19.03.2014

Autor*in

Simone Raskob
Fachbeitrag

Konzepte für kommunale Kulturimmobilien am Beispiel der Stadt Essen

Kulturbauten wie Opernhäuser, Philharmonien, Theater und Museen sind Sonderbauten, Unikate, jeweils einzigartige Bauaufgaben. Ihre Raumprogramme sind für die jeweilige Stadt, den Standort im Quartier, neu zu entwickeln. Damit unterscheiden sie sich eindeutig von standardisierten Raumprogrammen für Bürogebäude, Wohnungsbauten oder auch Schul- und Kitagebäude.
Aufgrund ihrer städtebaulichen und architektonischen herausragenden Bedeutung für die Stadtentwicklung werden in der Regel regelmäßig internationale Wettbewerbe durchgeführt. Das Aalto Theater, ein Wettbewerbsentwurf des finnischen Architekten Aalto aus dem Jahre 1959, wurde 1988 baulich fertig gestellt und eröffnet. Die Philharmonie Essen als Ergebnis eines Wettbewerbes zwischen 2002 und 2004 von den Architekten Busmann und Haberer umfassend saniert und baulich erweitert. Herausragendes Beispiel der letzten Jahre war der Neubau des Museum Folkwang entworfen durch den 1. Preisträger des Internationalen Wettbewerbs David Chipperfield (2007). Entscheidend für den Erfolg dieses Wettbewerbsverfahrens war ein im Vorfeld eng abgestimmtes Raumprogramm mit dem Nutzer (Museumsverwaltung Museum Folkwang), das auch unter Hinzuziehung externen Sachverstandes überprüft wurde (Herr Bogner, Wien). Dabei hat das Raumprogramm nicht nur die Bedürfnisse des Nutzers, sondern auch die Besucherbedürfnisse und die Wettbewerbssituation dieser Einrichtungen im regionalen oder nationalen Markt zu berücksichtigen. Es war z. B. von Relevanz, die Größenordnung des Philharmonischen Saals mit 1900 Plätzen im Aalto festzulegen, im Hinblick auf die Konkurrenzsituation in Köln oder in Dortmund. Die Erweiterungsflächen des Museum Folkwang in Bezug auf die Flächen des Wechselausstellungsraumes, des Deutschen Plakatmuseums, der Graphischen- und der Fotografischen Ausstellung mussten unter diesem Gesichtspunkt im Vorfeld des Wettbewerbes präzisiert werden.

80 Prozent der Lebenszykluskosten einer Kulturimmobilie entstehen im laufenden Betrieb, nur 20 Prozent umfassen die Investitionskosten. D. h. zu groß gebaute Kulturimmobilien, die im Betrieb die Erwartungshaltung an Besucheraufkommen nicht erfüllen, müssen in der Regel dauerhaft aus kommunalen Haushalten unterhalten werden.

Im Bereich von Museumsbauten hat es in den letzten Jahren eine Kehrwende vieler Architekten gegeben, das die kulturelle Nutzung und das städtebauliche Umfeld als maßgebliche Grundlage für den Entwurfsansatz zu sehen sind. Von der Ikone zum Ort, damit steht die Nutzung und die Einbindung in die städtebauliche Situation im Vordergrund.

Beteiligung von Politik und Öffentlichkeit
Die Akzeptanz von Wettbewerbsergebnissen hängt entscheidend davon ab, inwieweit im Vorfeld die Politik in diesen Wettbewerb mit eingebunden wird. Auch die Mitnahme der Bevölkerung im Wettbewerbsverfahren selbst, wie auch in der baulichen Realisierung (Ausstellungen zu den Planungsentwürfen des Wettbewerbs, Baustellenführungen, Webcams, die den täglichen Baufortschritt im Internet dokumentieren) erhöht die Akzeptanz von Kulturneubauten. Entscheidend ist im Sinne der öffentlichen Akzeptanz die Einhaltung von Zeit- und Kostenvorgaben. Kein gutes Beispiel ist z. Z. die Elbphilharmonie Hamburg, die eine nachhaltige Kritik bzgl. kultureller Großprojekte in Deutschland ausgelöst hat. Auch Bürgerbegehren / Bürgerentscheide im Rahmen von Kulturbauprojekten sind in der kommunalen Praxis angekommen. In Essen hat die Entscheidung, die Philharmonie Essen am bestehenden Standort am Stadtgarten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Aalto Theater zu sanieren und umzubauen, das Kommunalwahlergebnis 1999 entscheidend beeinflusst. Die Einhaltung des Eröffnungstermins im Jahre 2004 war für die Kommunalwahl im Jahre 2005 von politischer Relevanz. Ein Kulturbauprojekt kann einen politischen Wechsel in einer Stadt herbeiführen.

