15.09.2014

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Marcus Rüssel
ist Gründer und Geschäftsführer von Gigmit. Er studierte Kulturmanagement und arbeitete im Konzert- und Veranstaltungsmanagement sowie der Künstlerberatung.
Gigmit vermittelt online zwischen Musikern und Veranstaltern

Charmant am Markt platziert

Schluss mit unnötiger Bürokratie im Musikbusiness: Das Berliner Startup Gigmit nutzt das Social Web, um Abläufe im Live-Booking zu standardisieren. Leonie Krutzinna sprach mit Marcus Rüssel, dem Geschäftsführer von Gigmit, darüber, wie sich Kunst und Kultur im Digitalzeitalter effizienter vermittelt lassen.
Sowohl Musiker als auch Veranstalter können sich auf www.gigmit.com ein kostenloses Portfolio erstellen, mit dem sie in der Datenbank von Gigmit auffindbar sind. Veranstalter können hier freie Gigs eintragen, die Musiker sich wiederum für Auftritte bewerben. Von der Terminfindung bis zur Vertragsabwicklung standardisiert das Portal Abläufe für eine effizientere Kommunikation und lässt gleichzeitig Freiräume für individuelle Absprachen.

Die Geschäftsidee entwickelte Gründer und CEO Marcus Rüssel. Zusammen mit seinen Kollegen Robert Winkler, Andreas Kürbis und Christian Klugert gründete er im April 2012 die GET A GIG GmbH in Berlin. Der Launch der Plattform erfolgte ein halbes Jahr später. Mittlerweile sind 13 MitarbeiterInnen bei dem Unternehmen am Standort Berlin Friedrichshain beschäftigt.

KMN: Lieber Marcus, angenommen, ich habe eine Band und möchte ein Konzert spielen. Wie gehe ich das an?

Marcus Rüssel: Ein Booking-Prozess läuft klassischerweise so ab, dass eine Band oder ihre Agentur über Datenbanken oder Online-Recherchen mögliche Veranstaltungslocations ermittelt und diese dann direkt anschreibt. Meistens zieht sich dieser Prozess ziemlich lange hin, bis ein Auftritt vereinbart ist. Manchmal bekommt man auch überhaupt keine Antwort.

KMN: Das heißt ein Konzertveranstalter bekommt sehr viele Anfragen, derer er gar nicht Herr werden kann.

M. R.: Ja. Als Veranstalter kann man durchaus sehr schnell überfordert sein, den etlichen Angeboten zu entnehmen, ob sie zum eigenen Laden passen und ob daraus erfolgreiche Veranstaltungen werden. Das Kernproblem ist: Die Musiker wissen nicht, wann ein Veranstalter in welchem Rahmen Acts zu vergeben hat. Und die Veranstalter können auf Basis einer Email-Information nicht richtig einschätzen, ob die Band zur eigenen Location passt. Es werden sehr viele Emails hin- und hergeschickt, bis es tatsächlich zu einem Gig kommt.

KMN: Du hast Gigmit gegründet, um die Kommunikationsabläufe im Booking effizienter zu gestalten. Wie funktioniert das?

M. R.: Mit Gigmit versuchen wir Informationen zu freien Terminen und Rahmenbedingungen wie Gage, Catering, Übernachtung etc. transparent zu machen. Das erspart eine Menge Kommunikationsarbeit. Darauf aufbauend unterstützen wir die Veranstalter dabei, alle Absprachen über den fertigen Gastspielvertrag bis zum tatsächlichen Auftritt effizient auszuführen. Dabei werden manche Prozesse auch automatisch abgewickelt, zum Beispiel wird die Adresse des Clubs an entsprechenden Stellen angezeigt, sobald sie einmal im System eingetragen ist.

KMN: Gigmit verlegt den Booking-Prozess ins Social Web, ist das eine konsequente Reaktion auf die Digitalisierung?

M. R.: Der Wandel durch die Digitalisierung begegnet uns auch auf Plattformen wie Xing, LinkedIn oder Facebook. Das Social Web bietet Vorteile gegenüber der herkömmlichen Email oder dem Telefonat. Bei uns können Musiker ihr eigenes Portfolio anlegen und Bilder, Tracks oder Videos hochladen. Es gibt eine Uploadfunktion für Technical Rider, Catering Rider und Pressematerial und außerdem kann es mit Facebook, Twitter und Soundcloud verknüpft werden. Gigmit lebt davon, dass Abläufe dort standardisiert werden, wo Effizienz gefragt ist und trotzdem individuelle Absprachen möglich sind.

KMN: Das Booking war bislang die Aufgabe von Agenturen. Fühlen die sich von Plattformen wie Gigmit bedroht?

