07.12.2015

Autor*in

Robert Schlegel
Robert Schlegel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien. Er arbeitete gemeinsam mit seinem Kollegen Felix Sattelberger unter der Leitung von Prof. Seufert an der Musikwirtschaftsstudie 2015.
Studie zum Musikmarkt

Stärker als gedacht

Erstmals berechnet ein Projektteam, wie viele Menschen in der Musikbranche beschäftigt sind und wie hoch ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt ist. Ein Ergebnis: Die Gesamtzahl der Beschäftigten ist höher als in jeder anderen Medienbranche. Bisherige Untersuchungen lieferten nur ein unscharfes Bild. Eine aktuelle Studie der Universität Jena kann nun die gesamtwirtschaftliche Bedeutung umfassender dokumentieren.
Das Kultur- und Kreativwirtschaftsmonitoring liefert regelmäßig Berichte über den Umsatz und die Beschäftigtenzahlen der Musikwirtschaft. Allerdings fließen hier nur die Daten von umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen ein, die in der Umsatzsteuer- bzw. Beschäftigtenstatistik entsprechend ausgewiesen sind und der Musikwirtschaft zugeordnet werden können. Dadurch werden wesentliche Bereiche der Musikwirtschaft nur ungenügend abgebildet. Dies gilt insbesondere für die große Zahl an selbständigen Künstlern oder etwa Musikpädagogen mit niedrigem Einkommen. Das gilt auch für einen Teil der Unternehmen, die Dienstleistungen für die Musikwirtschaft erbringen, aber anderen Branchen zugeordnet werden (z.B. Presswerke). Zudem erlauben die Zahlen keine detaillierten Aussagen zu den von Musikunternehmen, Selbständigen und Arbeitnehmern erzielten Einkommen oder zum Verhältnis von festangestellten zu freien Mitarbeitern.

Um dieses Informationsdefizit zu beheben, gaben die wichtigsten Verbände der Musikwirtschaft eine Studie in Auftrag. Die Studie wurde unter Leitung von Professor Dr. Wolfgang Seufert durchgeführt. Er ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Studie wurde im September 2015 veröffentlicht und die Ergebnisse auf dem Musikdialog Hamburg mit Vertretern aus Politik und Musikwirtschaft diskutiert. Neben dem Ziel, vorhandene Informationslücken zur wirtschaftlichen Lage der Selbständigen und Unternehmen der deutschen Musikwirtschaft zu schließen, sollte erstmals berechnet werden, welchen Anteil die Musikwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu anderen Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft leistet und wie viele Menschen in diesem Sektor beschäftigt sind. Dabei wurden nur private Unternehmen befragt. Die öffentlich geförderten Musikschulen, Theater und Orchester sind wie auch im KKW-Monitoring in den Daten nicht enthalten.

Breit angelegte Unternehmensumfrage schließt Informationslücken
Grundlage für die Berechnungen war neben der Auswertung vorhandener Daten eine vom Projektteam durchgeführte Befragung der Selbständigen und Musikunternehmen in Deutschland. Erhoben wurden jeweils Daten zum Aktivitätsspektrum der Unternehmen, zu ihren Gesamterträgen und einzelnen Ertragsarten sowie zu ihren Gesamtkosten und einzelnen Kostenarten im Jahr 2014. Weiterhin wurde die Beschäftigtenzahl, differenziert nach Art des Beschäftigtenverhältnisses, für Ende 2014 erfragt. An der Umfrage beteiligten sich rund 1.300 Unternehmen mit Gesamtumsätzen von über fünf Milliarden Euro. Mit diesen Daten war es möglich, verlässliche Berechnungen durchzuführen, die sowohl Aussagen über die gesamte Musikwirtschaft als auch für einzelne Teilsektoren erlauben.

