18.08.2009

Autor*in

Dirk Schütz
ist Geschäftsführer von Kultur Management Network und der Kulturpersonal GmbH. In den Bereichen Führung, Personalmanagement und Organisationsentwicklung arbeitet er als Berater, Coach und Trainer und unterrichtet als Dozent an Kulturmanagement-Studiengängen im deutschsprachigen Raum.
Fachbeitrag

Halbherziger Schritt in die kulturelle Gegenwart

Thüringen veröffentlichte im Frühjahr 2009 den ersten Kulturwirtschaftsbericht. Dirk Schütz ordnet ihn inhaltlich in die bereits vorliegenden Untersuchungen anderer Bundesländer für uns ein.
Thüringens Kultusminister, Bernward Müller, zeigt sich zufrieden, belegt Thüringen im Kulturfinanzbericht des Statistischen Bundesamtes doch einen Spitzenplatz im Ranking aller deutschen Länder mit 101 Euro Kulturausgaben pro Einwohner (Bundesdurchschnitt sind 85 Euro pro Einwohner): "Thüringen ist ein Kulturland mit weltweiter Ausstrahlung. Die Kulturlandschaft im Freistaat ist einzigartig. Die Bewahrung und Pflege der unermesslichen kulturellen Schätze und Reichtümer Thüringens für nachfolgende Generationen ist eine der dringendsten Aufgaben für die Zukunft."

Vom Thüringer Kultusministerium wurde das Dortmunder Büro StadtArt zur Erarbeitung des Berichtes ausgewählt, das diesen in Kooperation mit dem Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung aus Hannover sowie dem Zentrum für Kulturforschung Bonn erstellte. Diese wurden durch eine interministerielle Arbeitsgruppe, in der das Thüringer Kultusministerium, das Thüringer Ministerium für Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Arbeit, die Thüringer Staatskanzlei und das Thüringer Ministerium für Bau, Landesentwicklung und Medien vertreten waren, unterstützt und begleitet. Die Kosten für den ersten Kulturwirtschaftsbericht bezifferte das Ministerium mit 95.000 Euro.
Besonderheit des Thüringer Kulturwirtschaftsberichts ist sicher, dass das mittlerweile anerkannte und auch im Forschungsbericht 577 der Bundesregierung zugrunde gelegte Teilsektorenmodell für den Kultursektor "mit 11 Sektoren um ein spezifisches "Landesmodell" ergänzt wurde, dass Thüringen-spezifische Branchen ergänzt, die Vergleichbarkeit mit anderen Bundesländern aber sicher erschweren kann. Weitere Besonderheit dürfte die Betrachtung des gesamten Kultursektors in Thüringen, also auch des öffentlichen und intermediären Sektors, sein, die eine genaue Analyse der vorgelegten Zahlen für die Kulturwirtschaft erschwert. Der Kulturwirtschaftsbericht konzentriert sich somit nicht nur ausschließlich auf die Kulturwirtschaft. Er gliedert sich in die Betrachtung des gesamten Kultursektors, in eine spezifische Auswahl öffentlicher und intermediärer Kultureinrichtungen und die Betrachtung deren wirtschaftlicher und regionaler Effekte, in die Betrachtung kulturtouristischer Potenziale anhand ausgewählter Residenzstädte sowie die Betrachtung eines besonderen Strukturmerkmals der Thüringer Medienwirtschaft, das Kindermedienland. Letzteres erfährt allerdings nur eine kurze Betrachtung über 9 Seiten, wobei keine spezifischen Zahlen vorgelegt werden.
Dass bei dieser Aufteilung genaue Zahlen und Entwicklungen der Thüringer Kulturwirtschaft nur schwer verifizierbar bleiben, zeigt auch die schwammige Formulierung, wie viele Finanzmittel im Thüringer Kultursektor "bewegt" werden. Zudem wird am Beginn festgestellt, dass Thüringen derzeit im Vergleich zu Gesamtdeutschland nur unterdurchschnittlich auf die Kulturwirtschaft spezialisiert ist, was jedoch auf strukturelle Besonderheiten "als "kleinteiliges Flächenland ohne echte Metropolen zurückzuführen ist, wo sich aber auch bestimmte Bereiche überdurchschnittlich entwickelt haben. Eine detaillierte Betrachtung besonderer struktureller Problemfelder, etwa der Orchester- und Theaterlandschaft in Thüringen, erfolgt im Rahmen der Studie allerdings nicht und wird auch bei den exemplarischen Beispielen nicht berücksichtigt. Dies verwundert um so mehr, da besonders die Thüringer Museen und Kulturdenkmale und deren Wirkungen herausgehoben werden, was so Minister Müller auch in der künftigen Kulturkonzeption Thüringens und damit einhergehenden Mittelverteilung Niederschlag finden soll. Somit scheinen die Effekte, die große öffentlich geförderte Kultureinrichtung für die Kulturwirtschaft in Thüringen haben, im Mittelpunkt zu stehen. Komplett herausgefallen aus der Betrachtung sind vor allem die Klein- und Kleinstbetriebe der Kulturwirtschaft, die unter die Erfassungsgrenze für steuerbare Umsätze fallen. Gerade vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Gründerszene in diesem Bereich sowie den positiven Effekten im Umfeld der Thüringer Hochschulen und Universitäten (die Bauhaus-Universität mit ihrem weitverzweigten Netzwerk von Ausgründungen und Instituten wird hier ja exemplarisch betrachtet), scheinen hier wichtige Entwicklungspotenziale aus der Betrachtung gefallen zu sein.
Dennoch bescheinigt dieser Kulturwirtschaftsbericht Thüringen weitere Entwicklungspotenziale in der Kulturwirtschaft und führt seine Analysen in Handlungsempfehlungen für die Landesregierung. Die Thüringer Kulturwirtschaft wird dabei als lohnenswertes Entwicklungsfeld eingeschätzt. "Einige der empfohlenen Schritte sollen direkt in die Weiterführung der Thüringer Kulturkonzeption einfließen", so Minister Müller. Dabei kommt der Beibehaltung des hohen öffentlichen Kulturengagements im Freistaat und der Sicherung der außerordentlichen Kulturdichte und "damit deren erwerbswirtschaftlicher Effekte weiterhin eine erhebliche Bedeutung zu. Minister Müller formuliert das so: "Investitionen in die Thüringer Kultur vervielfältigen sich und kommen so wieder zurück."
"Begrüßenswert ist, dass die Arbeit der interministeriellen Arbeitsgruppe weitergeführt wird und die Landesregierung nun den Dialog mit den Kulturverbänden, Kommunen und der Wirtschaft über den Kulturwirtschaftsbericht suchen will. Gerade Empfehlungen zum Thema Existenzgründung in der Kulturwirtschaft oder zur Förderung von Kulturwirtschaftsunternehmen müssen in anderen Ressorts Beachtung finden und sollen in allen Politikbereichen zu einer "integrierten Kulturwirtschaftspolitik" führen.
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