17.09.2013

Autor*in

Regula Frei
Regula Frei ist Liebhaberin von leckerer Reduktion komplexer Vorkommnisse, lustvolle & gefreute Gestalterin und Bildermacherin, bodenständige und verlässliche Umsetzerin irrsinniger Ideen. Sie lebt in Bern, hat einen MAS in "Adult and Professional Education" (Erwachsenenbildung), spielt E-Bass & Kontrabass in unterschiedlichen Combos. Sie verfügt Berufserfahrungen in der Technik & der betrieblichen Bildung bei den SBB - als Projektleiterin, Fachexpertin Methodik-Didaktik & Moderatorin für Workshops.
Vernetzungsplattform für Musikerinnen

Frauenförderung in Jazz, Rock & Pop

Wir sprachen mit der Leiterin von HELVETIAROCKT, Regula Frei, über Frauenförderung als "spielerisches und lustvolles Schrauben am System".
Das Gespräch führte Birgitta Borghoff.
 
KMN: Liebe Regula, du bist Leiterin von HELVETIA on Stage und der Geschäftsstelle von HELVETIAROCKT - der Koordinationsstelle für Musikerinnen im Jazz, Pop und Rock - die am 8. März 2010 ins Leben gerufen wurde. Was sind Sinn, Zweck, Ziele und Angebot von HELVETIAROCKT und was war Deine Motivation, eine solche Koordinationsstelle explizit für MusikerINNEN mit aufzubauen?
 
Regula Frei: Der Aufbau gebührt ganz alleine Judith Estermann (heute Präsidentin des Vereins HELVETIAROCKT und Isabel Portmann. Ich bin Ende 2011 dazu gekommen und konnte auf bestehendem und sehr gutem Fundament aufbauen. Strategie, Website, Konzept, Businessplan, Strukturen etc. waren bereits vorhanden und der Kick-off in 4 Städten der Schweiz hat bereits stattgefunden.
 
HELVETIAROCKT verfolgt das Ziel, den Frauenanteil auf Schweizer Bühnen sowie an den Schulen im Jazz, Pop und Rock auf 30% anzuheben. Wenn dieser Prozentsatz erreicht ist, gehören die Frauen in diesen Sparten nicht mehr einer Minderheit an. Dann ist unsere Arbeit erledigt und wir starten etwas Neues. HELVETIOSINGT für mehr Sänger an den Musikhochschulen und bei "the voice of switzerland" zum Beispiel.
 
Was wir aktuell bieten:
 
Bereitstellen einer Vernetzungsplattform für Musikerinnen mit Datenbank. Hier können Musikerinnen für Projekte gefunden werden, Frauenbands für Veranstalter. Musikerinnen werden sichtbar gemacht.
 
Newsletter und Homepage-Verwaltung.
 
Aktuelle Links, Tipps, Konzerthinweise etc. auf den Social-Media Kanälen (Facebook, Twitter, You-Tube Kanal)
 
Fliegende Anlaufstelle in der ganzen Schweiz (dieses Konzept wird neu überarbeitet und startet im 2014 neu) für Fragen rund um das Thema und für die Vernetzung in der Szene.
 
Organisieren von Gesprächsrunden, Vernetzungsworkshops, Bildungstagen je nach Bedarf.
 
Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Schweizer Bevölkerung.
 
Lancieren von Projekten wie z.B. "Female Bandworkshops mit Konzerten und Studiotag" für Frauen zwischen 15-22 Jahren.
 
Was die persönliche Motivation betrifft: Ich selbst habe 10 Jahre bei den SBB gearbeitet, davon 5 Jahre im rein technischen Bereich und mache seit gut 20 Jahren Musik als Bassistin. Ich war meist als einzige Frau in Männerteams und in klassischen Männerdomänen tätig. Die Genderthematik kenne ich also von der praktischen Seite her. Aufgrund meiner Erlebnisse bin ich überzeugt davon, dass Ziel, Sinn und Zweck von HELVETIAROCKT richtig und wichtig sind.
 