M. R.: Das Gegenteil ist der Fall! Musiker müssen einen Großteil ihrer Einnahmen aus dem Live-Bereich generieren. Deshalb bekommen Booking-Agenturen selbst mehr Anfragen als sie bewältigen können. Kleine, häufig unbekannte Bands können dann meist gar nicht berücksichtigt werden. Insofern sind Agenturen eher dankbar, wenn wir ihnen über gigmit einen Teil der Anfragen von vornherein abnehmen. Abgesehen davon können bei uns auch Booking-Agenturen Profile für ihre Künstler anlegen und erhalten somit Zugriff auf die Terminübersichten der Veranstalter.

KMN: Geht es euch rein um die Künstlervermittlung? Oder versteht ihr euch auch als Talentscouts?

M. R.: Es geht uns durchaus auch darum, gute Musiker ein wenig zu pushen, deshalb haben wir Anfang des Jahres selbst eine Booking-Agentur gegründet. Wir beobachten unsere Künstler sehr genau und treffen eine Auswahl, wen wir zusätzlich unterstützen wollen. Dafür können sich die Bands selbst gar nicht bewerben.

KMN: Gibt es neben diesen Agenturleistungen zusätzliche Einnahmequellen?

M. R.: Insgesamt arbeitet das Unternehmen mit drei Einnahmequellen: Premium- und Agenturdienstleistungen und Werbung. Zu den Premiumleistungen gehört zum Breispiel, dass wir den Bands helfen über die normalen Leistungen der Website hinaus an Auftritte zu kommen. Die Musiker vergüten das mit einem monatlichen Betrag. Insgesamt läuft das Geschäft noch nicht kostendeckend, aber das ist für ein Startup völlig normal.

KMN: Wie steht es um Provisionszahlungen von Seiten der Musiker oder Veranstalter, wenn über euch ein Gig vermittelt wird?

M. R.: Wir haben den Markt während der letzten zwei Jahre beobachtet und festgestellt, dass prozentuale Provisionen sehr kritisch betrachtet werden. Bei uns gibt es im Gegensatz zu anderen Portalen keine Provisionen mehr. Auch die Anmeldung ist grundsätzlich sowohl für Veranstalter als auch Musiker kostenfrei. Ich denke, dass unser Modell damit sehr charmant am Markt platziert ist.

KMN: Zurzeit arbeiten bei euch 13 Leute. Welche Anforderungen stellst Du an Deine MitarbeiterInnen?

M. R.: Unser Team ist dreigeteilt in die Bereiche Technik, Marketing und Support. Das Team in der technischen Entwicklung kümmert sich um alle Bereiche der Webentwicklung, also im Frontend- und Backend-Bereich, Themenarchitektur, Design usw. Im Marketing sind wir vor allem online aktiv, hier sind Social Media-und Suchmaschinen-Kompetenzen sehr wichtig. Und im Kunden-, Support- und Booking-Team arbeiten überwiegend Leute, die selbst praktische Veranstaltungs- und Booking-Erfahrung haben, um unseren Kunden auf dem gleichen Informationslevel zu begegnen. Wir bilden aber auch aus und vergeben Praktika, man muss also nicht mit absolutem Profi-Know-how bei uns anfangen. Wir möchten als Unternehmen auch Wissen weitergeben und entwickeln.

KMN: Glaubst Du, dass das Modell auf andere Kulturbereiche übertragbar ist, z.B. um Gastspiele im Theater zu verkaufen?

M. R.: Ein Theater-Gastspiel ist sicherlich etwas komplizierter online zu verkaufen, denn je größer ein Kulturevent organisiert ist, desto komplexer muss auch die elektronische Booking-Plattform sein. Aber prinzipiell ist der Bereich der Vermittlung am einfachsten digitalisierbar. Ich habe das Konzept bislang auch im Kunstbereich vorgestellt, um bildende Künstler an Galerien zu verkaufen. Und wir arbeiten mit einer Booking-Agentur zusammen, die Musik und Lesungen vermittelt.

KMN: Wie lässt sich Gigmit noch weiter ausbauen?

M. R.: Wir arbeiten jetzt im zweiten Jahr und es war ein sehr gutes Jahr mit viel Wachstum. Mittlerweile sind bei uns rund 8000 Künstler und 1000 Veranstalter registriert. Wir arbeiten daran, unser System immer einfacher und übersichtlicher zu gestalten, um alles für unsere Kunden aus ganz verschiedenen Ländern transparent zu machen. Außerdem haben wir Anfang September ein Pilotprojekt mit der Berlin Music Week gestartet. Wir haben gemeinsam ein Konzept entwickelt, um ein komplettes Festival zu buchen. Über 1000 Künstler haben sich hier beworben, die dann direkt online gebucht und den einzelnen Bühnen zugewiesen werden konnten. Wir möchten auf diese Festivallogistik im Booking auf jeden Fall weiter eingehen, da wir hier großes Potenzial sehen. Für Bands ist es sehr reizvoll, wenn auch der Festivalmarkt für sie besser zugänglich wird.