12.06.2008

Autor*in

Veronika Schuster
ist ausgebildete Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie hat mehr als 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Kuratorin für verschiedene Ausstellungsprojekte und Kultureinrichtungen (u.a. Museum Georg Schäfer, Klassik Stiftung Weimar, Marion Ermer Stiftung) gearbeitet. Nebenbei arbeitet sie als Lektorin und Projektleiterin für unterschiedliche Publikationsformate.
Fachbeitrag

Die Neuen Drei Brüder - Lettland verwirklicht lang gehegte Visionen

Mit der Realisierung der Nationalbibliothek Lettland, dem Museum für zeitgenössische Kunst und der Konzerthalle Riga plant Lettland seine drei größten Bauvorhaben der nächsten Jahre.
Vor einem Reiseantritt nach Riga denkt man darüber nach, wie es um das eigene Wissen über die baltische Stadt bestellt ist: Lettische Hauptstadt, Hansestadt, Jugendstil sind dabei Stichworte, die einem einfallen. Ein langer Kampf um politische Unabhängigkeit, Orientierung hin zu westlichen Staaten, hanseatisch weltoffene Geschichte und boomende Wirtschaft davon hat man gehört und gelesen. Aber eine wirkliche Vorstellung über die Erscheinung der Stadt, die lettischen Menschen und deren Kultur hat man nicht.

Umso erstaunlicher ist es, wenn man sich durch die muffigen Gänge des publikumsunfreundlichen Flughafens Berlin-Schönefeld gekämpft hat und in Riga aus dem Flugzeug steigt: Es empfängt einen ein sehr moderner, wenn auch kleiner Flughafen, mit einer wunderbar klimatisierten Luft. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel birgt die nächsten Überraschungen, begegnen einem doch auffallend viele Luxuskarossen und Bauaktivitäten. Bei einer anschließenden Stadttour wird einem endgültig vor Augen geführt, auch wenn noch vieles zu tun ist, in dieser Stadt bewegt sich so einiges: Häuser sind renoviert, neu aufgebaut, wunderbare Parkanlagen angelegt (wenn auch das Betreten und darauf Liegen noch verboten sind), Straßenzüge werden von jungen Menschen und Touristen belebt wie in einer Metropole, altbekannte Geschäftsketten, internationale Banken und zahlreiche Investoren haben ihren Weg nach Riga gefunden.




Doch waren wir daran interessiert, was sich in Sachen Kultur bewegt. Bei einem Besuch in der Staatlichen Agentur "The New Three Brothers" (J3b) erfahren wir von unserem Korrespondenten und dem Organisator unserer kleinen Stadtrundreise, Mario Zetzsche, der für das Museum bei J3b arbeitet, welche drei "Jahrhundert-Kulturprojekte" dieses kleine Land in den nächsten Jahren ins Leben rufen möchte. Kommt man aus Deutschland, wo beinahe jährlich ein Museums-, Theater- oder Bibliotheksneu- oder umbau feierlich eröffnet wird, stutzt man aufgrund dieser Wortwahl "Projekte des 21. Jahrhunderts". Doch ist Lettland etwas kleiner als Bayern und hat gerade mal um die 2,3 Millionen Einwohner und so werden diese drei Projekte zu einer bemerkenswerten Leistung.

The New Three Brothers sind namentlich die Nationalbibliothek Lettlands, das Museum für zeitgenössische Kunst und die Konzerthalle Riga Bauprojekte, die von der Staatlichen Agentur, die dem Kulturministerium direkt unterstellt ist, betreut werden. Der Name geht zurück auf die Drei Brüder ein historisches Bauensemble in der Rigaer Altstadt. Es handelt sich dabei um alte Gewerbe- und Handelshäuser, von denen das älteste aus dem 15. Jahrhundert stammt. Die drei Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, in den 50er Jahren wieder aufgebaut und beherbergen heute das Museum der lettischen Architektur sowie die Kulturdenkmalschutzbehörde und zählen zum Pflichtprogramm eines jeden Touristen.


