, Kunst und Öffentlichkeit auseinanderzusetzen, um neue Perspektiven für das Kulturmanagement zu eröffnen. Dabei nimmt sie insbesondere partizipative Kunst- und Kulturprojekte der freien Szene in den Blick.

Weg von der Theorie, hin zur Theorie
Auf die Einleitung zu aktuellen Herausforderungen des Kulturmanagements folgt im zweiten Teil eine detaillierte Untersuchung des Kulturverständnisses, von dem die Kulturmanagement-Forschung ausgeht. Dazu greift die Autorin auf das Konzept der Cultural Studies zurück und bespricht eingehend die Begriffe der Cultural Production, Cultural Citizenship und Öffentlichkeit. Anschließend wird die Rolle zeitgenössischer Kunst untersucht: Wie kann moderne Kunst zu der Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit beitragen? Wie erzeugt sie kulturelle Teilhabe? Dabei bespricht Lang bewusst partizipative Kunstprojekte, denn speziell künstlerische Interventionen erheben den Anspruch, sich in gesellschaftliche Probleme einzumischen und Impulse für eine Neuverhandlung gegebener kultureller Zuschreibungen zu setzen (S. 116).

Der theoretische Schwerpunkt der ersten beiden Teile ist für wissenschaftlich interessierte LeserInnen wertvoll und ermöglicht eine kritische Reflexion kultureller und künstlerischer Prozesse mit dem Fokus auf zivilgesellschaftlicher Teilhabe und kultureller Mitgestaltung. Allerdings gestaltet sich die Aneinanderreihung von Definitionen recht trocken und ein wenig langatmig, mit geringer Anbindung an die kulturmanageriale Praxis.

Partizipation in der Praxis
Die Erweiterung um praktische Perspektiven findet im dritten Teil des Buchs statt, in dem sich die Autorin im empirischen Teil ihrer Studie mit der Praxis partizipativer Kunst- und Kulturprojekte auseinandersetzt. In fünf Fallbeispielen werden die Ergebnisse von Interviews mit Experten der jeweiligen Projekte vorgestellt, um zu untersuchen, inwieweit die Konzepte von Cultural Citizenship und Participatory Culture für diese Projekte relevant sind. Insbesondere die anschauliche Analyse der einzelnen Arbeitsprozesse der Fallbeispiele gibt interessante Einblicke in die künstlerische Arbeit im Spannungsfeld von Partizipation, Intervention und einer heterogenen Öffentlichkeit. Dabei gelingt eine sinnvolle Verknüpfung der theoretischen Erkenntnisse aus den ersten Teilen und den empirischen Beobachtungen.

Zum Abschluss fasst Siglinde Lang die theoretischen Erkenntnisse und Ergebnisse der Fallstudien zusammen und erarbeitet ein mehrdimensionales, konkretes Ablaufmodell partizipativer Kulturmanagementprozesse, sowie ein Kompetenzprofil partizipativ arbeitender KulturmanagerInnen. Dem werden fünf Prämissen vorangestellt, die die Ideen der Autorin zusammenfassen: Partizipativ agierende Kulturmanager interagieren an Schnittstellen von künstlerischer und kultureller Produktion, schaffen partizipative Kommunikations- und Handlungsräume, vermitteln zwischen hegemonialen und alternativen kulturellen Bedeutungszuschreibungen, moderieren kollaborativ wahrgenommene kulturelle Produktionsprozesse und fassen das Herstellen eines polyphonen Diskurses als ihr zentrales Handlungsziel auf(S. 182). Wer an dieser Stelle eine detaillierte Handlungsanleitung für die Praxis erwartet, wird enttäuscht werden, der Fokus liegt auch hier auf der theoretischen Untersuchung. Und dennoch eignet sich das Buch auch für wissenschaftlich interessierte LeserInnen aus der Kulturmanagement-Praxis, finden sich doch durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis genügend Anreize, die eigene Arbeit in einem erweiterten Blickwinkel zu sehen.

Mehr Kultur als Management
Es gelingt der Autorin, auf der einen Seite, die Prozesse und Kontexte partizipativen Kulturmanagements detailliert zu untersuchen, womit die aktuelle Kulturmanagementforschung und insbesondere die Debatte um partizipative Ansätze, mit Fokus auf die freie Szene und Referenz auf die Cultural Studies wertvoll ergänzt wird. Auf der anderen Seite bleiben zwei Aspekte außen vor: Erstens spielen Fragen der Organisation abseits von kleinen Teams keine Rolle, sodass eine Anwendbarkeit der Beobachtungen auf unterschiedliche Organisationsformen erst noch zu untersuchen ist. Das liegt mitunter daran, dass Siglinde Lang die Grenzen zwischen Kunstschaffenden und KulturmanagerInnen sehr fließend setzt. Wie wäre partizipatives Kulturmanagement also in größeren Organisationen möglich, in denen eine stärkere Trennung zwischen künstlerischen und managerialen Prozessen besteht? Zweitens findet leider nur die Auseinandersetzung mit der Kultur-Seite des Kulturmanagementbegriffs statt. Mit der Folge, dass Management eher als betriebswirtschaftlicher und koordinierender Prozess verstanden wird, obwohl aktuelle Management- und Organisationstheorien über dieses Verständnis deutlich hinausgehen. So ließen sich auch auf dieser Seite des Begriffs mehrdeutige Logiken integrieren, um der Gefahr einer verengten ökonomischen Sichtweise zu begegnen.

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