07.07.2007

Autor*in

Cornelia Dümcke
Leuchtturmpolitik

Leuchttürme als Orientierung?

Der Netscape Navigator hatte Anfang der 90er Jahre unter anderem den Leuchtturm als Metapher und als Logo für Orientierungen im weltweiten Web benutzt.
In der maritimen Welt sind Leuchttürme Schifffahrtszeichen, Orientierungspunkte, die weithin sichtbar sind, an geografischen Orten, wichtig für die Navigation. Leuchttürme gehören zu den ältesten Kommunikationsmitteln der Menschheit. Symbol für Sicherheit und Orientierung ein Signal, das in schwierigen Fahrwassern den Weg weist.
 

Letzteres mag ein Grund dafür sein, dass in Zeiten gesellschaftlicher Unübersichtlichkeit der Leuchtturm in seiner symbolischen Bedeutung immer wieder neu als Metapher und Bild für die Vermittlung von Visionen und politischen Konzepten benutzt wird. Der Themenschwerpunkt "Leuchttürme" von Kulturmanagement Network ist deshalb durchaus zeitgemäß.
 
Vom Bundesministerium der Finanzen werden ab 17. Juli 2007 zwei Sonderbriefmarken mit Leuchttürmen herausgegeben, gemeinsam mit zwei Sonderbriefmarken zum UNESCO-Weltkulturerbe. In der Ankündigung heißt es: "Auch mit den diesjährigen Motiven Bremerhaven Oberfeuer und Hörnum soll auf die Vielfalt deutscher Leuchttürme aufmerksam gemacht werden." Man weiß mittlerweile um die Bedrohung von maritimen Leuchttürmen, deren Funktion durch technologische Neuerungen an manchen Orten in Frage steht, die als Denkmal für nachfolgende Generationen aber dennoch erhaltenswert sind. Orientierung tut offensichtlich überall not.
 
In der Wissenschaft wird die Frage nach so genannten "Centers of Excellence", nach Leuchttürmen im übertragenen Sinne also, und den erforderlichen (politischen) Rahmenbedingungen seit Jahren gestellt. Auch die Evangelische Kirchengemeinde (EKD) hat kürzlich in einer strategischen Initiative (Impulspapier Kirche der Freiheit) zwölf so genannte "Leuchtfeuer" identifiziert.
 
Schließlich bedient sich die Wirtschaft seit langem der Leuchtturm-Metapher für wirtschaftspolitische Orientierungen bzw. Förderkonzepte. Ob sich Wirtschaftsförderung auf Zentren konzentrieren (Leuchtturmförderung) oder eher eine dezentrale Förderung in der Fläche verfolgen soll, wurde in zurückliegenden Jahren vor allem für die Förderregionen im Osten Deutschlands diskutiert, hat aber wie jüngste Debatten zeigen !mittlerweile auch die westdeutschen Länder erreicht. Festzustellen ist, dass die Leuchtturm- Metapher dann polarisiert, wenn es um die Ausrichtung der Förderpolitik von Staat und Kommunen geht, und um alternative Entscheidungen dazu, ob Maßnahmen entweder auf wenige Zentren bzw. herausragende Institutionen, eben die Leuchttürme, zu richten sind, oder auf die Breite von Einrichtungen bzw. Akteuren in der Fläche.
 
In der kulturpolitischen Praxis und Debatte findet vor allem Letzteres eine Reihe von Parallelen. Hier ist der Begriff des kulturellen Leuchtturms zur Beschreibung und Identifizierung von Einrichtungen mit überregionaler und internationaler Bedeutung benutzt worden, auch um Förderpolitiken des Bundes, der Länder und Kommunen verstärkt auf diese auszurichten.
 
Man kann es als eine weitsichtige Tat bezeichnen, dass die Bundesregierung in den neunziger Jahren ein Leuchtturm-Programm verabschiedete, durch das kulturelle Einrichtungen im gesamtstaatlichen Interesse aus den neuen Bundesländern gefördert und dauerhaft gesichert werden sollten. Dass sich in vielen dieser Institutionen Kulturgüter von Weltrang verbargen, hat man mit Blick auf die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten in Berlin-Brandenburg oder die Franckenschen Stiftungen in Halle an der Saale erkannt. Das gemeinsame Ausstellungsprojekt dieser kulturellen Leuchttürme, in der "Nationalschätze aus Deutschland" von Luther bis zum Bauhaus gezeigt wurden, war für die Bildung von Aufmerksamkeit nicht unwichtig.
 
Viele weniger spektakuläre Kultureinrichtungen und kulturelle Akteure, von deren Existenz man kaum weiß, könnten allerdings zu Recht auch als Leuchtturm in ihrer Stadt oder Region identifiziert werden. Es kommt auf die Perspektive an und die Kriterien.
 
Eine Politik der Konzentration auf Einrichtungen, die als kultureller Leuchtturm das Potenzial haben, sichtbar zu sein und internationale Wirkungen zu entfalten, greift in der Kultur zu kurz. Eine vielfältige und breite Kulturpraxis ist ganz unmittelbar für das Wohl und Wehe auch der Leuchttürme bedeutsam. Kultur aber kann langfristig nur dort gedeihen, wo sie ein entsprechendes Umfeld und ein Publikum findet. Und, wo Förderpolitiken in der Lage sind, diejenigen Akteure zu identifizieren und zu fördern, die kulturelle Orientierungen in ihrem Umfeld geben.
 
Vor kurzem hat man die Bürger des Landes nach ihrer Meinung zur Leuchtturmpolitik gefragt. Das Ergebnis lautet wie folgt: Zwei Drittel der Bürger in Ost (62 Prozent) und West (63 Prozent) plädieren dafür, das Geld dort zu investieren, wo die Strukturen schwach sind, unabhängig von der Himmelsrichtung. Die Bürger befürworten damit deutlich stärker Investitionen in wachstumsarme Regionen als die so genannte Leuchtturmpolitik. Die Konzentration der Mittel auf die Wachstumskerne findet nur ein Viertel der Bevölkerung gut (24 Prozent). Dabei sind die Unterschiede zwischen Ost (21 Prozent) und West (25 Prozent) gering. Dies ergab eine Untersuchung des Instituts für Marktforschung Leipzig, in der Ende April/Anfang Mai ca. 1.000 repräsentativ ausgewählte Bürger aus ganz Deutschland interviewt wurden.
 
Das ist doch eine recht klare Orientierung.
 
CORNELIA DÜMCKE ist als Kulturökonomin und Projektentwicklerin tätig. Sie gründete 1991 das Büro "Culture Concepts" mit Sitz in Berlin. Sie ist für nationale und internationale Organisationen tätig. Cornelia Dümcke hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen sowie Studien und Gutachten verfasst.
 

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