Solange:
 
es Eltern gibt, die ihren Mädchen verbieten Schlagzeug oder Elektrogitarre zu spielen,
 
Bemerkungen wie: "oh, schau, eine Frau spielt Schlagzeug!" zur Tagesordnung gehören,
 
Interviewfragen wie: "ihr seid eine Frauenband gibt es bei Euch viel Zickenkrieg?"bei praktisch jedem Interview dabei sind,
 
tolle Musikerinnen erzählen, dass ihnen aus nächstem sozialen Umfeld nahegelegt wird "langsam aber sicher mit dem Schabernack aufzuhören und sich einem anderen, weiblicheren Hobby zuzuwenden"
 
gibt es noch VIEL zu tun für uns.
 
Als junge Frau war mir dies nicht halb so bewusst und wichtig wie heute. Bei HELVETIAROCKT sehen wir diese Arbeit als "spielerisches und lustvolles Schrauben am System" - es geht nicht darum Opfer zu spielen oder Männer auszugrenzen. Nur so passt es mir auch.
 
KMN: Was ist das Geschäftsmodell von HELVETIAROCKT?
 
Regula Frei: Wir sind ein Verein mit Vorstand und Vereinsmitgliedern. Eine Mitgliedschaft kostet CHF 50.- im Jahr.
 
KMN: Welche aktuellen Kooperationen/Kooperationsprojekte mit anderen wichtigen Stakeholdern aus der Musikerinnenszene gibt es und wie sieht so eine Zusammenarbeit im Einzelnen ganz konkret aus?
 
Regula Frei: Die Kooperation mit andern Organisationen ist vielseitig, denn unser Spektrum ist breit: vom Kind über Jugendliche bis zur reifen Frau, von der Anfängerin zur gestandenen Profimusikerin. Wir kümmern uns um Genderthemen genauso wie um Entwicklungen in der Musik. Dazu sind wir gesamtschweizerisch Tätig.
 
Einige Beispiele:
 
Am m4music haben wir gemeinsam mit der action swiss (heute Musikschaffende Schweiz) einen Workshop zum Thema "Self-Made Frauen im Musikbusiness" durchgeführt.
 
Mit dem Frauenraum Bern ein Podiumsgespräch "auf welcher Bühne spielen die Frauen" mit Konzert organisiert.
 
Bei den Swiss-Live-Talents waren wir in der Jury.
 
An der Sommerakademie von Infoklick sind wir dabei.
 
Für das Projekt "Female Bandworkshops" arbeiten wir mit den Musikschulen, den Jugend-Kulturzentren und Konzertlokalen und werden viel Medienarbeit leisten.
 
Mit Stellen wie mx3, dem rfv in Basel, dem VMS, mit women in music, der Genderabteilung der HSL oder der Gendercampus Bern sind wir im laufenden Informationsaustausch.
 
Mit dem Festival Onex in Genf pflegen wir ebenfalls den Austausch sowie vielen weiteren Veranstalterinnen, Bookerinnen etc.
 
Im CD- und Plattenladen ChopRekords Bern gibt es eine eigene HELVETIAROCKT-Abteilung mit den Produkten der Schweizer Musikerinnen.
 
KMN: Wie funktioniert HELVETIAROCKT und wie muss man sich Ihren Arbeitstag vorstellen?
 
Regula Frei: Der Vorstand von HELVETIAROCKT besteht aus 6 Personen, die Freiwilligenarbeit leisten. Hier wird gesteuert (Strategie und Ziele definiert) aber auch tatkräftig unterstützt. Die 2 Mitarbeiterinnen leisten insgesamt 90 Stellenprozent: 40% für die Leitung der Geschäftsstelle, 30% für den Aufbau von "HELVETIA on Stage"(der Agentur für Musikerinnen) und 20% für die Projektleitung von "Female Bandworkshops". Je nach finanziellen Mitteln im 2014 kann sich dies wieder ändern. Wir brauchen noch mehr Personen, die uns auf freiwilliger Basis unterstützen hier fehlt uns noch einiges an Arbeitskraft. Wir arbeiten zu Hause und sind unterwegs in der ganzen Schweiz. Unser Büro ist in Kulturlokalen, bei PartnerInnen, im Zug, in der Küche, im Wohnzimmer
 
 
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