27.05.2019

Autor*in

Klaus R. Kunzmann
war bis zu seiner Pensionierung Professor und Forschungsdirektor am Institut für Raumplanung der Universität Dortmund. Als Gast- und Honorarprofessor hat er an vielen Universitäten in Europa, den USA und in China gelehrt. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel über Kreativ- und Kulturwirtschaft, Raumordnung in Europa und China, regionale Umstrukturierung, die Rolle der Kultur bei der Stadtentwicklung sowie über Kreativität, Wissen und intelligente Stadtentwicklung.
Die kreative Stadt

Ein Nachruf?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben viele Städte in Europa die Kreative Stadt als neues politisches Anliegen für eine offene, innovative, kulturell reiche und zukunftsorientierte Stadt entdeckt. Das Thema lag in der Luft. Seitdem ist viel passiert. Hat die Kreativstadt ihre Versprechen für Künstler, Kreative und Kunstinstitutionen gehalten?
Nach ersten Anstößen in den 1980er Jahren, Kreativität als Elixier für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit einer Stadt zu nutzen, haben die wortgewaltigen Gurus und Propheten der Kreativen Stadt , Charles Landry (2000, 2012) und Richard Florida (Florida 2002, 2005) die Stichworte zu einer weltweiten Bewegung gegeben, die Stadtpolitiker, Planer, Journalisten und Marketingagenturen begeistert hatten. 
 
Zusätzliche Anstöße auf dem Weg zur kreativen Stadt gab es von vielen Seiten: Die Ende des 20. Jahrhunderts als neue, wirtschaftlich bedeutsame Branche lokaler Ökonomien entdeckte Kultur- und Kreativwirtschaft lieferte wirtschaftliche Argumente für eine kreative zukunftsorientierte Stadtpolitik. Viele Industriebrachen, die der Strukturwandel in den Städten hinterlassen hatte, wurden von Städten und Investoren zu Kultur- und Kreativzentren umgenutzt. Hinzu kam, dass kunstsinnige Investoren gelernt hatten, dass kulturelle Events die Attraktivität von Immobilien erhöhen. Galeristen und Eventveranstalter erhofften sich von einer kreativen Stadtpolitik neue Impulse für ihre Angebote. Die Hoffnungen auf eine kreative Stadt waren auch beliebter Gegenstand von unzähligen studentischen Projekten und wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Die kreative Stadt spielte Agenturen in die Hände, die diese bis dahin unbekannte Facette der Stadtpolitik für das Marketing nutzten. Dass auch Publikumsjournale und Zeitungen das Thema aufgriffen, war nicht verwunderlich.
 
Aber was die politische Akzeptanz ungemein beflügelte, war die Tatsache, dass Kreativität ein weitgehend positiv besetzter Begriff und nicht ideologisch belastet ist. Gegen eine kreative Stadtpolitik politisch, zivilgesellschaftlich und rechtlich zu argumentieren oder gar zu polemisieren machte keinen Sinn. Welche Mutter, welcher Lehrer, welcher Unternehmer hat nicht gerne kreative Kinder, kreative, innovative Mitarbeiter? Wer sehnt sich nicht nach einer kreativen Verwaltung? All dies erklärte die allgemeine Begeisterung für die kreative Stadt in vielen Städten der Welt, die sich im Wettbewerb um Investoren und hochqualifizierte Arbeitskräfte sahen. Das kreative Label war willkommen, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. 
 
Die Versprechungen der kreativen Stadt
 
Doch was waren, was sind noch immer die Versprechungen der kreativen Stadt? Es sind kulturelle, wirtschaftliche, bauliche, soziale, aber auch administrative Dimensionen, die deren Leitbild charakterisieren:  
 
