22.01.2016
Gesellschaftliche Transformation

Der Stellenwert von Kultur

Das Goethe-Institut bietet seit 2009 neue Qualifizierungsprogramme im Kulturbereich, insbesondere für KulturmanagerInnen an. Ziel dieser Programme ist neben der beruflichen Qualifizierung die internationale Vernetzung sowie die Initiierung gemeinsamer Projekte im Kulturbereich zwischen den Herkunftsländern der Teilnehmenden und Deutschland. In einem Interview mit Imke Grimmer werden einige Grundfragen dieses Engagements besprochen.
Das Interview führte das Institut für Kulturkonzepte Wien.
 
Kulturkonzepte: Warum ist Ihrer Meinung nach Kultur in Entwicklungsprozessen wichtig?
 
Imke Grimmer: Kultur und Bildung sind unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft eine Grundprämisse für jede Form von menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Das betrifft uns alle. Ohne Kultur und Bildung können wir uns weder gesellschaftlich, noch politisch oder ökonomisch entwickeln. Und aus dem Verständnis des Goethe-Instituts heraus sind Kultur und Bildung direkt miteinander verbunden. Aus diesem Antrieb heraus entstand 2009 das erste regionale Qualifizierungsprogramm in Kulturmanagement, das wir für Teilnehmende aus der Region Sub Sahara Afrika umgesetzt haben. Den Bedarf eines solchen Qualifizierungsprogramms haben wir bei unserer langjährigen Arbeit in der Region erkannt. Dadurch, dass das Programm hervorragend angenommen wurde und der Bedarf auch in anderen Regionen überdeutlich war, zum Teil auch durch fehlende Kulturmanagement-Angebote in der formellen und informellen Bildungslandschaft der jeweiligen Regionen, haben wir dieses Qualifizierungsprogramm auch auf andere Regionen ausgebaut, immer an die lokalen Bedingungen angepasst.
 
Kulturkonzepte: Welche Herausforderungen gibt es in der Arbeit?
 
Imke Grimmer: Herausforderungen kann man auf verschiedenen Ebenen beschreiben: Auf der Ebene des Goethe-Instituts ist sicher unser Rotationsprinzip Chance und Herausforderung in gleichem Maße. Dadurch, dass die Leitungen der Institute alle5 Jahre wechseln, muss es ein gutes und funktionierendes Wissensmanagement geben. Auf der Ebene der politischen Arbeit ergeben sich so manches Mal Herausforderungen, denn gerade die AkteurInnen der Zivilgesellschaft, die u.a. in unseren Kulturmanagementprogrammen qualifiziert werden, sind oftmals auch die Veränderungskräfte im Land selbst, die nicht immer mit der herrschenden Politik einer Meinung sind. Dementsprechend ist es ein Balanceakt, auf der einen Seite diese zivilgesellschaftlichen Akteure zu unterstützen, auf der anderen Seite aber keine politischen Risiken einzugehen. Das Goethe-Institut ist natürlich auch Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und damit gebunden an die Rahmenbedingungen der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. So ist es wichtig, immer wieder auszuloten, was möglich ist, und welchen Handlungsspielraum wir haben.Eine dritte Ebene ist die Perspektive der Kultureinrichtungen im jeweiligen Land. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in vielen Ländern sind für KünstlerInnen und Kulturschaffende schwierig. Gerade die Teilnehmenden aus Ländern, die sich momentan in extremen politischen Transformationsprozessen befinden, agieren unter sehr sensiblen und instabilen Bedingungen. Trotzdem will das Goethe-Institut versuchen, Perspektiven zu eröffnen und Impulse zu geben, die eine Arbeit in der Gegenwart und für die Zukunft ermöglichen. Wir versuchen, durch unsere Programme Anstoß zu geben und oft ermöglichen wir einfach eine Auszeit, um andere Realitäten zu sehen und Abstand zu gewinnen zu den eigenen Bedingungen und Möglichkeiten.Die richtigen und passenden TeilnehmerInnen auszuwählen, ist immer wieder herausfordernd. Hier sind die Goethe-Institute vor Ort natürlich diejenigen, die die Kontakte in die Szenen haben und diejenigen AkteurInnen kontaktieren, die langfristig wichtige Multiplikatoren sein können.
 
Kulturkonzepte: Kann eine Wirksamkeit der Bildungsprogramme gemessen werden?
 
Imke Grimmer: Dies versuchen wir selbstverständlich und sehen dies als ein langfristiges Vorhaben. Die Wirkungen können dementsprechend auch nur langfristig gemessen werden. In den letzten Jahren konnten wir das bereits durch die sehr wichtige Alumniarbeit sichtbar machen. Hier geht es hauptsächlich um multiplikatorische Wirkungen durch Projekte, die weitere Personen erreichen und damit ein Schneeballsystem darstellen von den tatsächlichen TeilnehmerInnen hin zu anderen Kulturschaffenden im jeweiligen Land. Die Alumniarbeit wird stark über die sozialen Medien verfolgt, aber auch durch die intensiven Kontakte der Goethe-Institute vor Ort mit den jeweiligen Kulturschaffenden verbreitet. Anlassbezogen werden immer wieder ehemalige Teilnehmende als Projektmanager, Berater, Trainer etc. einbezogen. Hier geht es darum, zu sehen, wie die Netzwerke wirken, welche Projekte realisiert werden und welche Kontakte über die Region hinaus etabliert worden sind.
 
Kulturkonzepte: Was genau macht das Goethe-Institut anders als andere?
 
Imke Grimmer: Wir sehen die Kulturinstitute anderer Länder nicht als Konkurrenz, sondern als konstruktive und gute Ergänzung. Diese haben ihre eigenen Ansätze und wir ergänzen uns dadurch sehr gut. Weiterhin wird mit dem EUNIC-Netzwerk (European Union National Institutes for Culture) eine weitere engere Vernetzung und Zusammenarbeit praktiziert. Das Goethe-Institut zeichnet sich darüber hinaus durch die zum Teil schon sehr lange Präsenz in den einzelnen Ländern und Regionen aus. Durch diese Kontinuität kennen wir die Kultur- und Bildungsszenen sehr gut und haben ein Vertrauensverhältnis zu vielen AkteurInnen aufgebaut. Das bedeutet, dass die ProjektpartnerInnen oftmals schon von Anfang an in Konzeptionen mit eingebunden sind und daher immer als konzeptioneller, inhaltlicher Partner angesehen werden.
 
Imke Grimmerstudierte in Berlin und Montpellier Ethnologie, Romanistik und Arabistik, war in internationalen Bildungsprojekten tätig und koordiniert seit 2009 das Arbeitsfeld Kulturmanagement in der Zentrale des Goethe-Instituts in München.
 
Das Interview erschien zuerst im KM Magazin Oktober 2015 zum Jubiläum des Instituts für Kulturkonzepte
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