Betreiben von Kulturimmobilien
Die Stadt Essen überlässt (als Eigentümerin) der Theater und Philharmonie Essen ein spielbereites Haus. Die Theater und Philharmonie Essen ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt Essen, in der, der künstlerische Betrieb des Aalto Theaters, der Philharmonie, des Grillo Theaters mit allen Kultursparten, zusammengefasst organisiert wird. Der jährliche, kommunale Zuschussbedarf zum Spielbetrieb dieser Kultureinrichtung beträgt rund 41 Mio. Euro/ Jahr. Gleichzeitig unterhält die Stadt Essen diese Gebäude über ihre 100-prozentige Immobilientochter GVE (Grundstücksverwaltung Essen), der jährliche Gesamtaufwand beträgt rund 18,5 Mio. Euro (inkl. Rücklagen für Museum Folkwang und Philharmonie). Durch die Bündelung dieser 4 Hochkulturgebäude in einer Immobiliengesellschaft können in den nächsten Jahren Synergien von 1,5 Mio. Euro pro Jahr (bereits erzielt ca. 800.000) gehoben werden. Dies insbesondere durch die einheitliche Steuerung, gebäudeübergreifende Zeitplanung, Bündelung der Overheadkosten, Zusammenfassung von Versammlungsbauten, Abschluss gemeinsamer Facility Management Verträge, Verträge von gleichen liegenschaftsübergreifenden Leistungsinhalten, z. B. für Reinigung, Instandsetzung, Veranstaltungsplanung, kaufmännisches Facility Management. Dadurch lassen sich bessere Konditionen durch Kopplung der Verträge der einzelnen Liegenschaften erzielen. Gleichzeitig kann ein lie genschaftsübergreifender Fachpersonal-Pool auch zur Abdeckung von Leistungsspitzen dienen. Fachleute aus dem Theater- und Veranstaltungsbereich als Gebäudeverantwortliche verstehen die Besonderheiten des künstlerischen Schaffensprozesses. So können inszenierungsspezifische Aufgaben durch den Gebäudebetrieb gelöst werden, was der Kunst wertvolle Freiräume schafft.

Die nachhaltige, bauliche Unterhaltung dieser Gebäude auf dem sogenannten Neubauniveau bedingt auch die Professionalisierung des Kulturimmobilienunterhalts in den Kommunen (am Beispiel GVE Essen) und den politischen Willen, bei maximaler Wirtschaftlichkeit des Gebäudebetriebs ausreichende Finanzmittel jährlich zur Verfügung zu stellen. Inwieweit dies in Zeiten schwieriger kommunaler Haushaltslagen dauerhaft nur und ausschließlich durch städtische Haushalte zu leisten sein wird, darf bezweifelt werden.
Es sind zukünftig neue Finanzierungsmodelle auch und gerade zum Betrieb dieser Einrichtungen notwendig, sowohl zwischen den staatlichen Ebenen (Bund, Länder und Gemeinden), wie auch zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand. Ohne den Erhalt der Vielfalt an kommunalen Kultureinrichtungen ist die Zukunftsaufgabe des Vermittlungs- und Bildungsauftrages von Kultur nicht leistbar. Mit der Kulturhauptstadt 2010 haben wir gezeigt, dass wir an die Veränderungskraft von Kultur glauben.

Über die Autorin
Dipl.-Ing. Simone Raskob ist seit 2005 die Beigeordnete für Umwelt und Bauen der Stadt Essen und als Geschäftsbereichsvorstand u.a. verantwortlich für die Immobilienwirtschaft. Sie ist Mitglied der Architektenkammer und des Bundes deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA). 1997 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) berufen. Im Dezember 2012 hat sie der Umweltausschuss des Deutschen Städtetags Nordrhein-Westfalen zur Vorsitzenden gewählt.
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