  • In der kreativen Stadt genießt die Kultur einen hohen Stellenwert. Sie ist ein Ort, an dem ein breites und vielfältiges Spektrum kultureller Infrastruktur die Ansprüche aller Stadtbewohner befriedigt, wo kulturelle Leuchtturmprojekte sowie eine Vielfalt von kulturellen Events Bewohner und Touristen anlocken.
  • Kreative Städte bewältigen den strukturellen Wandel der Wirtschaft mit kreativen Ideen und treiben innovative Entwicklungen voran. Kreative Städte sind, so das Versprechen, Magneten für hochqualifizierte, innovative Fach- und Führungskräfte (und deren Familien), für die von Richard Florida sogenannte kreative Klasse. Kreative Städte sind zudem Orte, in denen die Kultur- und Kreativwirtschaft blüht und gedeiht, die der lokalen Ökonomie innovative Impulse gibt und kreativen Stadtbewohnern Arbeitsplätze sichert. Kreative Städte, so ein oft vorgebrachtes Argument, können den internationalen Städtewettbewerb um Investoren, Investitionen und qualifizierte Arbeitskräfte besser bestehen. 
  • Die kreative Stadt nutzt ihr bauliches Erbe für eine zukunftsorientierte Stadtpolitik. Sie fördert die Umnutzung nicht mehr benötigter Bauten. Sie weiß um die Bedeutung öffentlicher Plätze für die Stadtkultur und als Spielwiesen für kreative Aktionen. Die kreative Stadt bemüht sich um eine attraktive Baukultur und um ein Stadtbild, das Geschichte und Moderne harmonisch vereint. Die kreative Stadt ist auch ein Ort, der neue urbane Produktionen aus den Rändern in die multifunktionale Stadt zurückholt.
  • In der kreativen Stadt haben soziale Integration und Inklusion einen hohen kulturpolitischen, vor allem soziokulturellen Stellenwert, dort wird Kultur vor allem der Bildung wegen gefördert. Die kreative Stadt ist eine offene Stadt, eine liberale und tolerante, multikulturelle und kosmopolitische Stadt. Sie ist auch eine lernende Stadt.
  • Nicht zuletzt haben kreative Städte kreative Verwaltungen und Politiker, die nicht nur Verständnis für die Ziele des kreativen Leitbildes zeigen, sondern es auch umzusetzen. 
Kreative Städte 
 
Die vielfältigen Versprechen der kreativen Stadt haben Städte in alle Welt dazu gebracht, sich dieses Leitbildes für die Formulierung ihre Stadtpolitik zu bedienen. In nur wenigen Strategiedokumenten fehlte heute ein Kapitel zur kreativen Stadt, auch wenn das kreative Label dabei nicht immer kommuniziert wird, sondern nur die Inhalte angesprochen werden. Auch die jährlich wechselnden Kulturhauptstädte Europas beziehen sich auf das Leitbild der kreativen Stadt. Diese Dimension der Stadtentwicklung ist also aus der Stadtpolitik nicht mehr wegzudenken. Dies spiegelt sich auch in der Fülle von Literatur wider, die in den letzten Jahren zu diesem Thema auf den internationalen und nationalen Markt kam (zum Beispiel: Carta 2007, Krätke 2011). Die kulturgeprägte Urbanität ist das Markenzeichen erfolgreicher Städte geworden (Zukin 1995). Auch die Diskussionen um die Reurbanisierung der Stadt betonen die Sehnsucht nach den kulturellen Dimensionen von Urbanität (Brake, Herbert 2012).
 
Beispiele in Deutschland:
 
  • Berlin identifizierte bestehende und potentielle Stadträume für kreatives Handeln und begann, die Kreativwirtschaft als neue Facette der Stadtpolitik zu vermarkten (Senat Berlin 2007; Ebert, Kunzmann 2007/2009; Kunzmann 2012).
  • Hamburg versuchte bei der Entwicklung der Hafencity und der Verwirklichung der IBA Hamburg, Räume für kreatives Handeln zu reservieren, um sich als kreative Stadt darzustellen (Läpple et al. 2015).
  • Das Ruhrgebiet mit seinem großen Potential an ungenutzten industriellen Bauten identifizierte kreative Quartiere, um sein altindustrielles Image aufzupolieren, das auch die weltweit bewunderte IBA Emscher Park nicht aus der Medienwelt schaffen konnte. (Ebert, Gnad 2006).  
  • Frankfurt hat es, wenn auch erst in jüngster Zeit, für notwendig erachtet, das kreative Potential der lokalen Kultur- und Kreativwirtschaft zu erkunden, um das eindimensionale Image der Bankenmetropole mit kultureller Kreativität zu diversifizieren und zu bereichern.
Hindernisse auf dem Weg zur Kreativen Stadt
 
