30.09.2015
Provinzkultur III

Potenziale ländlicher Räume konsequent nutzen!

Welche Möglichkeiten bieten ländliche Räume für Kulturprojekte? Worauf muss man achten, wenn man in einer dörflichen Struktur ein neues Kulturangebot etablieren möchte? Und kann man von Kulturarbeit auf dem Land überhaupt leben? Das waren Fragen, die auf dem Fachtag der LAG Soziokultur Thüringen am 17. September 2015 in Sömmerda im Kulturlabor diskutiert wurden.
Kulturarbeit im ländlichen Raum erfordert eine andere Herangehensweise, als es in den urbanen Zentren der Fall ist. Begrenzte Mobilität und eine heterogene Zielgruppe für Kulturangebote sind Folgen der strukturellen Bedingungen und der Bevölkerungsentwicklung auf dem Land. Andererseits entstehen hier immer wieder innovative Kulturprojekte, die auf die spezifischen regionalen Bedingungen zugeschnitten sind und breite Einwohnergruppen einbeziehen. Und dies auch, weil Räume und Objekte für Kulturarbeit auf dem Land noch vorhanden sind.
 
Besonders an dem Fachtag war die positive und konstruktive Herangehensweise an das Thema. Nicht die bekannten und durchdiskutierten Probleme wie der demographische Wandel, Abwanderung oder Strukturschwäche wurden auf die Tagesordnung gehoben. Im Vordergrund standen hingegen Beispiele gelungener Kulturarbeit und der Austausch von Kulturschaffenden über die Bedingungen des Gelingens.
 
Die Kulturwissenschaftlerin und Urbanistin Theresa Dietl forscht über suburbane und ländliche Strukturen. Sie verschweigt die Schwierigkeiten von Kulturarbeit auf dem Land nicht: Das Zielpublikum muss oft erst an ein Kulturangebot fernab von Heimatkultur herangeführt werden. Und Für Kunst und Kultur fehlt schlicht der Absatzmarkt. Beides kann jedoch geschaffen werden. Denn Für Menschen in dörflichen Strukturen ist da, was in ihrem Lebenraum passiert, oftmals viel prägender und enger mit ihrer Identität verwoben, als es bei Städtern der Fall ist. Man hat hier schlichtweg sein ganzes Leben verbracht. Daher ist die Kooperation und Vernetzung mit den amtlichen Strukturen, den Vereinen und Kirchengemeinden unerlässlich. Wenn zusammen Projekte entwickeln werden, ist die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme oftmals sehr hoch. Kultur hat schließlich in dem Sinne auch ein Alleinstellungsmerkmal und ist nicht dem imensen Konkurrenzdruck zu vielen ähnlichen Angeboten ausgesetzt, die es in Ballungsräumen gibt. Auch aus den vielen engen persönlichen Kontakten und Netzwerken, die das dörfliche Zusammenleben ermöglichen, kann für die Kulturarbeit Potenzial geschöpft werden.

Christina Hirschberger arbeitet seit 17 Jahren beim Auerworld. Ein alternatives Musikfestival, das seit 1999 jedes Jahr im Sommer in dem 440 Seelen beheimatenden Dorf Auerstedt stattfindet. Dann strömen ca. 2000 junge Menschen in den kleinen Ort, mit dem sie sich im Laufe der Zeit auch immer mehr auseinandersetzen. Dem Festival-Team ist es nicht egal, auf welcher freien Wiese das Festival ausgerichtet werden kann. Der Rückhalt im Dorf ist eine Kernvoraussetzung für das Gelingen des 3-tägigen Programms. So beziehen Hirschberger und Ihre KollegInnen die Menschen aus dem Dorf in die Planung des Festivals ein, vergeben Aufträge für das Catering und handwerkliche Aufgaben an Ortsansässige. Freien Eintritt auf das Festivalgelände haben die BewohnerInnen Auerstedts immer. Seit kurzem werden auch Kräuterwanderungen oder geschichtlich interessante Ortsführungen in Kooperation mit den EinwohnerInnen organisiert. Das kommt bei beiden Seiten gut an.

Die LAG Soziokultur organisierte am 2. Oktober 2015 eine Leerstand- Bustour durch den thüringischen Landkreis Sömmerda. Den TeilnehmerInnen wurden leerstehende, potenziell für Kultur nutzbare Objekte sowie aktive Kulturprojekte vorgestellt. Gespräche mit den Eigentümern bzw. Verwaltern und mit aktiven Kulturmachern zeigten, was im ländlichen Raum möglich ist. Weitere Infos: MEINE KULTUR
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