10.02.2016

Autor*in

Eva Göbel
verantwortet die Drittmittelakquise für den städtischen Eigenbetrieb „JenaKultur“. Zuvor arbeitete sie als Kulturmanagerin u.a. für die IBA Thüringen, als Redakteurin und Journalistin, unter anderem bei Kultur Management Network. Sie studierte Literatur, Kunst und Kultur in Göttingen, Paris und Jena.
Bibliotheken der Zukunft

Von allem ein bisschen?

Am 28. Januar fand die Bibliothekskonferenz Chancen 2016 in München statt. Neben fachlichen Vorträgen wurde auch die aktuellste Umfrage zu den Vorstellungen und Wünschen von Bibliotheks-NutzerInnen vorgestellt.
Es ist kein Geheimnis: Kulturelle Einrichtungen egal welcher Sparte haben mit den gleichen gesellschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen. Ob Bibliothek, Museum oder Theater bei jeder Konferenz fallen mit Blick auf die Zukunft die Schlagworte Digitalisierung, demografischer Wandel und der Umgang mit Flüchtlingen. Doch ist es zielführend, wenn jede Einrichtung deswegen weitgehend die gleichen Schritte unternimmt und zu ähnlichen, aber wenig spezifischen Lösungen kommt?

Die Bibliothekskonferenz Chancen 2016 wurde von der ekz.bibliotheksservice GmbH (ekz) initiiert und zusammen mit dem Berufsverband Information und Bibliothek (BIB), dem Deutschen Bibliotheksverband (dbv), dem Goethe-Institut und der Münchner Stadtbibliothek durchgeführt. Die ekz ist laut eigenen Angaben der führende Einrichter für Bibliotheks-Medien, -Möbel und -Materialien im deutschsprachigen Raum. Sie beauftragte auch das Institut für Demoskopie Allensbach mit der Umfrage zu den Vorstellungen und Wünschen von Bibliotheks-NutzerInnen und Nicht-NutzerInnen.
 
Nutzer und Nicht-Nutzer sind gleichauf
 
Für die Befragung wurden knapp 1500 face-to-face-Interviews mit BürgerInnen zwischen 16 und 75 Jahren geführt. Davon gaben 26 Prozent an, regelmäßig eine Bibliothek zu benutzen. In der letzten vergleichbaren Befragung aus dem Jahr 2011 waren es noch 29 Prozent. Ein leichter Rückgang der BibliotheksnutzerInnen ist also erkennbar. Knapp die Hälfte aller Befragten besuchen ihre Bibliothek nur sehr sporadisch. Ihr letzter Besuch ist schon mindestens zwei oder drei Jahre her. Die Gruppe der Nicht-NutzerInnen ist zudem genauso groß wie die der regelmäßigen BesucherInnen: 26 Prozent haben nach eigenen Angaben noch nie das Angebot einer öffentlichen Bibliothek genutzt.

Die Wunsch-Bibliothek: Online-Nutzung und längere Öffnungszeiten


Die Bibliotheks-Umfrage gibt auch Hinweise darauf, wie man Nicht-NutzerInnen abholen und NutzerInnen zufriedener machen könnte. Insbesondere die sporadischen NutzerInnen wünschen sich, das Angebot ihrer Bibliothek über das Internet nutzen zu können. Für die meisten gehören elektronische Medien zur Grundvoraussetzung einer Bibliothek. Allerdings wissen viele nicht, dass ihre Bibliothek bereits eine Online-Nutzung anbietet. Ein weiterer oft genannter Wunsch sind möglichst lange Öffnungszeiten. Dass unter den regelmäßigen Bibliotheks-Nutzern mehr junge Menschen als ältere sind, könnte also auch daran liegen, dass Schüler und Studenten rein zeitlich das Angebot besser wahrnehmen können, während Berufstätigen nur eine verkürzte Samstags-Öffnungszeit für einen Besuch bleibt. Auf dieses Problem der Schließzeiten an Sonntagen und in den Abendstunden, die z.B. Berufstätige von der Bibliotheksnutzung weitgehend ausschließen, wies bereits der 2014er Bericht zu Lage der Bibliotheken des dbv hin. Würden Inhalte konsequent digitalisiert werden und online unbegrenzt zur Verfügung stehen, würde sich das Problem mit den zu geringen Öffnungszeiten zumindest teilweise erübrigen, denn das Angebot von Bibliotheken wäre dann zeit- und ortsunabhängig.