Die kreative Stadt wurde nicht von den kreativen Stadtbewohnern erfunden. Maler, Bildhauer und Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Designer waren erstaunt, dass sie, die jahrelang um mehr kulturpolitische Aufmerksamkeit gekämpft hatten, durch das neue Leitbild der kreativen Stadt plötzlich Hoffnungsträger für die Zukunft geworden waren. Doch sie trautem dem plötzlichen kreativen Aufbruch nicht. Auch die lokalen Kulturpolitiker bezweifelten, dass das unerwartete Interesse an der Kreativität zur Verankerung der Kultur als kommunale Pflichtaufgabe und zur Erhöhung von kommunalen Kulturbudgets führen würde. Sie befürchteten auch, dass sie ihr kreatives Monopol an die Kollegen von der Wirtschaftsförderung verlieren würden. 
 
Trotz zeitweiliger Euphorie hat sich die Begeisterung für die kreative Stadt inzwischen etwas gelegt. Warum? Viele Versprechungen haben sich nicht erfüllt: Sie sind entweder an der politischen und finanziellen Realität der Städte gescheitert oder sie werden, dem Zeitgeist folgend, durch neue modische Leitbilder ersetzt. Schnell hat sich herausgestellt, dass in der so hoch gelobten Kultur- und Kreativwirtschaft vor allem das kreative Segment von Software- und Games Entwicklung floriert, während sie im kulturbezogenen Segment zwar viele, aber auch viele prekäre Arbeitsplätze sichert. Zudem hat in vielen großen Städten das neue, politisch geförderte start-up-Fieber zu einem Perspektivwechsel beigetragen, in dessen marktwirtschaftlichem Kielwasser vor allem innovative Unternehmensgründungen in den Blickpunkt geraten, die meist mehr mit Anwendungspotentialen digitaler Technologien als mit Kultur zu tun haben.
 
Im Kontext kommunaler Wohnungspolitiken werden in Debatten über die stadtpolitische Zukunft dicht bebautere Stadtquartiere als die Ursache von Gentrifizierungsprozessen diskutiert. Empirische Analysen zeigen, dass es insbesondere die Angehörigen der kreativen Klasse sind, die dafür verantwortlich sind. Dies schmälert das stadtpolitische Bemühen um die Identifizierung von kreativen Räumen, da jede kommunale Ausweisung vor allem die Immobilienwirtschaft und den Tourismus stärkt, nicht aber bezahlbare Räume für kulturelle Produktionen und Initiativen schafft.
 
Der Enthusiasmus für architektonische Leuchtturmprojekte, die in der Vergangenheit die medienwirksamen Diskussionen um die kreative Stadt beflügelt haben, hat sich etwas gelegt. Es hat sich vielerorts gezeigt, dass die Kosten dafür nicht kontrolliert werden können und dass die mit dem Fallschirm auf Städte eingeflogenen Architekturmonumente von Stararchitekten nicht immer etwas mit der lokalen Identität der Stadt zu haben. 
 
Nicht zuletzt hat sich auch die Hoffnung, dass das Leitbild der kreativen Stadt die kommunalen Budgets für Kultur und kulturelle Bildung beträchtlich erhöht, nicht erfüllt. 
 
Die kreative Stadt: eine verblassende Mode der Stadtpolitik?
 
Je nach den lokalen Gegebenheiten und Potenzialen oder auch externen Fördermöglichkeiten wurde die kreativen Stadt durch neue Leitbilder ersetzt, durch die Paradigmen der Wissensstadt, der resilienten Stadt, der inclusive city und nicht zuletzt durch die kommerziellen Leitbilder der start-up city und der smart city. Zwei neue Herausforderungen beherrschen die aktuellen Arenen der Stadtpolitik: Die Folgen von Migration und urbanen Konzentrationsprozessen in Stadtregionen auf den (bezahlbaren) Wohnungsmarkt sowie die Folgen der Digitalisierung für die Stadtgesellschaft, die Zukunft der Stadt und die Mobilität ihrer Bewohner. Die Diskussionen über die Folgen der Digitalisierung für die kommunale Kulturpolitik haben gerade erst begonnen.
 
