27.01.2016

Autor*in

Christian Waltl
Christian Waltl ist Direktor von KulturAgenda einem europäisch agierenden Fortbildungsinstitut zur Professionalisierung des Museumssektors. Als langjähriger Museumsund Kulturmanager liegt sein Schwerpunkt auf Audience Development Projekten, der betrieblichen Stärkung von Kulturinstitutionen und der Leadershipausbildung für junge angehende Museumsund Kulturmanager.
Buchrezension

Publikumsmagnet Sonderausstellung, Stiefkind Dauerausstellung?

Nora Wegners Dissertation Publikumsmagnet Sonderausstellung, Stiefkind Dauerausstellung? Erfolgsfaktoren einer zielgruppenorientierten Museumsarbeit greift ein museal oft diskutiertes, allerdings wenig beforschtes Phänomen auf, nämlich das der Bedeutung von Sonder- und Dauerausstellungen im Kampf um die Gunst der Besucher.
 
Wie es scheint, kann heute kaum ein Museum neue Publika gewinnen, geschweige denn bereits vorhandene langfristig binden, offeriert es nicht zusätzlich zu den Dauerausstellungen aktuelle Themenaspekte, die meistens in aufwendigen Sonderausstellungen gezeigt und mit großem Ressourceneinsatz vermittelt werden müssen. Sonderausstellungen werden damit fast als notwendiges Übel gehandelt, um Besucher in einem zunehmend stärker werdenden Konkurrenzkampf effizienter anzusprechen.
 
In einer aufwendigen Vergleichsstudie an fünf mittelgroßen Museen in Deutschland (drei historisch/archäologische Museen, ein Naturkundemuseum und ein Technikmuseum) ging Nora Wegner unter anderem den Fragen nach, was Sonderausstellungen so attraktiv macht und inwieweit sich Besucher von Sonder- und Dauerausstellungen unterscheiden.
 
Ausgehend von den Rahmenbedingungen, in denen Museen heute operieren, verschafft Nora Wegner dem Leser zunächst einen Überblick über die Herausforderungen eines Sektors, der wie kaum ein anderer in den letzten Jahren massive Veränderungen hin zu einem mehr besucherorientierten Handeln erfahren hat. Dem allgemeinen Kapitel zur Erläuterung der Begrifflichkeiten, in dem aktuelle Entwicklungen bei Dauer- und Sonderausstellungen, Erfolgsfaktoren und häufige Kritikpunkte näher besprochen werden, folgt ein Überblick über die Lage der Besucherforschung in Deutschland, die im Vergleich zum englischsprachigen Raum weiterhin nur ein Schattendasein fristet.
 
Im Hauptteil des Buches formuliert Nora Wegner sehr präzise und detailliert die wesentlichen Forschungsfragen, um das Publikum der Sonder- und Dauerausstellungen weiter zu differenzieren. Es geht um Fragen zu den Motiven und Erwartungen, aber auch wie Besucher die Ausstellungen beurteilen, welche Barrieren Zugänge erschweren, warum sie wiederkommen und inwieweit generelle Präferenzen für Sonder- oder Dauerausstellungen vorherrschen.
 
Mit Hilfe von Experten- und Besucherinterviews sowie einer großen Zahl an durchgeführten Befragungen mittels standardisierter Fragebögen gelingt es ihr, Erfolgsfaktoren herauszuarbeiten, die Museen ein zielgruppenorientiertes Arbeiten erleichtern und gerade für die Belebung von Dauerausstellungen wesentliche Anregungen aufzeigen.
 
Um die Unterschiede der Publika von Dauer- und Sonderausstellung zu veranschaulichen und diese weiter differenzieren zu können, entwickelt sie aus den Ergebnissen der Untersuchung für beide Bereiche bestimmte Besuchertypologien und leitet aus diesen wiederum praktische Handlungsempfehlungen ab.
 
Interessant, aber nicht wirklich überraschend ist, dass die Sonderausstellungen bei der Publikumsgunst wesentlich besser abschneiden und für die meisten der Grund sind, warum sie Museen besuchen. Dabei wirken gerade die eingegrenzten Themenfelder, die präsentierten Objekte sowie die moderne Gestaltung eine besondere Anziehungskraft aus. Dauerausstellungen bleiben für viele Besucher weniger attraktiv, auch wenn eine Mehrheit die kindgerechte Gestaltung und die Atmosphäre als besonders positiv hervorhob.
 
Nora Wegner hat mit ihrer Arbeit wesentliche Grundlagenarbeit geleistet und damit auf eine Forschungslücke aufmerksam gemacht, die hoffentlich viele mit qualitativen Untersuchungsmethoden weiterführend ergänzen werden. Schon die Tatsache, dass diese Studie veröffentlicht werden durfte, ist hervorzuheben wissen wir doch, wie sehr Ergebnisse von Besucherstudien zumeist nur museumsintern behandelt werden und dass vergleichende Studien vor allem im deutschsprachigen Raum kaum existieren.
 
In allen Fragestellungen des Buches erkennt man den professionellen Besucherforschungshintergrund und die langjährige Erfahrung, die Nora Wegner in diesem Bereich bereits auszeichnet. Nicht zuletzt sind ihre Handlungsempfehlungen sehr praxisnah und daher von großer Relevanz für die Museumsarbeit.
 
Das vorliegende Buch ist zwar sehr wissenschaftlich verfasst, was den Lesefluss etwas behindert, dennoch können viele Erkenntnisse für die Museumspraxis übernommen und entsprechende Rückschlüsse für das eigene Museum gezogen werden. In diesem Sinne kann dieses Buch jedem wärmstens empfohlen werden.
 
Diese Rezension erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin Januar 2015

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