20.07.2005

Autor*in

Buchrezension

Gesellschaftliche Funktionen von Museen

Autor: Volker Kirchberg; Vs Verlag; Januar 2005
 
Welche Eigenschaften empfehlen eine museumssoziologische Studie zur Lektüre für praxisnahe Kulturmanager? Kirchberg analysiert in diesem Buch die gegenwärtige gesellschaftliche Eingebundenheit von Museen in Deutschland. Die Untersuchung ist als Habilitationsschrift tendenziell auf ein akademisches Publikum ausgerichtet und bewusst nicht als praktischer Leitfaden angelegt. Ein Blick in dieses Buch lohnt sich dennoch auch für Praktiker des Kulturbetriebs, insbesondere für diejenigen Kultur und insbesondere Museumsverantwortlichen, denen an einer kritischen Reflexion ihrer Arbeit und an einer Positionsbestimmung im Hinblick auf ihr Publikum gelegen ist.

Kirchberg liefert eine Betrachtung der aktuellen Funktionen von Museen in der und für die deutsche Gesellschaft mit kritischem, jedoch unparteiischem Blick und jenseits ideologisch-normativer Verklärung der Macht von Museen. Besonders empfohlen sei der dritte Teil der Untersuchung, in dem Kirchberg aufzeigt, welche gesellschaftlichen Gruppen heute Interesse am Museum haben und wo Motive und Barrieren des Museumsbesuchs liegen.

Als Ausgangspunkt der Studie nimmt Kirchberg den proklamierten "Museumsboom" in den Blick und konstatiert einen qualitativen wie quantitativen Museumswandel, der sich auszeichnet durch eine Abkehr von der autoritären Selbstgewissheit hin zur Selbstreflexion der Rolle von Museen, durch eine stärkere Außenorientierung der Museen (verbunden mit Marketing), durch eine Zunahme der Anzahl von Museen sowie durch eine Verschiebung der Besuchszahlen zugunsten populärkultureller Museumstypen bei genereller Stagnation der Besuchszahlen. Dieser Wandel ist verbunden mit einer Reihe gesellschaftlicher Herausforderungen an Museen, z.B. mit der Konkurrenz im Freizeitmarkt, mit der Ubiquität der neuen Kommunikations- und Medientechnologien und mit der erschwerten staatlichen Förderung von Museen.

Diese Entwicklungen nimmt Kirchberg zum Anlass, die Funktionen von Museen in der Gesellschaft näher zu untersuchen. Sein Vorgehen besteht darin, die Anwendung diverser soziologischer Theorien im Hinblick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Positionen von Museen zu überprüfen. Dabei bewegt er sich auf verschiedenen Analyseebenen: der makro-, meso- und mikrosoziologischen Ebene. Die makrosoziologische Perspektive untersucht Museen im Kontext gesamtgesellschaftlicher Veränderungen; die mesosoziologische Sicht analysiert die Funktionen von Museen in der Stadt; die mikrosoziologische Betrachtung schließlich rückt das Individuum ins Zentrum.

Auf der makrosoziologischen Ebene stellt Kirchberg zumindest in Teilen der Museumslandschaft eine Tendenz fest, die er nach George Ritzers "Die McDonaldisierung der Gesellschaft" (1997) als "McDonaldisierung der Museen" bezeichnet. Dies belegt er anhand der fünf zentralen Kriterien, die Ritzer aufstellt: Kalkulierbarkeit, Standardisierung, Effizienz, Kontrolle und postmoderne Simulation. Jedoch zeigt nicht die gesamte Museumslandschaft diese Entwicklung. Es handelt sich vielmehr um eine Polarisierung der Diskussion zwischen eher traditionell orientierten und diesem Wandel ablehnend gegenüberstehenden Museen und solchen, die diese Tendenzen als zeitgemäß befürworten.
Bei der mesosoziologischen Betrachtung der städtischen Funktionen von Museen nimmt Kirchberg weitere Differenzierungen vor. Er unterscheidet zum einen nach Soja zwischen dem materiellen Stadtraum (Firstspace), dem kognitiven Raum (Secondspace) und der Stadt als politischem Raum (Thirdspace). So machen sich Städte die Museen zunutze u.a. als Element der Stadtplanung, in ihrem Wahrzeichencharakter, als Teil des Stadtmarketings, zur politischen Imageverbesserung sowie als sozialpolitisches Instrument. Darüber hinaus differenziert Kirchberg in Anlehnung an Merton zwischen manifesten (bewussten, explizit öffentlich gemachten) und latenten (unbewussten, nicht öffentlich gemachten) Funktionen der Museen. Dies wird am Beispiel der Museumsarchitektur deutlich. Als städtisches Wahrzeichen und Imageträger eingesetzt, wird dem Museum eine öffentliche Wirkung explizit zugesprochen. Latent kann die Museumsarchitektur jedoch auch auf Teile der Bevölkerung abweisend und damit ausschließend und ausgrenzend wirken.

