08.12.2014

Autor*in

Ernst Wegener
Ernst Wegener
Leitender Ministerialrat
stv. Abteilungsleiter Kultur und Kunst
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Rheinstraße 23-25
65185 Wiesbaden
ernst.wegener@hmwk.hessen.de
Eine Landesausstellung vom Generalunternehmer

Alles aus einer Hand

Hessen feierte 2013 das Grimm-Jahr. Anlass war die 200jährige Erfolgsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen, aber auch der 150. Todestag des Malerbruders Ludwig Emil Grimm. Das Land wollte dieses Jubiläum mit einer großen Landesausstellung würdigen. Unter Berücksichtigung der personellen Ressourcen konnte aber weder eines der Landesmuseen noch der vorgesehene Ausstellungsort, die documenta-Halle in Kassel, die Ausstellung durchführen zumal mit nur einem Jahr Vorlauf. Deshalb mussten sowohl die Konzeption als auch die Erstellung einer kompletten Museumsinfrastruktur an einen externen Dienstleister vergeben werden. Ernst Wegener vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst bilanziert diese Erfahrung.
Das Land Hessen beschritt einen kaum erprobten Weg: Die geplante Ausstellung wurde als generalunternehmerische Leistung mit Konzeption, Gestaltung, Umsetzung, vermittlerischen Tätigkeiten und Öffentlichkeitsarbeit ausgeschrieben. Gefordert war die Lieferung einer fertigen und funktionierenden Ausstellung, mit allen Arbeitsschritten, begleitenden Publikationen, Serviceangeboten im Rahmen des vom Land bewilligten Budgetrahmens von 1,5 Mio. Euro.
 
Nach einer EU-weiten Ausschreibung wurde diese Aufgabe an die Agentur projekt2508 GmbH / expo2508 aus Bonn vergeben. Mit einem überzeugenden wissenschaftlichen Konzept sowie einem eng darauf abgestimmten Marketing konnte sich das Büro gegen acht Mitbewerber durchsetzen.

Das Ausstellungskonzept
 
Der Anspruch an die geplante Landesausstellung war eine umfassende Darstellung des Grimmschen Werkes mit Schwerpunkten bei den populären Kinder- und Hausmärchen sowie dem enormen sprach- und literaturwissenschaftlichen Werk. Vor diesem Hintergrund ein möglichst breites Publikum anzusprechen, war eine besondere Herausforderung. Die Agentur schlug deshalb als Titel der Ausstellung Expedition Grimm vor: Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass die Besucher eine Entdeckungsreise bis in die Gegenwart erwartet, auf der sie sich selbst einbringen können.
 
 
Die Köpfe der Brüder Grimm als Gebirgsprofile durch diese Landschaft führte die Expedition. © expo2508 und Lukas Swiatkowski
 
Anhand von acht Hauptwerken, die in Erstausgaben zu sehen waren, wurde die Lebensleistung der Brüder exemplarisch vorgestellt. Dabei kamen auch die wechselhaften persönlichen und politischen Verhältnisse in den Blick. Arbeiten des ebenfalls erfolgreichen Bruders, des Malers Ludwig Emil Grimm, dokumentierten die Lebensverhältnisse der Großfamilie. Mit großem Einsatz gingen die Kuratoren der Agentur an die Leihverhandlungen, die Leihverträge wurden vom Ministerium in Wiesbaden unterzeichnet. Rund 40 Leihgeber aus Deutschland, Frankreich und Kanada stellten dafür etwa 150 Exponate zur Verfügung.
 
Buchstäblich eintauchen in die Lebenswelt der Brüder konnten die Besucher zudem in einem virtuellen Rundgang durch die Wohnung am Wilhelmshöher Tor in Kassel, umgesetzt vom Fraunhofer-Institut für Grafische Datenverarbeitung IGD. Besonderer Clou des Ausstellungskonzepts war der Bereich zu Werk und Wirkung mit acht Expeditionspfaden, die deren Ausstrahlen bis in die Gegenwart aufzeigten. (Abb. © expo2508 und Fraunhofer IGD)
 
Die Entwicklung des Ausstellungskonzepts wurde dem Ministerium von der Agentur in regelmäßigen Präsentationen zur Diskussion gestellt. Schon frühzeitig hatten die Kuratoren zudem den Austausch mit führenden Grimm-Forschern gesucht, die später auch als Katalogautoren zur Verfügung standen.

