24.08.2015

Autor*in

Eva Göbel
verantwortet die Drittmittelakquise für den städtischen Eigenbetrieb „JenaKultur“. Zuvor arbeitete sie als Kulturmanagerin u.a. für die IBA Thüringen, als Redakteurin und Journalistin, unter anderem bei Kultur Management Network. Sie studierte Literatur, Kunst und Kultur in Göttingen, Paris und Jena.
Fachbeitrag

Künstlerische Intervention auf dem Land. Das Projekt Matchbox

Das Landleben hat schon seine Vorzüge. Das bemerken auch immer mehr Kulturschaffende, die es in den ländlichen Raum zieht, um dort ihre Projekte zu verwirklichen. Was bietet die Provinz Kreativen, was sie in der Großstadt vergebens suchen? Das Projekt Matchbox des Kulturbüros Rhein-Neckar zeigt die kulturelle Vielfalt und Entwicklungsmöglichkeiten in der Region.
Mit Matchbox sind nicht die von Sammlern begehrten kleinen Spielzeug-Autos gemeint. Den MacherInnen des Projekts geht es um das englische bzw. eingedeutsche Wort matchen, im Sinne von etwas passt zueinander. Im konkreten Kontext wurden internationale KünstlerInnen gesucht, die zu bestimmten Ortschaften der Region Rhein-Neckar passen. Zehn Kommunen wurden ausgewählt, in denen nun vom 1. bis zum 27. September allenthalben künstlerische Intervention geprobt wird. AkteurInnen sind die BürgerInnen vor Ort, MusikerInnen, PerfomerInnen, AutorInnen und Bildende KünstlerInnen.

Initiiert ist Matchbox vom Team des Kulturbüros der Metropolregion Rhein-Neckar, das in monatelanger Vorarbeit die Matchbox Kommunen besucht, beobachtet und analysiert hat, um nicht nur ihre Herausforderungen, Probleme oder Sorgen nachzuvollziehen sondern auch ihre Feste zu feiern, ihre Traditionen und ihre Geschichte zu kennen oder ihre Vision für die Zukunft ihrer Gemeinde zu besprechen. Im Mittelpunkt des Projekts steht der künstlerische Prozess, die Lust darauf, Kunst im Alltag wahrzunehmen und sich selbst für seine Kommune und die Region zu engagieren. Was am Ende bei den Kunstprojekten herauskommt, weiß niemand so genau die Kommunen müssen sich, genauso wie die KünstlerIn, auf die Situation einlassen.

Land der unbegrenzten Möglichkeiten?


Die KünstlerInnen haben sich im Vorfeld die Kommune, in der sie ihr Kunstprojekt starten, selbst ausgesucht. Fragt man nach den Gründen für die Wahl, tritt eine spannende und lehrreiche Wahrnehmung für die Potenziale des ländlichen Raums zu Tage: Phänomene, die sonst wenig anziehend wirken, können Möglichkeiten und Inspiration für Kulterschaffende bedeuten. So suchte sich der Street Artist und politische Aktivist Will St. Leger für seine Aktion Sleeping Dragon den Ort Lindenfels nicht zuletzt deswegen aus, weil er von Abwanderung und Leerstand gekennzeichnet ist. Nun dient ihm ein verlassenes Altenheim sechs Wochen lang als Atelier. Gemeinsam mit den BürgerInnen wird er mehrere Kunstprojekte entwickeln, die im September einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Im Vordergrund der Aktion steht der Kontakt des irischen Künstlers mit den KünstlerInnen der Region und die Idee, Lindenfels zu einer temporären Künstlerkolonie zu verwandeln. So sollen die bereits bestehenden regionalen kreativen Potenziale neue Inspirationen und Formen erfahren und sich zu Netzwerken zusammenschließen.

Wo man sonst vergeblich Räume für Kulturprojekte sucht, bieten sich auf dem Land ungeahnte Möglichkeiten: Günstige Mieten, leerstehende, geschichtsträchtige und charmante Räume, die bespielt werden wollen, Möglichkeiten für kulturelle Um- und Zwischennutzungen. Im Gegensatz zu großen Städten funktioniert auf dem Land oftmals die Ortsgemeinschaft noch und es gibt eine lebendige Vereinskultur. Das ermöglicht es, auf einmal eine gesamte Einwohnerschaft für Kunst- und Kulturprojekte zu mobilisieren und zu begeistern. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sich die KünstlerInnen zuvor mit den BewohnerInnen auf Augenhöhe auseinandersetzen und nicht irgendwelche Projekte, die in der Großstadt gut funktionieren, der Ortsgemeinschaft aufdrücken. Die kommunalen Verwaltungen sind nicht selten für jedes kulturelle Engagement von Außen dankbar, lassen sich auf Experimente ein, und stellen Ressourcen zur selbsttätigen Inbetriebnahme zur Verfügung. Wo in Berlin dankend abgelehnt wird, wenn sich die x-te Kulturinitiative für eine Förderung bewirbt, zeigen sich Gemeinden in strukturschwachen Regionen kooperativer.

