11.09.2007

Themenreihe Karriere

Autor*in

Dirk Schütz
ist Geschäftsführer von Kultur Management Network und der Kulturpersonal GmbH. In den Bereichen Führung, Personalmanagement und Organisationsentwicklung arbeitet er als Berater, Coach und Trainer und unterrichtet als Dozent an Kulturmanagement-Studiengängen im deutschsprachigen Raum.
Freies Theater

Der größte Feind ist schlechtes Theater

Ein Interview von Dirk Schütz mit Klaus M. Tkacz (Theaterfirma Erfurt) über Cultural Entrepreneurship. Er hat 1999 die Theaterfirma gegründet und war bis zu diesem Zeitpunkt als Schauspieler in einem ganz normalen Theater angestellt.
Dirk Schütz: Was war damals der Grund für dich, aus einem relativ sicheren Umfeld einer städtischen Bühne in die Selbstständigkeit zu gehen?
 
Klaus Tkacz: Mein Drang war immer, nicht nur auf das rein künstlerische Produkt Einfluss zu nehmen, sondern auch Theater als Gesamtprodukt zu verstehen und es dem Kunden letztlich als Produkt zu verkaufen. Dies war zunächst immer schwierig!! egal an welchem Theater ich angestellt war, ob an einem Staatstheater mit 600 oder später an einem Puppentheater mit 35 Angestellten. Immer hatte ich das Gefühl, dass letztendlich nur der Künstler mit seinem Werk verbunden ist. Alle anderen haben kein echtes Interesse,
dieses künstlerische Produkt zu verkaufen und herauszustellen, worin eigentlich dessen Qualität besteht. Im Gegenteil, es wurde einfach als eine der normalen Markenwaren verkauft, aber nicht wirklich auf das künstlerische Produkt geachtet, ganz besonders am letzten Theater. Dort habe ich z.B. einen Sagenspaziergang inszeniert und auch selbst gespielt. Dies wurde wie eine ganz normale Theaterinszenierung verkauft. Die Anfrage der Tourist-Info Erfurt, ob man da zusammenarbeiten könnte, wurde abgelehnt mit der Begründung, das könne man selbst vermarkten. Dies war ein großer Fehler, was ich heute auch bestätigt bekomme. Ich denke, es gibt auch im Theater verschiedene Produkte, die man einfach in die verschiedenen Theaternischen einführen muss.
 
DS: Als Du das öffentlich subventionierte Theater verlassen hattest, warst Du Unternehmer auf einem freien Markt. Welche Anfangsschwierigkeiten hattest du dabei? Was waren die Dinge, mit denen du als erstes konfrontiert wurdest und die Du gar nicht zunächst bedacht hattest?
 
KT: Meine ersten Hoffnungen lagen hier in Thüringen. Hier gibt es kaum freie Theater und ich sah eine große Nachfrage in den Gemeinden. Angesichts leer stehender Gemeindehäuser musste etwas geschehen. Mein erster Versuch war, die Gemeinden und Kulturverwaltungen zu überzeugen, dass ich ihnen Theater anbiete und sie dies dann vor Ort vermarkten. Schließlich kennen sie die Kindergärten und Schulen sowie die entsprechenden Ansprechpartner. Nach drei Monaten Investitionen gab es nur eine einzige positive Reaktion. Damit hätte ich nie gerechnet. Die Idee war zweifellos gut. Aber es hätte für die verantwortlichen städtischen Angestellten einfach Arbeit bedeutet. Sie hätten etwas ganz Tolles bekommen können, nämlich eine Zusammenarbeit mit einem freien Theater, das ihnen regelmäßig Vorstellungen bietet. Die damit verbundene Organisation wollte sich offenkundig in einer städtischen Administration niemand leisten.
 
