26.09.2018

Themenreihe Zukunft der Arbeit

Autor*in

Christian Schön
arbeitet als freier Autor, Ghostwriter und Blogger in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft sowie die Transformation der Arbeitswelt durch Big Data, das Internet der Dinge und die Industrie 4.0.
Der Wissensarbeiter in der neuen Arbeitswelt

Verschiebung der Grenzen

In einer Arbeitswelt, in der zunehmend auch intellektuelle Fähigkeiten automatisiert werden, wird insbesondere der Wissensarbeiter ein wesentlicher Bestandteil sein. Doch nicht alle KulturmanagerInnen sind auch ein Wissensarbeiter. Sie können es aber werden.
Der Status des Wissens im digitalen Zeitalter
 
In nahezu allen Berufen wird der Wissensanteil, der zur Ausübung von Arbeit notwendig ist, immer größer. Menschen, die in der Produktion tätig sind und beispielsweise in Smart Factorys arbeiten, benötigen ebenso IT-Wissen wie Menschen, die klassischer Büroarbeit nachgehen. Aber handelt es sich darum automatisch bei allen wissensintensiven Arbeiten der neuen Arbeitswelt gleich um Wissensarbeit? Wohl kaum. Schon seit jeher gab es den Unterschied zwischen wissensbasierten, also gelernten, und ungelernten Tätigkeiten.
 
Unabhängig von dieser Unterscheidung bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass die Arbeitswelt (und auch die Lebenswelt) im digitalen Zeitalter und der damit verbundenen Herausforderungen komplexer ist als jemals zuvor. Wissen nimmt in ihr einen entsprechend hohen Stellenwert ein. Arbeit wird immer abhängiger vom Wissen und dem Zugang dazu. Obwohl Wissen zumindest für diejenigen mit einem Zugang zum Internet so einfach zugänglich ist wie wohl noch nie in der Geschichte, wird es zugleich immer schwieriger, richtiges von falschem beziehungsweise relevantes von nicht-relevantem Wissen zu unterscheiden.
 
Was macht den Wissensarbeiter zum Wissensarbeiter?
 
Als typische Beispiele für Wissensarbeit werden oft Tätigkeiten wie Consulting, Forschung und Wissenschaft genannt, aber auch Autoren, Fachjournalisten, Laboranten, Spezialisten wie Programmierer und Grafiker werden dazu gezählt. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat drei Kriterien für Wissensarbeit aufgestellt: „Neuartigkeit“, „Komplexität“ und „Autonomie“. Doch einer der wesentlichen Unterschiede bleibt dabei außen vor. Er besteht darin, dass ein Wissensarbeiter neues Wissen schafft. Arbeiter, die lediglich ein spezielles Wissen brauchen, um ihre Arbeit auszuführen, sind keine Wissensarbeiter.
 
Wissensarbeit umfasst damit drei wesentliche Bestandteile: die Schaffung neuen Wissens, die Verwaltung dieses Wissens und die Verbreitung des Wissens. Neues Wissen entsteht nicht aus dem Nichts. Es basiert auf vorhandenem Wissen und entsteht durch den Austausch mit anderen. Ein zentraler Schritt, um neues Wissen zu schaffen, ist die Aneignung von vorhandenem und die Kommunikation und Kollaboration in Netzwerken. Um der Komplexität der Aufgabenstellungen gerecht zu werden und aufgrund der Neuartigkeit vieler Probleme, der sich Wissensarbeit widmet, wird lebenslanges Lernen zu einer Selbstverständlichkeit.
 
Die für Wissensarbeit zentralen Fähigkeiten
 
So vielfältig die einzelnen spezifischen Fachbereiche von Wissensarbeit auch sein mögen, so lassen sich doch eine Reihe von Fähigkeiten benennen, die für Wissensarbeiter zur „Grundausstattung“ gehören. Zunächst müssen sie die Präsentation ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten, sprich: ihr Identitätsmanagement, beherrschen. Direkt darauf folgt das Netzwerkmanagement, also die Pflege und kontinuierlichen Erweiterung ihrer Kontakte. Dies gelingt, wenn alle Regeln der Kunst der Kommunikation beherrscht werden. Das Netzwerken wiederum dient dem Austausch von Information und der Kollaboration. Neben die fachliche Qualifikation treten demnach intellektuelle, soziale und kreative Fähigkeiten.
 