Im dritten Teil der Untersuchung begibt sich Kirchberg auf die mikrosoziologische Betrachtungsebene. Dabei steht das Verhältnis von individuellem Kulturkonsum und sozialem Wandel im Vordergrund. Sind Art und Umfang des Museumsbesuchs auf eine freie, individuelle, bewusste Wahl zurückzuführen (kulturalistischer Ansatz) oder ergeben sie sich - quasi determiniert - unfreiwillig und unbewusst aus der Eingebundenheit in gesellschaftliche Verhältnisse und Konventionen (strukturalistischer Ansatz)? Wesentlicher Teil der mikrosoziologischen Betrachtung ist eine empirische Untersuchung, welche diese beiden Ansätze anhand von acht Hypothesen zu den Faktoren des Museumsbesuchs auf ihre Erklärungskraft hin überprüft. Ergebnis: Der kulturalistische Ansatz, der den Museumsbesuch über Lebensstilmerkmale erklärt und den Aspekt der persönlichen Nutzenmaximierung aus der Rational-Choice-Theorie integriert, ist als Erklärungsansatz brauchbarer. Das heißt, der Museumsbesuch ist nicht als strukturell determiniert, sondern als Ergebnis bewusster, freiwilliger Entscheidung zu betrachten. Dabei werden typische Merkmale von Besuchern mit Affinität zu bestimmten Museumstypen differenziert mittels Lebensstilmerkmalen beschrieben.
Abschließend bringt Kirchberg die Ergebnisse der drei Betrachtungsebenen zusammen und stellt die Frage, ob das Museum als Produkt oder als Faktor der Gesellschaft zu sehen ist. Beides, lautet die Antwort. Als Ort, als Bühne, auf der individuelle Lebensstile verwirklicht werden können, ist das Museum als kollektives Produkt individueller Entscheidungen zu verstehen und wird somit zu einem Ergebnis der Nachfrage.
Zugleich stellt es ein spezifisches Angebot zur Realisierung von Lebensstilen zur Verfügung und kann so in gewissem Maße auch strukturierend wirken - allerdings nicht deterministisch, sondern durch Bereitstellung von Wahlmöglichkeiten.
Insgesamt gesehen handelt es sich hier um eine breit angelegte und zugleich in die Tiefe gehende differenzierte soziologische Untersuchung, welche naturgemäß keinen Handbuchcharakter haben kann. Die soziologischen Theorien, auf die Bezug genommen wird, werden jedoch nachvollziehbar erläutert und mit Beispielen illustriert, so dass man es hier dankenswerterweise nicht mit einem für den soziologischen Amateur völlig unzugänglichen hermetischen Stil zu tun hat. Begriffe wie McDonaldisierung, Erlebnisgesellschaft etc. werden nicht einfach nur schlagwortartig benutzt, sondern auf ihre Hintergründe und Erklärungskraft überprüft. Ich hätte es begrüßt, wenn die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen noch stärker herausgearbeitet worden wären. Fazit: Ein in erster Linie soziologisch angelegtes Buch, das jedoch für den Museumsbetrieb durchaus wichtige Denkanregungen zu bieten hat.

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