Ein Ausstellungs-all-in-Budget
 
Ein kulturelles Großprojekt wie eine Landesausstellung benötigt eine ausreichende Finanzierung. Das Land Hessen stellte für die Expedition Grimm ein Gesamtbudget zur Verfügung, das der Generalunternehmer zu verwalten und zu mehren hatte: Die Einnahmen mussten in das Budget einfließen, also von vornherein mitgeplant werden. Darüber hinaus gelang es, aufgrund des Stellenwerts der kulturellen Bildung im Ausstellungskonzept den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für eine Förderung zu gewinnen. Die Sparkassen-Versicherung unterstützte das Vermittlungsprogramm für Schulen. Da das Gesamtbudget der Agentur allein verantwortet wurde, lag auch das finanzielle Risiko bei ihr. Selbstverständlich mussten die Ausgaben transparent abgerechnet werden, doch ein eventuelles finanzielles Gegensteuern oblag dem Auftragnehmer. Auch wenn ein Risikoaufschlag sicherlich eingepreist wurde, hatte das Land den großen Vorteil einer absoluten Budgetsicherheit. Die Agentur musste zudem die Beauftragung und Koordination sämtlicher zusätzlichen Gewerke, wie Ausstellungsbau, Transporte oder Bewachung, selbst übernehmen.
 
Eine derart komplexe Aufgabe wissenschaftlich, gestalterisch und organisatorisch gleichermaßen gut zu meistern, ist nicht selbstverständlich. Deshalb wurden im Vergabeverfahren nicht nur die üblichen Referenzen und Kompetenz des Teams abgefragt, sondern auch ein wissenschaftliches und gestalterisches Konzept mitsamt den zu erwartenden Einnahmen gefordert.

Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung
 
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Ausstellung war das Marketingkonzept, das die Expedition schon vor der Eröffnung beginnen ließ. Das Corporate Design sollte den konzeptionellen Gedanken in die Öffentlichkeit tragen ob als Plakat, Website oder in den sozialen Medien. Schon frühzeitig wurden zudem mit den Partnern des Grimm2013-Jahres, den touristischen Akteuren und dem Brüder Grimm-Museum in Kassel gemeinsame PR-Aktionen durchgeführt. Hinzu kamen Messepräsentationen und Aktionen für Reiseveranstalter. Sogar eigens entwickelte Merchandising-Produkte waren im Museumsshop zu finden. Eine klug getaktete Pressearbeit trug ebenfalls dazu bei, mit relativ geringem finanziellen Einsatz größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Die sehr gute Presseresonanz reichte von zahlreichen regionalen Blättern bis zu FAZ, SZ, NZZ oder 3Sat.
 
In enger Abstimmung mit dem Ministerium wurde zudem ein anspruchsvolles Begleitprogramm konzipiert mit monatlichen Familiennachmittagen, die mithilfe einer Förderung des BKM realisiert werden konnten, einem Grimm!Slam, oder weiteren Kooperationen, z.B. mit der Stiftung Lesen oder der Jugendakademie Fulda. Einen fulminanten Abschluss fand die Landesausstellung am 8. September 2013 in der Kasseler Museumsnacht. Ein ebenfalls temporär aufgebauter Besucherdienst bot Führungen in 12 Sprachen sowie spezielle Angebote für Schulklassen oder Familien an. Alle Angebote konnten online gebucht werden.

Fazit
 
Die Ausstellung Expedition Grimm an einen Generalunternehmer abzugeben, war für das Land Hessen ein voller Erfolg und 33.000 Besucher für Kasseler Verhältnisse eine sehr ordentliche Zahl. Dass dabei ein hoher Anspruch gehalten werden konnte, zeigen die vielen positiven Kritiken in den Feuilletons, aber auch die Ergebnisse einer Evaluation. Vor allem die Minimierung der üblichen Schnittstellenprobleme war ein großer Vorteil dieses Modells. Sowohl die interne Koordination der nötigen Arbeitsschritte als auch die Vernetzung auf musealer, universitärer und touristischer Ebene oblagen der Agentur und wurden über einen zentralen Ansprechpartner mit dem Auftraggeber abgestimmt. Nicht zuletzt der eingehaltene Finanzrahmen bestätigt die Attraktivität einer Ausstellung aus einer Hand.

Ausstellungsdaten
Hessische Landesausstellung EXPEDITION GRIMM
documenta-Halle, Kassel
27. April 2013 - 8. September 2013

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