Die Mehrheit der Befragten (76 Prozent) wünschen sich ein umfangreiches Angebot an Büchern, E-Books, Zeitschriften, Musik und Filmen. Ähnlich wichtig ist ihnen eine gute fachliche Beratung durch geschultes Personal. Nahezu ebenso viele halten eine angenehme Atmosphäre für sehr wichtig. Das Verlangen nach besonderen technischen Geräten, wie z.B. 3D-Druckern oder digitalen Tonstudios, sowie nach mehr Computerspielen für den PC oder Spielkonsolen haben nur knapp ein Fünftel.

Unsere Bibliothek in 20 Jahren

Die Bereitstellung von Wissen ist nicht mehr das Monopol von Bibliotheken zu umfassend, einfach und schnell ist inzwischen die Informationsbeschaffung durch das Internet. Bibliotheken müssen ihr Geschäftsmodell entscheidend ändern, wenn sie in Zukunft gesellschaftliche Relevanz behalten wollen. Ein Schritt könnte sein, die Aufgaben einer aktiven Leseförderung oder eines Kommunikations- und Begegnungszentrums wahrzunehmen. Diesen Stellenwert beanspruchen auch andere Kultureinrichtungen für sich. Unklar ist aber, wie oft er jedoch tatsächlich aktiv umgesetzt wird und was es für solche Einrichtungen in letzter Konsequenz bedeutet, nicht mehr die Erschließung von Fachwissen als Hauptaufgabe zu haben, sondern Diskussionen, Gespräche und Soft Skills zu fördern.

Bei der Umsetzung dieses notwendigen Veränderungsprozesses müssten klassische Instrumente des Change Management zum Einsatz kommen, über die Dr. Hannelore Vogt, Direktorin der Stadtbibliothek Köln, auf der Konferenz sprach. Eine typische Fehlerquelle ist ihren Aussagen zufolge in überwiegendem Maße die geringe Veränderungsbereitschaft aller Beteiligten. Verantwortlich für ein Scheitern von Veränderungsprozessen sind auch die Einschränkungen durch bestehende Rahmenbedingungen (etwa die unzulässige Beschäftigung von Bibliotheks-MitarbeiterInnen an Sonntagen in manchen Bundeländern oder die ungleiche Rechtslage für Digitalisate und Printpublikationen in Bibliotheken) sowie mangelndes Engagement von Führungskräften. Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden muss, wenn Bibliotheken zukunftsfähig werden wollen.

In diesem Zusammenhang muss realistisch beantwortet werden können, was eine Bibliothek heute leisten kann. Britta Schmedemann, bei der Stadtbibliothek Bremen zuständig für die bibliothekarische Zielgruppenarbeit, zeigte Beispiele auf, wie man auch in Bibliotheken eine Willkommenskultur für Flüchtlinge und Zuwanderer etablieren kann. Angesichts der Tatsache, dass die regelmäßigen Besucher in der Mehrheit über eine höhere Schulbildung und einen hohen sozioökonomischen Status verfügen und andersherum, Menschen mit geringer Schuldbildung und niedrigem soziökonomischem Status viel seltener eine Bibliothek nutzen, besteht hier viel Nachholbedarf im Abbau von Zugangsschwellen. Es ist zumindest eine Frage wert, wie Bibliotheken unter den gegeben Bedingungen ein Begegnungsort auch für Flüchtlinge und Zuwanderer werden sollen, wenn schon die nicht so gut gebildeten und gering verdienenden Bevölkerungsteile die Angebote nicht ausreichend wahrnehmen (können).

In jedem Fall wird die Bibliothek der Zukunft für sich ein Aufgabenspektrum bzw. eine Kombination von Dienstleistungen und Bildungsarbeit definieren müssen, um ihre Relevanz für die Gesellschaft neu herauszustellen.

Weitere Informationen:

Hier finden Sie den Link zu der Studie.
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