09.01.2019

Themenreihe Karriere

Autor*in

Anke Bohne
studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Vor- und Frühgeschichte. Nach ihrer Promotion absolvierte sie ein Volontariat im Bereich Ausstellungsmanagement und war mehrere Jahre als Marketingreferentin an der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz tätig. Seit 2012 leitet sie das Career Center der Universität Bonn.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Die richtigen Praktika finden

Die eigenen Interessen sollten im Mittelpunkt stehen

Bei der Karriereplanung im Kulturbereich können schon Praktika während des Studiums eine entscheidende Rolle spielen, denn damit heben sich Absolvent*innen später von der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ab. Worauf Studierende bei der Wahl von Praktikumsstellen achten sollten, erklärt Anke Bohne vom Career Center der Universität Bonn im Interview.
KMN: Liebe Frau Bohne, was sind Ihre Aufgaben im Career Center der Universität Bonn?
 
Anke Bohne: Das Career Center unterstützt Studierende aller Fakultäten und Studiengänge bei Fragen der Berufsorientierung und beim Berufseinstieg. Meine Aufgabe ist dabei die konzeptionelle Planung unserer Arbeit, d.h. die Initiierung, Konzipierung und Organisation von Veranstaltungen. Hinzu kommen die Beratung von Studierenden zu Fragen des Übergangs vom Studium in den Beruf, die Vernetzung des Career Centers innerhalb und außerhalb der Universität, die Öffentlichkeitsarbeit und die redaktionelle Pflege unserer Homepage. Außerdem bin ich Ansprechpartnerin für Arbeitgeber, die Stellen ausschreiben, sich den Studierenden präsentieren oder Studierende bzw. Absolvent*innen zu Veranstaltungen einladen wollen. Alles in allem eine vielseitige, abwechslungsreiche und interessante Tätigkeit, die viel Spaß macht.
 
KMN: Welche Rolle spielen Ihrer Erfahrung nach Praktika für einen Werdegang von Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen außerhalb der Wissenschaft?
 
AB: Praktika sind eine sehr gute Möglichkeit, um sich außerhalb der universitären Wissenschaft beruflich zu orientieren. Hier kann ich verschiedene Berufsfelder testen und schauen, ob die Tätigkeit in diesem Bereich wirklich so spannend ist, wie ich sie mir vorgestellt habe. Viele Studierende haben eine bestimmte Vorstellung von ihrem vermeintlichen Traumberuf, diesen aber nie im Rahmen eines Praktikums ausprobiert und wissen damit gar nicht, ob ihre Vorstellung auch nur in Ansätzen der Realität entspricht. Praktika können daher als eine Art Wegweiser für die berufliche Orientierung dienen. Sie helfen herauszufinden, welche Berufsfelder mich wirklich interessieren und in welchen Feldern ich nach dem Studium eventuell tätig werden will und kann.
 
Neben dieser wichtigen Orientierungsaufgabe können Praktika aber auch der Nachweis sein, dass ich speziell in dem Berufsfeld, für das ich mich nach meinem Studienabschluss bewerbe, bereits über Berufserfahrung verfüge. Denn gerade das ist das, was mich von anderen Absolvent*innen unterscheiden kann. Spannende Fächer, gute bis sehr gute Noten, ein Studium in Regelstudienzeit, den ein oder anderen Auslandsaufenthalt und eventuell ein Stipendium – das können viele Bewerber*innen vorweisen. Der Arbeitgeber möchte neben Fachkenntnis und Engagement im Studium aber vor allem wissen, ob der/die neue Mitarbeiter*in die für die Stelle wichtigen Kompetenzen mitbringt. Und diesen Nachweis kann ich u.a. mit Praktika erbringen.
 
Ich sollte mich als Kunsthistoriker oder Archäologin also nach meinem Studium nicht darauf festlegen, dass ich gerne im Museum arbeiten und mit einem wissenschaftlichen Volontariat beginnen würde, wenn ich noch nie vorher ein Museumspraktikum absolviert, einen studentischen Nebenjob im Museum gehabt oder freiberuflich z. B. im Bereich Museumspädagogik gearbeitet habe. Dann fehlt zum einen der Nachweis der Berufserfahrung, zum anderen aber auch der des grundsätzlichen und längerfristigen Interesses an diesem Berufsfeld.
 