Auch wenn inzwischen andere Leitbilder die politischen Stadtarenen erobert haben, das Anliegen "kreative Stadt" bleibt. Manche Dimension ist zu einem festen Bestandteil kommunaler Stadtentwicklungspolitik geworden, die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem anerkannten Feld lokaler Wirtschaftsförderung und einer Stadtpolitik auf der Suche nach Nachfolgenutzungen für alte Industrieanlagen. Die Tourismuswirtschaft kennt die Bedeutung von lebendigen kulturellen Quartieren und Leuchttürmen in der Stadt. Vielfältiges kulturelles Leben in der Stadt als Voraussetzung für die Sicherung von Lebensqualität ist in der Stadtpolitik vieler Städte fest verankert. Kulturelle Initiativen werden nicht zuletzt gern genutzt, um die Integration von Migranten zu erleichtern. 
 
Die stadtpolitische Aufmerksamkeit für die kreative Stadt ist vorbei, die Begeisterung hat sich gelegt, doch das Anliegen, Kultur als querschnittorientiertes Element der Stadtentwicklung zu betrachten (Siebel 2015) bleibt, ebenso wie jenes, auf die ökologischen Herausforderungen des Klimawandels in den Städten zu reagieren.
 
Die ausführliche englische Version dieses Beitrags erschien zuerst in Arts Management Quarterly Nr. 127 "Culture and Urban Development".
 
 
Literatur
 
  • Brake, Klaus, Herbert, Günther (Hg.; 2012): Reurbanisierung: Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden, Springer.
  • Carta, Maurizio (2007): Creative City: Dynamics, Innovations, Actions. Barcelona: Laboratorio Internationale Editoriale. LioSt.
  • Ebert, Ralf; Kunzmann, Klaus R. (2007): Kulturwirtschaft, kreative Räume und Stadtentwicklung in Berlin. In: DISP, Vol. 4/2007, 64-79.
  • Ebert, Ralf; Kunzmann, Klaus R. (2009): Urban Policies for Creative Spaces in Cities. Planung Neu Denken Nr. 1 / 2009.
  • Florida, Richard (2002): The Rise of the Creative Class. New York.
  • Florida, Richard (2005): Cities and the Creative Class, New York, London.
  • Gnad, Fritz; Ebert, Ralf; Kunzmann, Klaus R. (2006): Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region, Branchen-Orte-Netze. Edition Kreativwirtschaft. Stuttgart, Kohlhammer.
  • IBA Hamburg, Hrsg. (2010): Kreativität trifft Stadt. Berlin: Jovis.
  • Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. 15 Jahre Berichte zur Kulturwirtschaft. In. Jahrbuch für Kulturpolitik 2008. Band 8 Kulturwirtschaft und Kreative Stadt. Essen, Klartext. 83-90. 
  • Kunzmann, Klaus R. (2012): Creative Berlin: What else? In: Kakiuchi, Emiko and Greffe, Xavier (eds.): Culture, Creativity and Cities. Tokyo, Suiyo-sha Publishers.
  • Krätke, Stefan (2011) The Creative XCapital of Cities: Interactive Knowledge Cretion and Urbanozartion Economioes of Innovation. London: Wiley Balckwell.
  • Läpple, Dieter, Sebastian Kröger, Babette Peters und Sarah C. Schreiner (2015) Kreativer Archipel: Orte der Kreativen in Hamburg und in der Hafen City. Hamburg: Junius.
  • Landry, Charles (2000): The Creative City: A Toolkit for Urban Innovators. London: Earthscan.
  • Landry, Charles; Hyams, Jonathan (2012): The Creative City Index: Measuring the Pulse of the City. The Round, Bornes Green near Stroud: Comedia.
  • Landry, Charles (2012): The Origins and Futures of the Creative City. The Round, Bornes Green near Stroud: Comedia.
  • Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, Hrsg. (2007): Kreativräume in der Stadt. Integration von Kunst, Kultur und Co. in die Berliner Stadtentwicklung. Studie von Ralf Ebert, Klaus R. Kunzmann und Cornelia Dümke.
  • Siebel, Walter (2015): Die Kultur der Stadt. Berlin, Suhrkamp.
  • Zukin, Sharon (1995): The Cultures of Cities. Cambridge, Mass: Blackwell.
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