Nach dieser ersten Ernüchterung haben wir versucht, Adressen von Veranstaltern in Deutschland zu generieren und denen unser Werbematerial zu schicken. Wir verschickten 500 Briefe und erhielten auch hier eine einzige Reaktion. In dieser stand: Wir sind umgezogen!. Dies wiederum zeigte, dass es so einfach auch nicht geht. Hierdurch wurden wir gezwungen, direkt vor Ort zu schauen, was möglich ist, worin unsere Fähigkeiten liegen und auf welche Ressourcen wir zugreifen können. Letztendlich haben wir uns dann entschieden, selbst die Rolle des Veranstalters zu übernehmen, die normalerweise ein Kulturamt übernehmen müsste. Ab da ging es voran. Die nächste Enttäuschung für uns folgte allerdings gleich. Wir bekamen spürbaren Widerstand von den Kulturämtern, die sich selbst in der Veranstalterrolle sahen. Es war ihnen suspekt, dass wir ohne finanzielle Unterstützung unter Umständen viel mehr Kulturveranstaltungen in einem städtischen Raum organisieren können als das Kulturamt mit drei oder gar zehn Angestellten.
 
DS: Es ist erstaunlich, dass Ihr Euch von den ganzen Enttäuschungen nicht habt entmutigen lassen. Welche Strategie hattet ihr, um zu der Größe und Bekanntheit zu gelangen, die Ihr heute habt?
 
KT: Wir haben stets nach Lösungen gesucht und uns konkret das Veranstaltungsprofil der einzelnen Städte angeschaut, um direkt für dieses bestimmte Publikum zu produzieren. Wir wollten in Bereiche gehen, wo sonst wenig oder nichts angeboten wird. Wir stellten fest, wann örtliche Theater oder Kabaretts Spielpausen machen und wussten in diesem Moment, wo wir präsent sein müssen. Der Erfolg danke dieser Strategie ist inzwischen so groß, dass ich glaube, manch einer schaut jetzt, wann wir selbst Spielpause haben.
 
DS: Wie viele Vorstellungen habt Ihr?
 
KT: Ungefähr 350 Veranstaltungen im Jahr.
 
DS: Wie viele Personen seid Ihr?
 
KT: 4 Spieler und 1 Regisseur.
 
DS: Und die übernehmen auch gleichzeitig alle Managementaufgaben?
 
KT: Ja.
 
DS: Wenn du zurückdenkst an die Zeit in den öffentlich subventionierten Theatern und im Vergleich dazu an Theaterfirma heute - was sind so die gravierenden Unterschiede im Betrieb oder im täglichen Arbeiten?
 
KT: Ich denke, der gravierendste Unterschied ist, dass an erster Stelle das künstlerische Produkt steht, mit dem wir Geld verdienen. Wir schauen nicht, woher Subventionen zu bekommen sind. Umso mehr kommt es darauf an, das Produkt dem Zuschauer zu vermitteln. Für uns hieß das einfach auch, auf die Straße zu gehen und Auszüge aus unseren Inszenierungen auf der Straße vorzustellen. Wir sind im Kostüm mit Musik durch die Straßen gezogen, statt nur Hochglanzplakate oder Werbebroschüren zu verteilen. Dies hat viele motiviert, unsere Vorstellungen zu besuchen.
 
DS: Ihr habt mittlerweile eine relativ große Fangemeinde aufgebaut. Am Anfang standen da die von Dir erwähnten Straßenvorführungen. Was waren aber die nächsten Schritte?
 
KT: Es war wichtig, ein funktionierendes Kundenbindungssystem aufzubauen. Wir wollten Besucher, die einmal zur Vorstellung kommen, darauf verweisen, was es noch gibt. Das bedeutete, einen Spielplan zu machen was für ein großes Haus selbstverständlich ist. Für eine freie Theatergruppe ist es durchaus eine Herausforderung, im Januar schon die Termine für das ganze Jahr festzumachen und damit dem Zuschauer nicht nur Planung zu ermöglichen, sondern auch Kontinuität und Verbindlichkeit zu vermitteln. Wir sind dazu übergegangen, alles zu besprechen, zu planen und einen Adressverteiler aufzubauen, um einfach den Kontakt mit dem Kunden aufzubauen und zu pflegen.
 
DS: Ich beobachte, dass - nachdem ihr so erfolgreich geworden seid - sich mehr und mehr kleinere Gruppen z. B. in Erfurt und Weimar angesiedelt haben. Sie gehen teilweise auch den gleichen Weg raus aus dem Theater oder dem Puppenspiel rein in den freien Markt. Wie geht ihr jetzt mit der Situation um, dass es mehr Konkurrenten gibt? Plant Ihr für die Zukunft doch ein eigenes Haus?
 
