03.10.2006

Autor*in

Dirk Heinze
Fachbeitrag

Der Theater- und Orchesterstreit in Thüringen

Thüringens Kultusminister Prof. Jens Goebel löste in den letzten Wochen eine Debatte im Freistaat aus, die vielen Beteiligten als Déja vú erscheinen dürfte. Schließlich wurde schon in den Jahren zuvor ausführlich über Kürzungen und Veränderungen in der Theater- und Orchesterlandschaft Thüringens hitzig diskutiert. Goebel kündigte an, ab 2009 zehn Millionen Euro der Landesförderung einzusparen. Kein Pappenstiel, ist dies doch immerhin ein Sechstel der Gesamtförderung...
Viele vermuten dahinter u.a. den Versuch, den Druck auf die einzelnen Häuser zu verstärken und Zusammenschlüsse oder zumindest weitreichende Kooperationen zu erzwingen. Dies trifft gerade in Thüringen auf erhöhte Schwierigkeiten, sind doch die Theater und Orchester praktisch das Erbe der einzelnen Residenzen. Kurz sind einerseits die Entfernungen zwischen den großen Stadttheatern, groß hingegen die historischen (oder zumindest die gefühlten) Unterschiede. Einem Außenstehenden mag es da bei 25 km Distanz im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegend vorkommen, dass die Häuser in Erfurt und Weimar stärker zusammenarbeiten, in der täglichen Realität werden immer wieder die Eigenständigkeiten (über-)betont und gern auch einmal Spitzen ausgetauscht. So können sich die Erfurter angesichts der im Vergleich zu Weimar besseren Zuschauerzahlen gelassen geben, die Weimarer reagieren ihrerseits noch immer verärgert auf den 50-Millionen- Neubau der Landeshauptstadt und verweisen - nicht ganz unbegründet - auf die hohe künstlerische Qualität vor allem der Staatskapelle. Dabei hatte man beim Neubau des Erfurter Theaters eigens auf die "Kompatibilität" der Bühne mit Weimar geachtet, um zumindest technisch auf eine mögliche Fusion beider Häuser vorbereitet zu sein.


Kunstfest-Geschäftsführerin Franziska Castell, TLZ-Kulturredakteur Wolfgang Hirsch und Minister Jens Goebel (v.l.n.r) beim Talk "Kunst und Castell" am 12.9.2006 im Literaturhaus Weimar
Foto: Kristin Unger

Verwundert ist man über die zur Schau getragene defensive Haltung des Ministers. Bei einer von der Thüringischen Landeszeitung initiierten Podiumsdiskussion bewies Goebel ausnehmende Steherqualitäten. Man konnte den Eindruck gewinnen, er fühle sich gar nicht angesprochen. Eine langfristige Konzeption, ja zumindest eine Vorstellung davon, wie eine Kulturlandschaft Thüringens künftig aussehen könnte, die auch alle anderen Sparten im Blick hat - Fehlanzeige. Der Minister belässt es bei der "normativen Kraft des Faktischen", spielt den Ball stets an die Intendanten weiter. Goebel spricht eher wie ein Finanzpolitiker denn wie ein Minister, der in seinem Kabinett auch als Anwalt der Kultureinrichtungen auftreten sollte. Sicher, 2019 könnte der Thüringer Landeshaushalt nur noch 2 Drittel des heutigen Etats betragen. Andererseits darf man sich schon fragen, wie nachhaltig hier eine Einsparung von gerade einmal 0,1 Prozent wirken soll. Ohne Strategie, ohne die Betrachtung der vielfältigen Wirkungen der Kultur auf die Gesellschaft, sind solche Maßnahmen kontraproduktiv. Kaum gesehen wird in Thüringen der ökonomische Faktor der Kultur, der Einfluss auf den Tourismus, die Wirtschaft und das Image des Landes. Immer wieder, so scheint es, argumentiert die Politik kurzsichtig und eindimensional. Man darf darauf warten, dass nur wenige Zeit später die nächste Sau durch's Dorf getrieben wird. Offenbar wird das kulturelle Erbe in Teilen der Politik und kulturferneren Bevölkerungsschichten eher als Last denn als Stärke empfunden.