KMN: Wie können Studierende über Praktika den richtigen beruflichen Weg auf dem oft recht unübersichtlichen Arbeitsmarkt Kultur für sich finden?
 
AB: Praktika dienen der Orientierung – in positiver und negativer Hinsicht. Ich weiß in der Regel nach einem sechswöchigen bis dreimonatigen Praktikum, ob der Bereich, in dem ich gerade tätig war, für mich so interessant, spannend und herausfordernd war, dass ich mir eine längerfristige Tätigkeit darin vorstellen kann. Wenn dies der Fall ist, kann ich mir überlegen, ob ich ein weiteres Praktikum in diesem Bereich, aber bei einem anderen Arbeitgeber absolviere. Vielleicht gefällt mir aber auch der Arbeitgeber so gut, dass ich beim Unternehmen, aber in einer anderen Abteilung ein Praktikum absolviere oder bei diesem Arbeitgeber während des Studiums anfange, um danach als Volontärin, Elternzeitvertretung oder mit einer "normalen" Stelle einsteigen zu können.
 
Oder aber ich weiß nach dem Praktikum: Diese Tätigkeit kann ich mir vorstellen, aber ich möchte noch andere potentielle Einsatzbereiche in der Kultur ausprobieren. Dann bewerbe ich mich in einem völlig anderen Sektor des Arbeitsmarktes Kultur und stelle mich vom Berufsfeld und vom Arbeitgeber her breit auf.
 
Es kann aber auch sein – und auch dies ist eine Form der Orientierung –, dass ich nach einem Praktikum weiß: Der Bereich ist für mich persönlich nicht der berufliche Weg, den ich einschlagen will. Es ist immer besser, dies im Rahmen eines mehrwöchigen Praktikums herauszufinden als z. B. im Rahmen eines zweijährigen Volontariates.
 
KMN: Was ist heute sinnvoller: sich bei Praktika breit aufzustellen oder sich bereits zu spezialisieren?
 
AB: Die Frage ist immer: Was möchte ich mit einem Praktikum erreichen? Möchte ich einen möglichst breiten Überblick über den Kultursektor haben und damit eher Generalist sein oder mich sehr früh spezialisieren? Beides kann zum Erfolg führen. Ich persönlich finde es gut, sich breit aufzustellen, um herauszufinden, welche Bereiche mich interessieren, meine Kompetenzen in verschiedenen Feldern auszubauen und damit auch bei der Jobsuche flexibler zu sein. Denn es kann immer sein, dass ich im Studium ein bestimmtes Berufsziel vor Augen habe, sich dann aber während des Studiums, einer eventuellen Promotion und der Berufstätigkeit meine beruflichen Ziele und die persönlichen Werte verändern. Wenn ich mich dann nur auf ein einziges Ziel hin ausgerichtet und spezialisiert habe, kann es sein, dass ich viele spannende Bereiche direkt neben meinem beruflichen Hauptweg übersehen habe.
 
KMN: Worauf gilt es bei den Konditionen zu achten, um aus einem Praktikum möglichst viel mitnehmen zu können?
 
AB: Ich denke, der Lernfaktor sollte bei einem Praktikum im Vordergrund stehen. Als Praktikant*in sollte ich nicht als Ersatz für eine "normale" Arbeitskraft gesehen werden, sondern eben als Lernende*r, der bzw. die natürlich die Praktikumsbetreuer arbeitstechnisch auch entlasten kann. Es sollte aber Freiräume für Fragen und Beratung geben, daher ist ein*e feste*r Ansprechpartner*in wichtig. Das Praktikum sollte also ein Geben und Nehmen sein – ich gebe meine Arbeitszeit und Arbeitskraft und nehme dafür Erfahrungen, Einblicke und Netzwerkkontakte mit. Wichtig ist, in einem Praktikum auch entsprechend meiner Fähigkeiten und Vorkenntnisse eingesetzt zu werden. Eine ständige Unterforderung, aber auch eine Überforderung sind nicht Sinn eines Praktikums.
 