Das Hinterland als Heldenland

Die vom Kulturbüro der Metropolregion Rhein-Neckar ausgesuchten KünstlerInnen ließen sich nicht lange bitten, bei diesem Projekt mitzuwirken und ihre Zelte kurzfristig in Ortschaften wie Einhausen, Lindenfels und Hemsbach aufzuschlagen. Julia Strysio, Projektkoordinatorin von Matchbox, berichtet davon, dass viele KünstlerInnen große Lust haben, den Metropolen wie Berlin oder New York einmal den Rücken zuzudrehen: Matchbox Künstler sehen unsere Kommunen weder als Provinz noch als zurückgebliebene Orte, sondern als lebendige Bühnen, die sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort bespielen können. Sie finden einzigartige Bedingungen vor, denn bei Matchbox können sie in einem geschützten Rahmen und über einen längeren Zeitraum Risiken eingehen, Neues ausprobieren, aktuelle Themen aufgreifen und Teil der Communities vor Ort werden. Künstler und Einwohner sind aufgefordert, sich gemeinsam auf einen künstlerischen Prozess einzulassen.

Das Projekt, das alle Matchbox Kommunen 2015 verbinden wird, ist Nibelungen Cycle von Nature Theater of Oklahoma. Die Beweggründe, bei Matchbox dabei zu sein, beschreiben die beiden Künstler so: Before Matchbox, we come in, we do the show, we get out. And ultimately this is the regular way the way that most art gets made and tours. But it left us feeling very disconnected from place and from people, which is something we were trying in various ways over the years to remedy. When we met the people at MATCHBOX we knew that this was a place where we could explore a different way of working. They were really into our idea to explore the region in a physical and slow way on bikes. When we said that the best way we could think of working would be to have people in the community working with us also traveling with us on bikes, having this same deep sense of working together, moving through location together they said yes. When we said that we didnt want this to be for one season only that we make a project and then deliver that project that we wanted to make something locally and then bring that back to the community the following year, they said yes. And its been this yes" every time both from MATCHBOX and from the communities that has been one of the most moving and inspiring aspects of working here.

Aufmischen, Einmischen, Mitmischen

Die Herausforderung der teilnehmenden KünstlerInnen besteht darin, den spezifischen Kontext der Region und die Lebenswirklichkeit der dort lebenden Menschen in ihre Projekte miteinzubeziehen. So spielen in der Region Rhein-Neckar die Sagen um die Nibelungen und den Odenwald eine Rolle. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen, wie die Aufnahme von Flüchtlingen in die Ortsgemeinschaften und die Gestaltung eines Miteinanders stehen ebenso im Fokus der Aktionen. Die KüntlerInnen stehen während der gesamten Zeit in engem Austausch mit den ansässigen Kunst- und Kulturschaffenden.

Matchbox lebt von der Unterstützung und Teilnahme der Städte, Gemeinden und vor allem der Menschen vor Ort. Daher sind alle Menschen der Region eingeladen, sich an den künstlerischen Interventionen zu beteiligen. Sei es, in einem Film als StatistIn mitzuspielen oder eine Hauptrolle zu übernehmen (Nibelungen Cycle), sich kreativ an einem Street-Art-Projekt zu beteiligen (Sleeping Dragon), einer literarischen Prozession beiwohnen (Matchbox Diaries), bei Unplugged-Konzerten zu musizieren (Einhausen Unplugged) oder einfach nur ZuschauerIn zu sein.

Die Projekte setzen in jedem Fall auf Nachhaltigkeit. Das Hemsbach Protocol, ein Projekt, das zusammen mit Flüchtlingen entstehen soll, ist auf zwei Jahre ausgelegt. Zwei Mitglieder des kanadischen Künstlerkollektivs Mammalian Diving Reflex werden für einige Zeit in die Hemsbacher Flüchtlingsunterkunft ziehen. Ziel der Aktion ist es, gemeinsam mit den Flüchtlingen eine Performance zu entwickeln, die der Öffentlichkeit eine Teilhabe an der Lebenssituation der Flüchtlinge ermöglicht und einen Austausch verschiedener Kulturen während des Projektzeitraums ermöglicht.

Die Teilnahme an allen Veranstaltungen von Matchbox ist kostenlos.


Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Veranstalter.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.