KT: Unser größter Feind sind nicht die Konkurrenten, sondern schlechtes Theater. Wenn jemand in eine schlechte Vorstellung geht, dann hat er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Lust am Theater für die nächsten 2 bis 4 Jahre verloren. Das ist ganz einfach eine viel größere Gefahr als die gute Vorstellung nebenan. Unser Wunsch ist, dass wir weiterhin gute Inszenierungen produzieren können und sich eher ein Selbstverständnis in der Bevölkerung etabliert, dass man bedenkenlos in ein Theater hineingehen kann, ohne enttäuscht zu werden. Es gibt dann zwar unterschiedliche Angebote, aber es wird kein richtiger Reinfall dabei sein. Hierbei finde ich es auch richtig, dass ein bestimmter Druck aufrechterhalten bleibt, sein Publikum durch Qualität
an sich zu binden. Unsere Idee ist, dass mehrere gute Gruppen ein Netzwerk entstehen lassen. Wir können uns dann einen Erfurter Theatersommer in 5 bis 10 verschiedenen Hinterhöfen vorstellen.
 
DS: Im Moment seid ihr regional orientiert. Habt ihr Pläne, Eure Präsenz noch auf andere Orte auszudehnen? Wollt ihr raus aus Thüringen oder geht ihr auf Festivals?
 
KT: Wir haben schon eine Außenspielstätte in Wolframs-Eschenbach. dem Ort, wo der Parzival geschrieben wurde. Wir fingen an, Sommertheater in dieser kleinen fränkischen Stadt anzubieten. Dort hat es einmal funktioniert, das eine Stadt sagt: Das ist ja ein unglaublich tolles Angebot, ein so hochwertiges Theater für ein so geringes Risiko zu bekommen. Seit einigen Jahren präsentieren wir dort jeweils eine Woche lang auf einem attraktiven Platz unsere Produktionen, die die Stadt als touristischen Höhepunkt vermarktet und auch wertschätzt. Wir haben zudem sehr gute Besucherzahlen. Ein Abend mit 200 Zuschauern ist keine Seltenheit.
 
DS: Ihr seid sehr wettbewerbsorientiert. Glaubst du, dies wäre auch übertragbar auf die großen staatlichen bzw. städtischen Theater?
 
KT: Die Hoffnung wäre für eine freies Theater wie uns, dass es überhaupt einmal zu einem Wettbewerb untereinander kommt. Derzeit ist es ein Rennen zwischen Hase und Igel. Auch die Idee, einen Hinterhofsommer zu realisieren, wird zu einer echten Wettbewerbssituation mit einem großen Theater führen. Dann muss sich auch eine Stadtverwaltung überlegen, ob es sinnvoll ist, in ein bestehendes großes Haus 60 Millionen Euro zu investieren, während ich in diese kleine Gruppen maximal 60.000 Euro investiere.
Ich wünschte mir eine Annäherung bei der finanziellen Förderung oder zumindest eine gewisse Chancengleichheit, wenn die Zuschauerzahlen stimmen und vergleichbar sind. Eine Annäherung in der Förderpolitik wird automatisch eine Wettbewerbssituation für die großen Häuser bringen.
 
DS: Was würdest du einem jungen Theatermenschen, der sich selbstständig machen möchte, raten? Was sollte er/sie beachten? Was sollte er/sie mitbringen, um in diesem Markt bestehen zu können?
 
KT: Wir haben für uns als Gruppe ganz am Anfang einen Leitsatz kreiert: Wir wollen auf Dauer von unserem Theater leben. Dieser Satz hat uns sehr weit gebracht. Er hat uns viele Diskussionen erspart, weil die Ausrichtung klar war. Es geht hier nicht nur darum, Ideen zu verwirklichen, sondern auch, davon leben zu können. Ich glaube, diese Entscheidung zu treffen, bringt einen schon sehr viel weiter. Das zweite, was ich am Anfang schon sagte: es wird Enttäuschungen geben. Weil man sich etwas ausdenkt, was nicht funktioniert und man 500 Briefe verschickt und eine einzige Reaktion bekommt. Aber das heißt nicht, dass das Produkt oder das eigentliche, was man macht, nichts wert ist. Für mich heißt das vielmehr, weiter zu suchen
dort, wo der Markt für mein Produkt ist. Das hat nichts mit der Qualität meines Produktes zu tun. Ich darf mich nur nicht entmutigen lassen.
 
DS: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.