Ich persönlich rate zu einer maximalen Laufzeit von drei Monaten. Wenn man sechs Monate Zeit hat, würde ich lieber zwei Praktika à drei Monate absolvieren, um mich breiter aufzustellen, als eben ein sechsmonatiges Praktikum bei nur einem Arbeitgeber. Wichtig ist zudem, alle rechtlichen Bedingungen von Praktika zu kennen – etwa in Bezug auf das Thema Mindestlohn – und mit den jeweiligen Arbeitgebern darüber zu besprechen.
 
KMN: Welche weiteren Möglichkeiten neben Praktika gibt es, um erste Berufserfahrungen zu sammeln?
 
AB: Neben Praktika kann ich im Kulturbereich Berufserfahrungen durch studentische Nebenjobs, freiberufliche Tätigkeit, Praxisseminare oder ehrenamtliches Engagement in Ausstellungsgruppen, Vereinen etc. sammeln. Es gibt in vielen Universitätsmuseen beispielsweise die Möglichkeit, als Studierender Führungen anzubieten und sich an diesen wichtigen Bereich der kulturellen Vermittlungsarbeit heranzutasten. Ich lerne dabei nicht nur, vor einer Gruppe zu stehen, was in vielen beruflichen Kontexten wichtig sein wird, sondern auch, Wissenschaft in verständlichen Worten an interessierte Besucher*innen zu vermitteln. Dies ist eine wunderbare und niederschwellige Möglichkeit, Berufserfahrung zu sammeln.
 
Ein Arbeitgeber schaut nicht darauf, in welchem Kontext, sondern welche Berufserfahrung ich überhaupt gesammelt habe. Daher finde ich es sehr wichtig, Studierenden und Absolvent*innen klar zu machen, dass Praktika eben nur ein Weg sind, Berufserfahrung zu erlangen und nachzuweisen.
 
KMN: Wie lassen sich die universitären Curricula und Aufgaben mit Pflichtpraktika, Nebenjobs usw. vereinen? Worauf sollte man also beim Zeitmanagement achten?
 
AB: Das Studium ist nach Einführung des gestuften Studiensystems mit Bachelor und Master sicherlich straffer durchorganisiert als vor der Bologna-Reform. Teilweise sind je nach Hochschulart und Studiengang bereits Praxissemester oder Pflichtpraktika vorgesehen. Und es gibt bei einem guten Zeitmanagement weiterhin viele Möglichkeiten, Berufserfahrung zu sammeln. Es ist natürlich klar, dass jedes Engagement jenseits der Pflichtanforderungen zu einer größeren zeitlichen Belastung führt. Aber diese Anstrengung lohnt sich, da ich mit einem beruflichen Ziel vor Augen in der Regel sehr viel motivierter und konzentrierter studiere.
 
Und ganz wichtig: Ein Arbeitgeber achtet nicht auf die Einhaltung der Regelstudienzeit, wenn sich die zusätzlichen Semester in Grenzen halten und mit Aktivitäten wie Praktika, Auslandsaufenthalten (die auch für Praktika genutzt werden können), qualifizierten und berufsorientierenden Nebenjobs, freiberuflicher Tätigkeit oder ehrenamtlichem Engagement zu erklären sind.
 
Bei allen spannenden Aktivitäten sollte ich mich als Studierender aber immer fragen: Aus welchen Gründen mache ich bestimmte Dinge? Weil sie mich interessieren? Oder einfach, weil alle dies so machen und die Aktivitäten gut im Lebenslauf aussehen? Wichtig ist, bei mir selbst zu bleiben und mir zu überlegen, was ich will, wie ich mich selbst beruflich orientieren will. Ich lasse mich dann nicht von äußeren Anreizen treiben. Gerade diese können zu einem fehlenden Zeitmanagement führen, da ich mir selbst keine – in diesem Fall beruflichen – Prioritäten setze, sondern mir diese indirekt von meinem Umfeld vorgeben lasse. Wenn ich mich auf die mir wichtigen Dinge konzentriere, ist ein effektives Zeitmanagement in der Regel einfacher als ohne diese Fokussierung.
 
Das Interview führte Kristin Oswald.