Der Wissensarbeiter als Garant für Innovation, Produktivität und Kreativität
 
Hannah Arendt unterschied in ihrem Buch „Vita activa“ zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln. In diesem Sinne „arbeiten“ Wissensarbeiter nicht, sondern sie stellen etwas her. Arbeit setzt Arendt mit dem gleich, was zum Erhalt des biologischen Lebens dienlich ist. Wissensarbeiter stellen Wissen her. Sie gelten darum auch als Treiber der Innovation und der Produktivität, da dieses Wissen in die Wertschöpfungskette eingebunden ist. Wissensarbeiter stellen im weitesten Sinne Produkte her, weil ihre Arbeit (Kopfarbeit oder Wissensarbeit) sonst im Verborgenen bleiben würde.
 
Allgemein lässt sich Wissensarbeit als wertschöpfender Prozess beschreiben, bei dem das Erzeugen von Wissen in ökonomische Beziehungen eingebunden ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Überlegung von Peter Kruse, der die Idee der Kreativität und damit der Möglichkeit der Schaffung von Neuem mit dem Networking in Verbindung bringt: Kreativität ist das Ergebnis von Störungen. Sie kann durch Rahmenbedingungen wie beispielsweise heterogene Netzwerke begünstigt werden.
 
Der Wissensarbeiter in der neuen Arbeitswelt
 
Wissen ist nicht an Räume und feste Zeiten gebunden. Wissensarbeit trägt damit zur Flexibilisierung der Arbeitswelt bei. Besonders in Deutschland (sowohl von Arbeitnehmer wie von Arbeitgeberseite aus) werden jedoch Themen wie mobiles Arbeiten, Vertrauensarbeitszeit und Home Office kritisch gesehen. Die Präsenzkultur ist nach wie vor vorherrschend. Laut einer aktuellen Studie geben in Deutschland gerade einmal 14 Prozent der Berufstätigen an, dass ihre Arbeit in virtuellen Teams organisiert ist. Der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben stehen die ständige Erreichbarkeit und die schwerer zu ziehende Grenze zwischen Arbeit und Freizeit gegenüber.
 
Dabei können viele wissensbasierte Tätigkeiten ortsunabhängig durchgeführt werden. Allein aus ökologischen Gründen macht es Sinn, dass Wissensarbeiter nicht jeden Tag ins Büro fahren. Zusätzlich führt Pendeln nachweislich zu Stress, Unglück und Krankheit.
Wissensarbeit steht nicht nur der materiellen Arbeit und Produktion gegenüber. Der Wissensarbeiter ist die komplementäre Größe zur Standardisierung und Automatisierung von Prozessen. Damit ist eine Grenze gezogen. Doch diese ist nicht ein für allemal festgesetzt, sondern verschiebt sich permanent. Unabhängig vom genauen Grenzverlauf ist Wissensarbeit die Antwort auf eine immer komplexer werdende und eine schneller sich wandelnde Arbeitswelt. Wissensarbeit hat überall dort ihren Ort, wo Problemlösungen jenseits der Standardisierung erforderlich sind. Entsprechend ist zu erwarten, dass im Bereich der Wissensarbeit große Zuwachsraten zu verzeichnen sind.
 
Wissensarbeit zwischen Freiheit, Vertrauen und Verantwortung
 
Vieles von dem, was den Wissensarbeiter charakterisiert, liest sich so, als handele es sich vor allem um Freelancer beziehungsweise Selbstständige. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand bei einer großen Organisation, einer kleinen Agentur, einem Start-up oder selbstständig arbeitet - Wissensarbeit zeichnet sich durch einen hohen Grad an Autonomie, Selbstbestimmtheit, Selbstorganisation und Verantwortung aus. Aus diesem Grund spielt Motivation eine große Rolle.
 
Wissensarbeit und Wissensmanagement wird also nicht nur für Selbstständige, sondern auch für Unternehmen und Kultureinrichtungen immer wichtiger. Das hat Auswirkungen auf die Arbeits- und Führungskultur. Wissensarbeiter arbeiten oft autonom oder in kleinen, hybriden Teams. Ihre Arbeit ist schwer anleitbar und erfordert Vertrauen, dem auf der anderen Seite Verantwortung gegenüber stehen muss.
 
Die ausführliche Version dieses Beitrags erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin "Zukunft der Arbeit".