Bruder 1 - Die Nationalbibliothek Lettlands

Die Nationalbibliothek kann wirklich als Jahrhundertprojekt des lettischen Staates bezeichnet werden. Der Bedarf einer Nationalbibliothek wurde bereits 1928 erkannt, erste konkrete Planungen gehen auf das Jahr 1974 zurück. Seither wurde um diesen Bau auf politischer Ebene gestritten, diskutiert und gekämpft, werden u.a. er und die Gestaltung der umliegenden Flächen doch die enorme Summe von 140 Millionen LVL (ca. 199 Millionen Euro) verschlingen. Seit 1999 erhält das Bibliotheksprojekt prominente, ideelle Unterstützung durch die UNESCO, aber erst im Jahre 2005 wurde das nötige Gesetz "Zur Verstaatlichung von Immobilien und Boden für nationale Bedürfnisse" verabschiedet, das die Umsetzung des Projektes nun möglich macht. Geplant ist eine Bauphase in den Jahren von 2008 bis 2012, Architekt ist der aus Lettland stammende US-Amerikaner Gunnar Birkerts. An dieser Stellen sind einige Fakten zu nennen: der Bibliotheksbestand umfasst 6 Millionen Drucksachen, es werden mehr als 1000 Leseplätze zur Verfügung stehen und 3000 Besucher können pro Tag empfangen werden, zusätzlich wird der Bau Verwaltungsräume, einen Konferenzsaal, Veranstaltungsraum und Ausstellungssaal sowie - immer sehr nützlich - eine Tiefgarage beherbergen.

Das Gebäude ist für Lettland, wie wir mehrfach erfahren, mehr als nur eine Bibliothek es ist ein Prestigeobjekt, das die Unabhängigkeit des Staates widerspiegeln soll. Als "Castle of Light Schloss des Lichts" soll es die Wahrwerdung einer Legende symbolisieren: "Es enthält Metaphern und Referenzen aus den bedeutendsten lettischen Legenden und Liedern der Berg des Lichtes symbolisierte das Schloss des Lichtes, welches der Legende nach, während der blutigen Periode der Unterdrückung von Lettland in den Boden versank. Der Legende nach, wird das Schloss des Lichtes aus der Dunkelheit emporsteigen, wenn die mutigen Männer und Frauen es herbeirufen, und erst dann werden die Menschen wieder frei sein. sagt der Architekt Gunnar Birkerts. Als dieses "Schloss des Lichts" hat auch der Architekt seinen Entwurf verstanden. So wird der spitz zulaufende Bau von Glasfassaden dominiert werden, die in der Nacht eine strahlende Illumination zeigen sollen. Einher mit dem Bau der Nationalbibliothek geht das Projekt "Lichtnetz", ein überfälliges flächendeckendes, einheitliches Informationssystem, das die 2000 Bibliotheken in Lettland verbinden soll. Erst mit dem Lichtnetz wird die nötige Technik für die Informationssysteme und Internetverbindungen angeschafft und somit jeder Gemeinde Lettlands ermöglicht, Bücher zu bestellen oder einzusehen.


Bruder 2 - Das Museum für zeitgenössische Kunst

Die Kunst Osteuropas ist international auf Erfolgskurs. Umso mehr erstaunt, dass in Lettland kein Museum für zeitgenössische Kunst existiert, von einer permanent zugänglichen öffentlichen Sammlung ganz zu schweigen. Die Staatsagentur "The New Three Brothers" betreut für die Entstehung eines Museums für zeitgenössische Kunst zwei parallele Projekte: Zum einen den Umbau eines ehemaligen Energiekraftwerks im Rigaer Hafenviertel, zum anderen den Aufbau einer eigenen Sammlung mit dem Schwerpunkt auf lettischer und internationaler Kunst - vor allem aus dem Ostseeraum. Das Projekt ist insoweit besonders hervorzuheben, da seit dem Bau des Nationalen Kunstmuseums (1905!) kein Museumsneubau in Lettland verwirklicht wurde.



Das stillgelegte Hafenviertel, auf dem das Energiekraftwerk TEC 1 (1905) steht, ist seit dem Frühjahr 2006 für Künstler als Arbeitsraum geöffnet. Für den Umbau des Kraftwerks wurde 2005 der Stararchitekt Rem Koolhaas vom Architektenbüro OMA gewonnen. Sein Entwurf beinhaltet die weiträumige Erhaltung der alten Substanz mit großem Respekt. Ein Beispiel hat sich der Architekt an dem beliebten, an jeder Ecke präsenten lettischen Bernstein genommen: Wie Bernstein die Körper von Insekten umschließt, so wird eine gläserne Hülle das alte Gebäude umfassen und sichtbar lassen. Das Museum soll in in einer öffentlich-privaten Partnerschaft entstehen. Die lettische Verwaltergemeinschaft Jaunrigas attistibas uznemums (JAU) und dessen norwegischer Investor, die das Hafengebiet Andrejsala erworben haben, unterstützen dieses Vorhaben. Wann allerdings mit dem Bau begonnen wird um den ebenfalls seit 20 Jahren diskutiert wird ist nicht klar.