All dies zeigt auch, wie wenig man aus den bisherigen Debatten und Maßnahmen im Freistaat gelernt hat. Fusionen wie die zwischen den Theatern Gera und Altenburg, Rudolstadt und Eisenach oder bei der Thüringen-Philharmonie Gotha-Suhl haben keineswegs die gewünschten Entlastungen und damit die notwendige Ruhe für langfristige künstlerische Entwicklungen gebracht. Im Gegenteil: die Thüringen-Philharmonie soll ab 2009 gar keine Förderung mehr erhalten. Hinsichtlich des Marketings, des künstlerischen Betriebs, des Besucherverhaltens oder der Personalplanung ergeben sich bei jeder Fusion gravierende Konsequenzen, die bei klugem Management bedacht, meist aber nicht ausreichend beachtet werden. Man sollte hier öfter die Akteure beider Seiten auf die einschlägige Fachliteratur verweisen, die differenziert die Folgen von Zusammenschlüssen in Kultureinrichtungen begutachtet.


Der Theaterneubau in der Landeshauptstadt Erfurt

Der Widerstand in den Theatern und Orchestern ist gewohnt stark, erfreulich ist jedoch der wachsende Protest unter der Bevölkerung. Eine Bürgerinitative zum Erhalt Thüringer Kultur als Zusammenschluss Thüringer Institutionen, Unternehmen, Kulturvereine und Bürger hat sich im August gegründet und fand auch über die Landesgrenzen hinaus Unterstützung, u.a. beim Deutschen Kulturrat und bei der Deutschen Orchestervereinigung. Sie bündelt geschickt die Kräfte der verschiedenen Beteiligten und sorgt gegenüber der Landesregierung für wachsenden Druck. Sie betrachtet den Abbau der Kultur als "nicht angemessen". Der Vorwurf fehlender Rechtmäßigkeit mit dem Verweis auf Artikel 35, Abs. 1, des Einigungsvertrags ("Die kulturelle Substanz .. darf keinen Schaden nehmen") , hat jedoch Tücken. Obwohl sich Deutschland als Kulturstaat definiert und definieren muss, war diese Passage 1990 eine Zementierung von Strukturen, die für neue künstlerische Ausdrucksformen und Neugründungen zeitgenössischer Kulturformen kaum Luft ließ. Kultur heißt auch Veränderung. Wenn aber eine große Zahl von Bürgern ihre Unterstützung signalisiert, werden augenscheinlich die Theater und Orchester in Thüringen noch immer als wichtige kulturelle Identitätsstifter wahrgenommen. Die Kultureinrichtungen sollten die Gunst der Stunde nutzen und den derzeitigen Protest kanalisieren, indem sie die Bevölkerung zur direkten Mitarbeit in den Freundeskreisen und Fördervereinen ermuntert.

Gefordert sind aber auch die Theater und Orchester selbst. Mag Weimars Theaterintendant Stephan Märki Sponsoring auch nur für "die Petersilie im Maul des Karpfen" halten, so wurde dieser Bereich von den Häusern bisher sträflich vernachlässigt. Es gilt, sich hier an den Erfolgen anderer Ensembles im In- und Ausland mit ähnlichen Voraussetzungen zu orientieren, die attraktive Angebote für Sponsoren schaffen, sich zu engagieren, aber auch Mittel und Personal bereitzustellen, die Fundraising insgesamt überhaupt erst möglich machen. Wer zudem - wie im Fall des Deutschen Nationaltheaters in Weimar - wochenlang in exponierter Lage zur touristischen Hochsaison plakatiert, Theaterferien zu haben, der strahlt als kultureller Leuchtturm eher mit schwachem Licht.


Staatskapelle Weimar

Die Entwicklungen in der Theater- und Orchesterdebatte haben inzwischen bei vielen Verantwortlichen zur Einsicht geführt, dass die Kulturfinanzierung in Thüringen in direktem Zusammenhang mit der Kreisgebietsreform steht. Die längst überfällige Vergrößerung der Landkreise, die damit erhoffte Entbürokratisierung und Verringerung der steuerlichen Ausgaben birgt eine Chance auch für die Neujustierung der Anteile an der Theater- und Orchesterfinanzierung zwischen dem Freistaat, den Landkreisen und den Städten. Die Landkreise, die von den kulturellen Leuchttürmen der Städte profitieren, werden sich künftig angemessen an deren Mitfinanzierung beteiligen müssen. Vorbild ist hier Sachsen. Im Gespräch ist eine auf die Situation Thüringens angepasste Übernahme des Kulturraumgesetzes, das dort bereits seit 1994 für eine gerechtere Lastenverteilung bei der Kulturfinanzierung sorgt.
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