05.08.2006

Autor*in

Martin Tröndle
Fachbeitrag

Wirtschaftsästhetik. Forschen an der Schnittstelle von Kunst und Wirtschaft

Erst seit neuerem schauen die Managementtheoretiker hinter die Kulissen des Kulturbetriebs und interessieren sich auch für dessen Organisation oder dessen Arbeitsbedingungen. Dieses wachsende Interesse zeigt sich in Publikationen, in denen ein Know- How- Transfer aus dem Kulturbetrieb in die Betriebswirtschaftslehre angestrebt wird. So machen zum Beispiel Doris Eikhof und Axel Haunschild (2004) in ihrer personalpolitischen Studie zum Theaterbetrieb unter den Stichworten Innovation, Mobilität, Projektkompetenz und Networking das Theater zu dem Modell zukünftiger Arbeitswelten. Harvey Seifter und Peter Economy (2001) sehen ihr Organisationsmodell, das sie anhand des "Orpheus Chamber Orchestra" entwickelten, als zukunftsweisendes Strukturierungsprinzip für Wirtschaftsorganisationen und exportieren es aus der Welt der Kunst in die des Managements.
Weniger auf organisationstheoretische Modelle denn auf kreative, ästhetische Kompetenz setzen Ruediger John und Klaus Heid, die versuchen, das Potential künstlerischer Kreativität für und in Wirtschaftsunternehmen anwendbar zu machen. Die Kuratoren Mari Brellochs und Henrik Schrat (2005) reflektieren in ihrer Ausstellung "Produkt und Vision" die Systemlogik von Kunst und Wirtschaft sowie mögliche künstlerische Interventionen in Organisationen.

Über den Begriff der Wirtschaftsästhetik, der sich an die Begriffe der Wirtschaftsethik oder der Wirtschaftssoziologie anlehnt entsteht momentan ein Interface, mit der das Feld der Kunst der Managementtheorie zugänglich wird. Die Wirtschaftsästhetik ist disziplinär an der Schnittstelle von Kultur- und Kunsttheorie, der Managementlehre und der künstlerischen Praxis angesiedelt. Die Kreativwirtschaft verbindet künstlerisch-kulturelles Wissen und Techniken mit wirtschaftlicher Umsetzung (Österreichischen Kreativwirtschaftsbericht 2003). Als ein Forschungsfeld der Kreativwirtschaft versucht die Wirtschaftsästhetik künstlerisches Denken, Handeln und Produzieren für die Managementtheorie fruchtbar zu machen. Dazu wird bspw. gefragt: Welche Perspektiven eröffnen Künstler - die Spezialisten zur Beobachtung der Kultur in Gesellschaft - wenn sie die Kultur einer Organisation beobachten? Wie lassen sich künstlerische Methoden der Repräsentation kultureller Phänomene in Organisationen einsetzen? Welche Möglichkeiten zur Organisationsentwicklung ergeben sich daraus? Wie kann solch ein Setting der künstlerischen Forschung zur Organisationsberatung aussehen? Die Wirtschaftsästhetik dient somit dazu, kreativ neue Perspektiven auf die Organisation zu entwickeln, um dadurch neues Handeln zu ermöglichen.

Martin Tröndle promovierte zum Thema Festivalmanagement. Seit 2003 ist er Dozent am Studienzentrum Kulturmanagement der Universität Basel und Gastdozent am Institut für Kulturmanagement, Ludwigsburg; seit 2005 ebenfalls Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel.
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