06.07.2014

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Buchrezension

Theater entwickeln und planen. Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste

Das Theater steckt in einer Krise: finanziell, strukturell und inhaltlich. Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, legt mit dem Sammelband "Theater entwickeln und planen" einen Reformversuch des Theaterbetriebs vor.
 
Weltkulturerbe oder verbrannte Erde? Die Diskussion um die Theaterlandschaft Deutschlands bewegt sich zwischen Wertekanon und Kriegsmetaphorik. Von Verteilungskämpfen ist zum Beispiel die Rede, wenn es um die Mittelvergabe und die Subventionen aus öffentlicher Hand für die Kultur geht. Hungrige Mäuler wollen gestopft werden, aber alle können nicht satt werden. Es wird existenziell. Da ist die Frage nach der Legitimität nicht weit: wozu Theater?

Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, versucht mit dem Sammelband Theater entwickeln und planen eine Bestandsaufnahme des Theaterbetriebs. Die Entwicklungshelfer, die Schneider dazu rekrutiert hat, entstammen den verschiedensten Disziplinen. Stellvertretend für den Kulturjournalismus steht das Autorenduo Merck/Slevogt von nachtkritik.de. Der größte Teil der VerfasserInnen lässt sich im akademischen Sektor verorten, teils mit Doppelfunktion sowohl mit universitären wie praktisch-künstlerischen bzw. administrativen Tätigkeitsfeldern. Hildesheim ist mit Birgit Mandel, Annemarie Matzke, Matthias Rebstock, Jens Roselt u.a. selbstredend prominent vertreten. Auch große Theaterwissenschaftsbastionen wie Köln (Peter W. Marx), Gießen (Heiner Goebbels) und München (Christopher Balme) sind berücksichtigt und schließlich darf auch das Kulturmanagement, personifiziert durch Armin Klein, nicht fehlen.

Strukturkrise?

Im Untertitel verspricht Schneiders Aufsatzsammlung Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste. Das klingt nach: Die Welt hat sich geändert, alles muss neu. Die Welt hat sich auch geändert. Das Stadttheater sei in Stein gehauene Manifestation bürgerlichen Kunstwillens sagt Heiner Goebbels (S. 28). Günther Heeg hält es für einen ersatzreligiöse[n] Kultraum (S. 232) und Armin Klein rüttelt am Intendantenthron. Das System der öffentlichen Theater, so Klein, mit seinen Gebäuden, seinen Arbeitsmethoden und Publikumsstrukturen, seiner Bürokratie und Unflexibilität (...) und seiner völlig überholten Intendantenstruktur (S. 133) ist nicht mehr zeitgemäß, soweit herrscht Konsens. Eine Strukturkrise also?

Die versprochenen Konzepte für eine geplante und entwickelte Theaterlandschaft schaffen es dabei nicht immer, sich aus dem Sumpf des Defizitären zu befreien. Schon das Vorwort zeichnet ein eher dystopisches Szenario: Wuppertal wurde dicht gemacht, Bonn kannibalisiert sich selbst. Man liest und denkt: Dessau, Rostock, Schleswig ... Seinen Hildesheimer Thesen stellt Schneider den von ihm attestierten Status Quo voran: Die Krise des Kulturstaats ist die Krise der Kulturfinanzierung in den Kommunen ist die Krise der Kulturpolitik!(S. 21). Also auch eine Finanzkrise.

Oder Finanzkrise?

Die im Titel angekündigte Entwicklungshilfe ist eine gute Sache, um Armut zu bekämpfen. Die Frage ist, ob die Erste Welt vom Schreibtisch aus die Probleme der Dritten Welt zu lösen vermag. Ein paar lautere und vor allem lebendigere Stimmen aus der Praxis hätten dem Band sicherlich gut getan und die Stadttheaterdebatte um eine Dimension ergänzt, die für die Krisenbewältigung elementar ist: die Frage nach der inhaltlichen Relevanz der Theaterarbeit.

Dass Aspekte der Finanzierung unweigerlich mit Fragen nach Organisationsformen und Beschäftigungsmodellen verknüpft sind, liegt auf der Hand. Heiner Goebbels entwickelt die Vision von befreiten Häusern, die ohne feste Vorgaben von Effektivität, Auslastung, Repertoire mit kleiner Stammbesetzung aus Technik, Verwaltung und Leitung funktionieren und dabei ohne festes Orchester, ohne Chor, ohne Schauspiel- oder Tanzensemble auskommen (S. 30). Dieses Labor wie er sagt, soll Projektförderung genießen. Klingt wie ein Zuhause für die freie Szene. Aber ist das so visionär? Was macht eigentlich das HAU, was Kampnagel, was passiert im Mousonturm?

Vor lauter Institutionenkritik bleibt nach über 300 Seiten kaum noch Raum, um sich einmal ganz konkret etwa den Beschäftigungsformen am Theater zuzuwenden. Die Tendenz zur nichtständige Beschäftigung ist ja nicht nur in der freien Szene zu beobachten; Zeitarbeit, Werkverträge und Leiharbeit sind in den institutionalisierten Sprech-, Tanz- und Musiktheatern längst Realität und werden zur Zeit heiß diskutiert, etwa durch die art but fair-Initiative, den Billeteurs-Aufstand am Wiener Burgtheater oder jüngst die Mindestlohn-Debatte.

Inhaltliche Krise.

Auch das Forschungsgebiet des Audience Development, das in die Zuständigkeit von Birgit Mandel fällt, überrascht nicht gerade mit neuen Erkenntnissen. Vielmehr birgt das Mantra vom ungebildeten, jungen, meist männlichen und migrantisch geprägten Nichttheatergänger (S. 138) ein gewisses Risiko zur Simplifizierung und Kategorisierung je öfter es wiederholt wird. In der Evaluation der von Mandel begleiteten Besucherentwicklungserhebungen heißt es dann: Hohe künstlerische Qualität wird von allen Beteiligten aus den Theatern als notwendig für die Akzeptanz interkultureller Projekte begriffen, damit diese als gleichwertiger Bestandteil von Theaterarbeit und nicht als Sozialarbeit gewertet werden. (S. 144). So steht es unkommentiert da. Heißt das im Umkehrschluss: Interkulturelle Projekt sind zunächst einmal nicht von hoher künstlerischer Qualität?

Inwiefern sich das Theater stärker auf die lebensweltlichen Realitäten im 21. Jahrhundert einlassen könnte, hätte in Schneiders Band deutlich mehr Raum einnehmen dürfen. Trost spendet immerhin Friedemann Kreuder, der in seinem Beitrag Un/doing differences Ein Auftrag für zeitgenössische Theaterinstitutionen für den Umgang mit Kategorisierungen wie Nationalität, Ethnie, religiöser Ausrichtung, Geschlecht etc. sensibilisiert. Er traut sich somit überhaupt an die inhaltliche Dimension der Theaterkrise heran, indem er fragt, inwiefern Stereotype unter dem Deckmantel der Publikumserwartung allabendlich reproduziert werden (S. 98). Zur Überwindung empfiehlt er Methoden des cross-gender-acting oder cross-ethnic-acting. Eigentlich eine simple Schlussfolgerung, bloß muss sie offensichtlich überhaupt erst einmal ausgesprochen werden, damit sich auch die Theaterwissenschaft nicht in ziellosen und simplifizierenden Kategorisierungen verirrt.

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