Aber mit Elan und profunden Kunstwissen erwirbt die Staatsagentur zeitgenössische Kunst zum Aufbau einer eigenen Sammlung. Bereits rund 100 Werke können verzeichnet und in einer digitalen Datenbank präsentiert werden. Die finanzielle Grundlage zum Erwerb der Bilder stellt eine Gabe von insgesamt 1 Million LVL (1,4 Millionen Euro) der Aizkraukles Banka. Die Geldmittel werden über den Zeitraum von 2005 an für die nächsten 10 Jahre zum Ankauf freigegeben. Das ist wahrlich nicht viel, doch immerhin stellt diese Zusammenarbeit einen nennenswerten Anfang dar. Den Ankauf der Kunstwerke unterstützt ein Kuratorium von 12 Mitgliedern der nationalen und internationalen Kunstszene, darunter Kuratoren, Museumsdirektoren, Kunstkritiker und Künstler.

"Dadurch dass es kein Museum für zeitgenössische Kunst gab und bisher gibt, war die Rezeption zeitgenössische Kunst lange Zeit nicht hinreichend möglich und es sind erhebliche Mängel entstanden. Es fand ein Bruch in der lettischen und europäischen Kunst statt, Missverständnisse von Kunstprozessen und der Interpretation des Vergangenheit, fehlendes Expertenwissen, Stereotypen in der öffentlichen Meinung, Künstler, die keine Beachtung erhalten und nicht zuletzt zwei Generationen ohne hinreichendes Wissen über zeitgenössische Kunst. Insofern wird ein Museum gebraucht, dass totale Zugänglichkeit ermöglicht und jegliche Barrieren für den Besucher beseitigt, um die künstlerischen Prozesse aber auch die Funktion eines solchen Museums zu verdeutlichen." Sagt Astrida Rogule, Leiterin der Abteilung zum Sammlungsaufbau des Museums für zeitgenössische Kunst Lettlands


Bruder 3 - Die Konzerthalle Riga

Musik hat in Lettland eine immense Bedeutung: Das kleine Land zählt 30.000 organisiert singende Menschen, mehr als 100 Musikschulen, 4 symphonische Orchester und mehrere berühmte Chöre doch besitzt es keine geeigneten Räume, um mit internationalen Standards Konzerte durchzuführen. So kommen wir zum dritten Bruder, der Konzerthalle. Für diesen Bau existieren die Planungen schon seit den 80er Jahren. Doch erst 2006 konnte ein Entwurf des Letten Andis Silis den ausgeschriebenen Wettbewerb für sich gewinnen. Die eindrucksvolle, vielteilige Architektur wird sich über eine Fläche von ca. 22. 000 qm erstrecken und zwei Konzertsälen für 1500 und 400 Zuschauer sowie Repetitionsräumen Platz bieten. Die Bauphase soll in den Jahren von 2010 bis 2013 stattfinden.



Die Kleine Schwester

Da die Staatsagentur in den letzten Jahren nun einige Erfahrungen in Sachen kulturelle Konstruktionsprojekte gesammelt hat, wurde sie mit einem weiteren Projekt in der Stadt Liepaja betraut. Hier entsteht nach Plänen des österreichischen Architekten Volker Giencke eine weitere Konzerthalle, deren Baubeginn für 2008 angesetzt ist.


State Agency "The New Three Brothers"

Die Staatsagentur "J3B" firmiert unter dem wunderbaren Begriff "Staats- Administrationsinstitution". Sie ist der Kulturministerin der Republik Lettland, Helena Demakova, unterstellt einer engagierten und zielstrebigen jungen Politikerin. Das Ziel dieser Staatsagentur ist die Errichtung der "national-kulturell bedeutsamen Bauwerke": Zu ihren Aufgaben zählen u.a. die Bauüberwachung und die Gewinnung von Geldmittel bzw. Investoren im Rahmen von Private-Public-Partnerships. Man ist nach der Präsentation der geplanten Projekte durchaus begeistert. Doch trotz dieses engagierten Vorantreibens der Kulturprojekte wird augenscheinlich, dass die finanzielle und organisatorische Zukunft der ambitionierten Vorhaben bei weitem nicht vollständig und nachhaltig abgesichert ist. Aber viele internationale Kultureinrichtungen wären bei solchen Bedenken sicher nie verwirklicht worden. Und so bleibt einem angesichts der Leistung, die Lettland mit diesen drei Brüdern vollbringen möchte, nur eins zu sagen: "Auf Los gehts los!"
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