Bruttowertschöpfung der Musikwirtschaft größer als die der Filmwirtschaft und Buchverlage
Das gesamtwirtschaftliche Gewicht eines Wirtschaftszweiges wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) üblicherweise über den Indikator Bruttowertschöpfung gemessen. Zur Berechnung der Bruttowertschöpfung werden vom Produktionswert des Wirtschaftszweiges (die Gesamterträge aller Unternehmen) die Kosten für die von anderen Unternehmen bezogenen Vorleistungen (der Materialaufwand aller Unternehmen) abgezogen. Die Bruttowertschöpfung entspricht damit der Höhe der Gesamteinkommen, die in der Branche im Laufe eines Jahres durch Produktionsaktivitäten entstanden sind. Die VGR unterscheidet dabei zwischen Gewinn- und Vermögenseinkommen (Bruttoüberschuss) der Unternehmenseigner und den Lohneinkommen der festangestellten Arbeitnehmer. Selbstständige werden in der VGR wie Unternehmen aufgefasst. Nach unseren Berechnungen betrug die Bruttowertschöpfung der Musikwirtschaft rund 3,92 Mrd. Euro in 2014. Sie steht damit an dritter Stelle im Vergleich zu den anderen Teilbranchen der Kreativ- und Kulturwirtschaft. Nur Fernsehveranstalter und Zeitungsverlage, erwirtschaften höhere Gewinn- und Arbeitseinkommen.

Musikwirtschaft beschäftigt mit Abstand die meisten Erwerbstätigen
Die Zahl der in der Musikwirtschaft beschäftigten Erwerbstätigen ist mit rund 127.500 höher als in allen anderen Kreativwirtschaftsbranchen. Dies ist auf die große Zahl von selbständigen Komponisten, Textdichtern, ausübenden Künstlern und Musikpädagogen zurückzuführen. Ende 2014 waren in der Künstlersozialkasse rund 50.000 Selbständige versichert, deren Haupteinkommen aus dem Musikbereich stammt. Zum Vergleich: Der KKW-Monitor 2013 weist für die Musikwirtschaft 46.600 Erwerbstätige, darunter lediglich 1.900 Selbständige aus.
 
Teilsektor Musikveranstaltungen trägt am meisten zur Bruttowertschöpfung bei
Aufschlussreich ist auch die Betrachtung der jeweiligen Anteile der sieben Teilsektoren der Musikwirtschaft an der Bruttowertschöpfung: Danach hat der Teilsektor Musikveranstaltungen das größte Gewicht, gefolgt von den Teilsektoren Musikaufnahmen und Musikinstrumente. Die Verwertungsgesellschaften im Musikbereich (vor allem GEMA und GVL) sind mit ihren über 1.000 Beschäftigten nicht nur ein Garant für ein regelmäßiges Einkommen von Komponisten, Textdichtern und Künstlern, sondern auch ein eigener relevanter Wirtschaftsfaktor.

Musikwirtschaft bewirkt erhebliche Einkommens- und Beschäftigungseffekte in anderen Branchen
Um die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Branche möglichst umfassend einschätzen zu können, wurden in der Studie sogenannte indirekte Einkommens- und Beschäftigungseffekte, welche durch die Nachfrage musikwirtschaftlicher Unternehmen in anderen Brachen entstehen, sowie Ausstrahlungseffekte berechnet, die durch die Nutzung von Musik in anderen Branchen entstehen. Danach sind durch die Produktionsaktivitäten der Musikwirtschaft im Jahr 2014 in anderen Branchen zusätzliche Einkommen in Höhe von 1,1 Mrd. Euro entstanden und es wurden dort rund 18.000 Erwerbstätige beschäftigt. Als Beispiel für die Ausstrahlungseffekte lassen sich rund 5 Mrd. Euro Umsatz anführen, die jährlich durch den Musiktourismus zum Beispiel im Rahmen von Kurzurlauben entstehen, bei denen Musikveranstaltungen besucht werden.

Die detaillierten Ergebnisse insbesondere zu den Ertrags- und Kostenstrukturen der Unternehmen und Selbständigen in den sieben Teilsektoren der Musikbranche können im Gesamtdokument zur Studie abgerufen werden.

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